Bereitet dem Herrn den Weg

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Predigt zum Zweiten Adventssonntag 2017

Liebe Brüder und Schwestern, im Credo bekennen wir von unserem Herrn Jesus Christus, daß Er „wiederkommen wird in Herrlichkeit“. Für das Neue Testament und die ersten Christen, an denen wir uns immer wieder auszurichten haben, war die Wiederkunft ein ganz zentrales Thema. Mit ihnen ist es auch an uns, um diese Wiederkunft zu bitten und auf sie zu hoffen. Christus wird wiederkommen in Herrlichkeit. Diese Welt ist endlich und wird vergehen. Es kommt eine große und schwere Prüfung für die Kirche. Eisige Herzenskälte, Ungerechtigkeit und Unglaube nehmen überhand. Viele werden auf täuschend echte Antichristen hereinfallen. Die Treuen werden verfolgt und umgebracht. Aber am Ende tritt Christus strahlend als Sieger hervor. Ja, „er wird wiederkommen zu richten die Lebenden und die Toten“. Wir erwarten „einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen die Gerechtigkeit wohnt“.

Es ist Petrus, der uns das in der Zweiten Lesung sagt: „Der Tag des Herrn wird aber kommen wie ein Dieb [d.h. zu einem unberechenbaren Zeitpunkt, denn für Gott sind tausend Jahre wie ein Tag]. Dann wird der Himmel prasselnd vergehen, die Elemente werden verbrannt und aufgelöst, die Erde und alles, was auf ihr ist, werden nicht mehr gefunden.“ Die ersten Christen haben auf diesen Tag des Herrn voller Erwartung gehofft. Diese Erwartung war für sie ein großer Trost, und sie kann es auch für uns sein. Wir haben darum heute eine wirklich wunderbare erste Lesung aus dem Jesajabuch gehört: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.“ Dazu fällt mir immer die herrliche Tenorarie aus dem Messias von Händel ein. Vielleicht können Sie sie heute nachmittag von einer CD hören und so diese Lesung noch einmal meditieren.

Die tröstliche Gewißheit, daß der Herr kommt, bedeutet aber auch, daß wir Ihm den Weg bereiten. Dies gilt für sein erstes Kommen, nämlich seine Menschwerdung aus Maria der Jungfrau, die wir zu Weihnachten feiern, und das gilt für sein Kommen am Ende der Zeit. Und wenn heute im Evangelium Johannes der Täufer auftritt, so sieht Matthäus genau in ihm erfüllt, was schon beim Propheten Jesaja steht: „Ich sende meinen Boten vor dir her; er soll den Weg für dich bahnen. Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den weg! Ebnet ihm die Straßen!“ Die Menschen gingen zu Johannes in die Wüste hinaus, sie beichteten und empfingen eine Taufe zur Vergebung der Sünden.

Deswegen ist es angemessen, daß auch wir im Advent unsere Sünden beichten und dem Herrn den Weg in unserem Leben bereiten. Nun hat jeder seine persönlichen kleineren und größeren Sünden. Aber gibt es vielleicht auch etwas, das uns heute gemeinsam betrifft und bedroht? Etwas, wo eine gemeinschaftliche Umkehr gefordert ist? Ich würde hier das nennen, was ein amerikanischer Priester und Schriftsteller[1] neulich den „therapeutisch, moralistischen Deismus“ nannte. Was ist damit gemeint? Eine unmerkliche Aushöhlung des Glaubens. Wir gehen zwar zur Kirche, betätigen uns religiös, aber der lebendige christliche Glaube ist entkernt. An die Stelle des Kerns ist etwas anderes getreten. Der äußere Schein ist noch da, aber sensible Menschen spüren, daß etwas nicht stimmt. Deswegen kann ich auch gerade junge Menschen sehr gut verstehen, wenn sie nicht mehr zur Kirche kommen und vielleicht sogar „austreten“, weil gerade sie für dieses Unechte sensibel sind. Wenn ich nicht weiß, worum es da wirklich geht, warum soll ich da zur Kirche gehen? Wenn mir Jesus nur als Freund und Weisheitslehrer vorgestellt wird, kann ich sagen: Ich habe schon viele Freunde, da brauche ich nicht noch einen Unsichtbaren.[2]

Was soll dieser Begriff nun bedeuten: therapeutisch-moralistischer Deismus? Deismus heißt, daß man zwar irgendwie an die Existenz Gottes glaubt, aber dieser Gott fern ist. 2006 machten bei einer Umfrage 85 % der befragten deutschen Katholiken die Angabe, nicht an einen Gott als personales Gegenüber zu glauben! Der Gott des Deismus ist also nicht der menschgewordene, fleischgewordene Gott, auch nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und nicht der lebendige Gott aller heiligen Männer und Frauen, der persönliche Gott, der uns eifersüchtig liebt und zu dem ich sprechen kann, der mir in den Sakramenten leiblich seine Gnade schenkt, dessen Anwesenheit das ewige Licht anzeigt und der in Jesus Christus wirklich die Bühne dieser Welt betreten hat. Nein, der deistische Gott ist ein Gott, der zwar existiert, aber nicht wirklich sein väterliches Angesicht über uns leuchten läßt.

Dieser Deismus wird nun noch näher bestimmt durch die Bezeichnungen „therapeutisch“ und „moralistisch“. Was soll das heißen? Therapeutisch: Wir erwarten Lebenshilfe vom Glauben. Wenn jemand gestorben ist, soll die Kirche trösten und eine würdige Beerdigung ausgestalten. Auch zu anderen Gelegenheiten wie Geburt, Erwachsenwerden usw. sollen Glaube und Kirche durch bestimmte Riten und Traditionen ihren Beitrag leisten. Eine kirchliche Hochzeit macht doch immer noch mehr her als nur das Standesamt. Und es ist auch schön, wenn einsame Menschen sich in einem Gemeinderaum zu Kaffee und Kuchen treffen können. Aber wenn es ernst wird, macht man Joga oder geht doch lieber zum Psychologen. Orgelmusik in alten Kirchen ist auch ganz schön. Und die Kirche soll etwas für Jugendliche unternehmen, die vielleicht sonst auf der Straße herumhängen würden. Kirchliches Leben als Therapie. Dabei hat das griechische Wort θεραπεύειν eigentlich noch eine andere Bedeutung: Verehrung (des unsterblichen Gottes). Die wahre Therapie geschieht, wenn wir die Verehrung des unsterblichen Gottes an die erste Stelle setzen. Dann kommt auch vieles andere wieder ins Lot, weil alles seine lebendige Mitte wieder hat. Aber ein deistischer, ein ferner und gesichtsloser Gott braucht nicht verehrt und angebetet zu werden. Deswegen entschwindet bei den Deisten auch so sehr das Gespür für die Anbetungswürdigkeit Gottes.

Dieser Deismus ist nun nicht nur therapeutisch, sondern auch moralistisch. Wie ist das zu verstehen? Es ist das große Mißverständnis, die Kirche als Erziehungs-und Moralanstalt zu begreifen. Viele Leute schicken z.B. ihre Kinder in kirchliche Schulen, weil dort angeblich Werte vermittelt werden und nicht damit ihnen dort der lebendige Gott bezeugt wird. In Wirklichkeit geht es der Kirche aber nicht um die Optimierung des Menschen, sondern um seine Erlösung. Als Priester ist es mir nicht so sehr darum zu tun, aus Ihnen, liebe Brüder und Schwestern, bessere Menschen zu machen, sondern es muß mir am Herzen liegen, daß jeder von uns dem begegnet und von dem das Heil empfängt, der von sich gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Natürlich verkündet die Kirche auch die Gebote Gottes und daß es notwendig ist, diese ausnahmslos zu befolgen, aber nicht die Moral ist das Erste, sondern das Wort des lebendigen Gottes, der Glaube und die Hoffnung auf Ihn. So sagt uns Petrus heute: „Weil ihr das erwartet, liebe Brüder, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel und Fehler und in Frieden angetroffen zu werden.“ Im moralistischen Deismus ist es umgekehrt. Da steht an erster Stelle, daß wir uns als ordentliche Bürger verhalten, daß wir fleißig sind, unseren Müll trennen und überhaupt politically correct sind. Noch einmal: ich kann jeden verstehen, der sich aus einer nur als Lebenshilfe und Moralanstalt verstandenen Kirche verabschiedet und den Mitgliedsbeitrag lieber einspart.

Aber wenn wir begreifen, daß der lebendige, uns eifersüchtig liebende Gott zu uns gesprochen hat, zu uns gekommen ist, uns unter leiblichen Zeichen wahrhaft begegnet und daß Er wiederkommen wird, um die Welt im Gericht zur Vollendung zu führen, dann werden wir sagen: Ja, das ist nicht nur interessant und nützlich, sondern da finde ich die Mitte meines Lebens und die Rettung meiner Seele. Kehren wir also gemeinsam um von einem therapeutisch-moralistischen Deismus zum wahren und lebendigen Gott. So bereiten wir dem Herrn den Weg. Amen

[1] Dwight Longenecker

[2] Vgl.: Esther Maria Magnis, Gott braucht dich nicht

 

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