Ein Geburt wie jede andere

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Christmette 2017

Adam und Eva nennt die Hl. Schrift die ersten Menschen. Sie stehen auch für uns alle. Adam heißt ja übersetzt Mensch. Und die Hl. Schrift berichtet: „Adam erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom Herrn erworben.“ In irgendeiner Höhle gebar die erste menschliche Mutter das erste menschliche Kind. Und sie nannte ihn Kain, d.h. „Erwerbung“. Sie fühlte sich durch ihn bereichert. Es war ein Gewinn, Mutter geworden zu sein. Ohne Kinder wären die Menschen sehr bald ausgestorben. Aber nein, es war doch nicht alles aus: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.“ Leben und Hoffnung scheinen auf in einer Welt, in der das verlorene Paradies nur noch als Sehnsucht vorhanden ist. Und wie oft seither haben Mütter sich trotz der Geburtsschmerzen so innig gefreut, weil sie ein Kind zur Welt gebracht hatten. Wie oft hat das Schreien der Säuglinge Freude in dunkle Hütten gebracht. Unzählige Male wiederholt sich die Geschichte von Eva und Kain. Auch wir freuen uns jedes Mal, wenn unter uns eine Mutter ein Kind zur Welt bringt.

Und nun machen wir einen riesigen Gedankenschritt vorwärts durch die Geschichte und sehen nochmals fast dasselbe Bild. Wieder eine Höhle oder ein Stall. Wieder eine Mutter. Wieder ein Sohn. Doch dieses Bild ist uns ganz vertraut von Tausenden von Kunstwerken, Millionen von großen und kleinen Krippendarstellungen, Weihnachtskarten, Kinderbildern, Krippenspielen. Und sieht diese Szene nicht auf den ersten Blick aus wie jede andere von einer Mutter und einem Neugeborenem? Wie die Mutter liebevoll und stolz auf das Kind schaut, ist das nicht das, was täglich tausendfach zu sehen ist, was jede Hebamme schon so oft vor Augen hatte? Die erschöpfte, aber glückliche Mutter. Dazu ein Säugling, der auch harte Herzen rührt und dessen Schreien Signal neuen Lebens und neuer Hoffnung ist?

Und wirklich, das ist das erste, was wir begreifen müssen heute nacht: Diese Geburt ist eine normale menschliche Geburt. Maria hat wie Eva und so viele Millionen andere Frauen ein Kind, einen neuen Menschen zur Welt gebracht. Bei jeder Geburt können wir sagen: „Ein Kind ist uns  geboren“, d.h. ein Leib, der von uns kommt, und eine unsterbliche Seele direkt aus der Hand Gottes. Wir feiern selber Geburtstag, wir besuchen die Geburtsorte berühmter Leute. Auch dieses Kind von Betlehem hat sich wie wir alle etwa neun Monate lang im Mutterleib entwickelt und hat nun den Übergang der Geburt erlebt. Das heißt: Dieses Kind ist wirklich Mensch, ganz menschlich. UND WENN DAS NICHT SO WÄRE, DANN HÄTTE ES UNS NICHT ERLÖST, dann wäre das Weihnachtsfest ein Irrtum und reine Folklore, und wir wären noch immer verloren. Die frühsten Irrlehren in der Kirchengeschichte haben genau diese Wahrheit geleugnet. Sie leugneten nicht, daß Jesus Gott ist, sondern daß Er wirklich Mensch ist. Sie konnten glauben, daß Gott auf die Erde kommt, aber nicht, daß Er als wahrer Mensch geboren wird und stirbt. Die Kirche mußte um diesen Glauben kämpfen und ihn verteidigen. Hier ist nicht nur ein Gott als Mensch verkleidet wie ein Phantom erschienen. Hier hat auch nicht nur einer zum Schein gelitten. Unsere Erlösung bedeutet nicht die Einweihung in eine geheime Erkenntnis, sondern vollzieht sich, weil Gott wirklich Mensch geworden ist. Im Mittelalter kamen erneut diese Zweifel und Irrtümer auf, und vielleicht sind gerade deshalb zur Zeit des hl. Franziskus die Weihnachtskrippen entstanden. Um zu sagen: Gott ist uns nicht nur irgendwie nahegekommen, sondern „uns ist ein Kind geboren“!

Aber nachdem wir nun gesagt haben, daß diese Geburt wie jede andere menschliche Geburt war, müssen wir hinzufügen: sie war anders als jede andere Geburt vorher oder nachher. Die Kirche hat, vom Heiligen Geist geführt, immer dieses Gleichgewicht gehalten: Ja, diese Geburt ist eine Geburt wie jede andere, Jesus ist kein Phantom, sondern wahrer Mensch, geboren, gelitten, gestorben und begraben. Und doch: Diese Geburt ist anders als jede andere. Und so schauen wir wieder auf unser Bild, auf die Mutter und das Kind, und betrachten es.

Sie kennen vielleicht die Spiele, wo jemand aus dem Raum gehen muß, um dann wieder hineinzukommen. Alle anderen haben ein Geheimnis. Du selber mußt es herausfinden. Irgend etwas im Raum ist anders, ist verändert. Nur was ist es? So auch hier: Was ist das Geheimnis, wenn wir an die Weihnachtskrippe kommen? Auf den ersten Blick ein wunderschönes Bild von Mutter und Kind, all das, aber auch nur das. Doch dann, wenn Du näher herankommst, wenn Du den Raum weiter betrittst und still wirst, wenn Du niederkniest neben den Hirten, beginnst Du das Geheimnis zu spüren. Du schaust dir alles genau an, du siehst die Tiere, die Menschen, die Engel, du spürst die Stille, all das führt deinen Blick hin zur Mitte. Da sind sie: das Kind und die Mutter. Eine Mutter? Vielmehr ein Mädchen! So jung. Aber es ist nicht nur eine Frage des Alters. Sie ist Mutter, und sie ist Jungfrau. „Empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria.“ Dem Skeptiker widerstrebt diese Wahrheit. Aber nähmen wir sie weg, was bliebe dann von Weihnachten noch? Was bliebe von Glaube, von Erlösung, von Kirche, Sakrament, was bliebe von der Weihnachtsfreude? Maria ist Mutter und Jungfrau. Christliches Dogma und unergründliches Geheimnis. Genauso wie auf der anderen Seite derselben Medaille das Geheimnis ihres Sohnes. Er ist Mensch und Gott, wahrer Mensch und wahrer Gott. Josef im Hintergrund ist Pflegevater und Vater im Sinne des jüdischen Abstammungsrechtes. Doch dieses Kind verdankt sich nur und ganz dem Vater im Himmel.

Maria, seine Mutter, ist daher zugleich Jungfrau.

Weihnachten ist ein Geburtstag wie jeder andere. Und Weihnachten ist ein Geburtstag anders als jeder andere.

Und Weihnachten ist unser aller Geburtstag. Denn wir haben alle Geburtstag heute!

Erinnern wir uns noch einmal an Eva. Sie brachte einen Sohn zur Welt und betrachtete ihn als Gewinn. Aber wer war dieser Kain? Er war der erste Mörder, er brachte Tod, er brachte den Tod zu seinem eigenen Bruder Abel. Und wir alle als Adamssöhne und Evastöchter sind Brüder und Schwestern von Kain und Abel, wir alle sind Täter und Opfer einer Geschichte von Schuld und Tod.

Anders aber Maria: Sie bringt den zur Welt, der von sich sagt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben, und es in Fülle haben.“ Die eine bringt den Mörder zur Welt, die andere das Leben.

Und morgen am Esten Weihnachtstag werden wir hören, was im Weihnachtsevangelium nach Johannes steht: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Denn wenn wir glauben, „haben wir die Macht, Kinder Gottes zu werden“, dann beginnt heute nacht nicht nur der Geburtstag Jesu, des Sohnes Gottes und der Jungfrau Maria, sondern unser alle Geburtstag, weil Er gekommen ist, um uns zu Kindern Gottes zu machen. So möchte ich jetzt jedem von Ihnen allen sagen: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Und: Schau auf die Krippe, schau auf diese stille, so fremde und doch so vertraute Atmosphäre; hab den Mut, Geburtstagskind, Kind zu sein, und erkenne: Hier gehörst auch Du dazu. Hier ist auch Dein zu Hause. Das ist auch Deine Familie, in die Du durch den Glauben hineingeboren wirst. Amen

(angelehnt an Ronald Knox, Pastoral and occasional Sermons, San Francisco 2002, S. 411-416)