Die Kraft der Stille – Predigt am Siebten Sonntag der Osterzeit

Eingetragen bei: Aktuelles, Worte des Pfarrers | 0

7 So OZ A 2917 Ich wohne in einem schönen Pfarrhaus. Und ich erfreue mich besonders jetzt im Frühling am schönen Pfarrgarten mit seinen vielen Pflanzen und Blüten. Auf der anderen Seite des Hauses führt allerdings die B 246 entlang. An Sonn- und Feiertagen bin ich dankbar, daß nicht so viele LKW und andere Fahrzeuge die Ruhe stören. Besonders während der Rübenkampagne wird das Haus regelrecht vom Straßenverkehr erschüttert. Wie schön sind dann die ruhigen Morgenstunden eines Feiertages, wenn nicht gerade die Rennwagen der Motorsportarena zu hören sind.

Wir brauchen die Stille. Und viele Menschen sehnen sich nach ihr. Und doch stehen wir auch in der Gefahr, vor der Stille wegzulaufen, uns ständig abzulenken und zu berieseln, als hätten wir Angst, daß die Stille uns mit einer unbequemen Wahrheit konfrontieren könnte.

Wozu sind wir erschaffen worden, wozu sind wird auf Erden? Um Gott zu erkennen, Ihn zu lieben, Ihm zu dienen und dadurch das ewige Leben zu erben. Was aber ist das ewige Leben? Im heutigen Evangelium finden wir die Antwort: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“.

Sicher gibt es im Himmel Musik, himmlische Musik, aber es gibt auch diese geheimnisvolle Stille des Himmels, die Stille der staunenden Anbetung der unendlichen Herrlichkeit der Liebe Gottes. Musik, aus Stille gewebt.

Jesus ist schon zum Vater heimgekehrt. „Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir.Wir sind noch in der Welt. Und so ist es wichtig, daß wir mitten in unserem Leben, mitten in der dieser Welt Inseln und Oasen der Stille aufsuchen und verteidigen. Nicht nur der äußeren Stille, sondern auch und vor allem der inneren Stille.

In diesen Tagen ist das neue Buch „Die Kraft der Stille“ des afrikanischen Kardinals Robert Sarah auf deutsch erschienen. Es wurde schon in mehrere Sprachen übersetzt, in Frankreich wurde es ausgezeichnet, und in Spanien hat es in kurzer Zeit ohne jede Werbung schon die dritte Auflage erreicht. Ich bin gerade dabei, das Buch zum zweiten Mal aufmerksam zu lesen.

Für die deutsche Ausgabe hat Benedikt XVI jetzt ein Vorwort geschrieben, in welchem er sagt: „Bei Kardinal Sarah, einem Meister der Stille und des inneren Betens, ist die Liturgie in guten Händen.“ Kardinal Sarah ist nämlich der Präfekt der römischen Kongregation für die Liturgie und die Sakramentenspendung. Er ist es auch, der dazu ermutigt, den tiefen Sinn der gemeinsamen Gebetsrichtung bei der hl. Messe wieder zu entdecken. Ihm ist wichtig, daß in der Liturgie die Stille ihren Platz hat, aber nicht als künstliche Pause, wo man sich fragt, wann es endlich weitergeht, sondern als echten Teil des Ritus, z.B. die Stille nach dem Empfang der hl. Kommunion. Die Stille ist für ihn vor allem eine positive Haltung, die auf die Aufnahme Gottes durch das Hören vorbereitet. Schlimm steht es um den Gottesdienst, wenn vielerorts nicht das Kreuz, sondern das Mikrophon die Mitte des Altars darstellt.

Wir haben auch Angst vor der Stille, weil wir die Konfrontation mit unserer inneren Leere fürchten, die wir als negative Totenstille und Leere empfinden. Aber es gibt auch eine positive Leere. Ich meine damit die Offenheit für den Empfang des Heiligen Geistes, diese lebendige, aufmerksame und hoffnungsvolle Stille, die wir von Maria und allen großen Heiligen lernen können. Maria, die in der Stille von Nazareth das ewige Wort Gottes in ihrem Geist und in ihrem Schoß empfangen hat: sie sehen wir heute inmitten der Apostel im Jerusalemer Obergemach, wie uns in der Ersten Lesung berichtet wird: „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.

Wir stehen jetzt in den Tag en vor Pfingsten. Pfingsten wird als das Geburtsfest der Kirche bezeichnet. So gibt es eine Parallele zu Weihnachten. Wie Weihnachten nur möglich war, weil Maria das ewige Wort in der Stille empfangen hat, so ist auch Pfingsten nur möglich, wenn wir mit Maria einmütig im Gebet verharren und empfangsbereit werden für die Gaben des Heiligen Geistes. Das ist Kirche.

Heute haben wir das Glück, den Liturgischen Singkreis Jena zu Gast zu haben. Die Gregorianik ist die älteste schriftlich überlieferte Musik des Abendlandes, die vom letzten Konzil offiziell als „der dem Römischen Ritus eigene Gesang bezeichnet“ wurde, der in der Liturgie „den ersten Platz einnehmen“ solle.

Kardinal Sarah, der die Entstehung seines neuen Buches auch einem Besuch bei den Kartäusermönchen in der Großen Kartause in den französischen Alpen verdankt, schreibt: „Der gregorianische Gesang ist nicht die Abkehr von der Stille. Er geht aus ihr hervor und führt zu ihr zurück. Ich würde sogar sagen, daß er aus Stille gewebt ist. Welch eine ergreifende Erfahrung, mit den Mönchen in der Großen Kartause im abendlichen Halbdunkel das große Salve Regina der Vesper zu singen! Die letzten Töne ersterben nacheinander in kindlicher Stille und umhüllen unser Vertrauen zur Jungfrau Maria.“ Amen