Der Glanz der Wahrheit und die Ehe

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Predigt am 2. Juli 2017, 13. Sonntag im Jahreskreis

 

Liebe Brüder und Schwestern, nach dem Bußritus und dem Gloria betet der Priester das sogenannte Tagesgebet. Heute paßt dieses Gebet besonders gut zur aktuellen Lage. Ich habe es zwar erst vor wenigen Minuten gebetet, aber vermutlich können sich die meisten jetzt nicht mehr an den Inhalt erinnern: „Gott, unser Vater, du hast uns in der Taufe zu Kindern des Lichtes gemacht. Laß nicht zu, daß die Finsternis des Irrtums über uns Macht gewinnt, sondern hilf uns, im Licht deiner Wahrheit zu bleiben.

 

Vorgestern war ein schwarzer Tag für Deutschland. Der Bundestag hat sich nach einem taktischen Manöver der prinzipienlosen Bundeskanzlerin angemaßt, die natürliche Ehe zwischen Mann und Frau umzudefinieren. Das ist in Wirklichkeit gar nicht möglich, weil Ehe und Familie dem Staat vorausgehen, genauso wie etwa auch das Privateigentum. Staaten können untergehen. Die Ehen bleiben bestehen. Wenn die Ehe nicht mehr auf der gegenseitigen, lebenspendenden Ergänzung von Mann und Frau beruhte, dann wäre auch nicht einzusehen, warum nur zwei Personen heiraten sollen und nicht auch drei oder mehr. Die logischen Konsequenzen dieses Irrsinns werden sich in Zukunft zeigen. In Kolumbien haben ja schon drei Männer „geheiratet“. Und die Polygamisten aus dem islamischen Kulturkreis werden auch bald ihre Forderungen stellen. Man zerstört die Grundlagen unserer Kultur und beruft sich auf die Mehrheit bei Meinungsumfragen. Dazu ist erstens zu sagen, daß diese Mehrheit durch jahrelange Hirnwäsche zustande gekommen ist, und zweitens, daß die Mehrheit bekanntlich nicht immer im Recht ist, was gerade in der Geschichte Deutschlands unschwer zu erkennen ist. Wir fragen uns auch: Welche Berechtigung hat noch das „C“ in den C-Parteien? Daß auch Mitglieder des sogenannten Zentralkomitees Deutscher Katholiken für das Gesetz gestimmt haben, zeigt im übrigen, wie weit auch die Kirche selbst von der Verwirrung betroffen ist.

 

Unser heutiges Tagesgebet spricht als erstes Gott als den an, der uns durch die Gnade der Adoption zu Kindern des Lichtes machen wollte. Eine frohe Botschaft: wir sind Adoptivkinder Gottes. Wir heißen nicht nur so, wir s i n d es! Es waren Jesus selbst und der Apostel Paulus, die zuerst die Christen „Kinder des Lichtes“ nannten. Und die Taufe, von der auch die Zweite Lesung spricht, wird traditionell auch „Erleuchtung“ genannt. Wer sich Christus wirklich öffnet, empfängt Licht und sieht die Welt mit neuen Augen. Wir sind durch die Taufe mit dem begrabenen und auferstandenen Herrn verbunden. Und dieser Herr ist der Logos, durch den die Welt erschaffen wurde. Die Welt ist vernunftgemäß, logosgemäß erschaffen. Als Kinder des Lichtes erkennen wir im Licht des Glaubens und vorher auch schon im Licht der Vernunft den wunderbaren Schöpferwillen, den guten Plan Gottes, das Vernünftige in der Schöpfung. Nicht zufällig wurden ja die meisten großen naturwissenschaftlichen Entdeckungen im christlich-abendländischen Kulturkreis gemacht. Christen hatten immer diese positive Haltung der in der Schöpfung innewohnenden Vernunft gegenüber. In der Schöpfung, so wissen sie, ist eine Vernunft, ein Sinn, ein Plan.

 

Dieser Plan beinhaltet auch, daß Mann und Frau füreinander geschaffen sind und sich gegenseitig ergänzen, biologisch, psychisch, geistig, seelisch. Aus ihrer Liebe gehen neue Menschen hervor. Deswegen hat jeder von uns einen Vater und eine Mutter, auch wenn wir sie vielleicht nicht kennen. In der ersten Lesung hörten wir, wie auf die Fürsprache des Propheten Elischa die gastfreundliche Frau in Schunem mit der Freude beschenkt wird, Mutter zu werden. Vaterschaft und Mutterschaft sind ein großes Geschenk des Schöpfers und kein technisches Produkt. Bei Tieren wird heute sehr viel auf artgerechte Haltung wertgelegt. Bei der Ernährung viel Geld ausgegeben, damit alles natürlich und „bio“ ist. Und wie ist das bei der Zeugung und der Erziehung von Menschen…? Die Verwirrung ist groß.

 

Unser Tagesgebet bittet dann, daß Gott nicht zulasse, „daß die Finsternis des Irrtums über uns Macht gewinnt“ und daß Gott uns helfe, im Licht seiner Wahrheit zu bleiben. Wenn wir uns dem Licht der Vernunft und dem Licht des Glaubens entziehen, dann tappen wir wirklich im Dunkeln umher. Es bewahrheitet sich, was Jesus einmal sagt: „Wer in der Finsternis geht, weiß nicht, wohin er geht.“ (Joh 12, 35). Das haben wir am Freitag im Bundestag gesehen. Die Kirche bittet also darum, daß wir als Kinder des Lichtes im Licht der Wahrheit bleiben. Im lateinischen Original ist hier vom splendor veritatis die Rede. Splendor ist nicht nur Licht, sondern Glanz. Papst Johannes Paul II nannte eine seiner wichtigsten Enzykliken „Veritatis splendor“ – Glanz der Wahrheit. Die Wahrheit ist schön und leuchtend. Die Wahrheit spricht für sich selbst. Die Lüge ist eine Scheinwahrheit, die am Ende traurig und leer zurückläßt. So ist das auch bei der Wahrheit über die natürliche Ehe und Familie. Die Wahrheit kann ohne die Lüge leben, die Lüge aber braucht die Wahrheit, um sie zu verdrehen. Aus sich selbst ist die Lüge gar nichts. Johannes Paul II. wollte mit seiner großen Enzyklika über den Glanz der Wahrheit „einige fundamentale Wahrheiten der katholischen Lehre in Erinnerung rufen, die im heutigen Kontext Gefahr laufen, verfälscht oder verneint zu werden“. Es ging ihm dabei besonders um „die herkömmliche Lehre über das Naturgesetz, über die Universalität und bleibende Gültigkeit seiner Gebote“. Das war 1993. Und es war prophetisch.

 

Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir diese Bitte ernst meinen, daß Gott uns vor der Finsternis bewahren und im Glanz seiner Wahrheit erhalten möge, dann müssen wir auch für diese Wahrheit kämpfen, aber wir dürfen uns zuallererst auch an dieser Wahrheit erfreuen und bei ihr Ruhe finden. Denn die Wahrheit ist schön, sie befreit, sie ist wohl anspruchsvoll, aber sie führt uns zum Leben.

 

Und am Ende siegt immer die Wahrheit. In Christus hat sie schon gesiegt. Und auch, wenn wir in dieser Welt scheitern und die Lüge und die Verwirrung immer mächtiger zu werden scheinen, dürfen wir uns daran erinnern: der Gott der Liebe ist der Gott der Wahrheit. Er ist treu. Und immer hat Er das letzte Wort. Amen