Hatte Jesus Geschwister?

Eingetragen bei: Aktuelles | 0

 „JESUS HATTE KEINE GESCHWISTER“

Nach katholischer Lehre hatte Jesus keine leiblichen Geschwister beziehungsweise die Gottesmutter keine anderen Kinder. Diese Vorstellung hängt mit der kirchlichen Lehre über die Jungfräulichkeit Marias zusammen und ist durch einen inneren Sachverhalt, nämlich durch das besondere Verhältnis Marias zu Gott, begründet.

Maria gehört Gott durch das Kind, welches sie aus Gottes Geist empfing, in einer besonderen Weise an. Sie ist durch ihre heilsgeschichtliche Funktion als Gottesgebärerin auch in ihrer Leiblichkeit Gott ganz anheimgegeben.

Gegen diese Lehre scheint der Umstand zu sprechen, daß im Neuen Testament in sieben verschiedenen Zusammenhängen von „Brüdern“ Jesu und einmal auch von „Schwestern“ Jesu geredet wird. Dieser Umstand wurde schon in den ersten Jahrhunderten nach Christus und wird heute in der protestantischen Theologie gegen die katholische Lehre angeführt. Bei näherem Hinsehen jedoch erweisen sich die Einwände als nicht stichhaltig.

Markus 6,3 werden die Namen der vier „Brüder“ Jesu genannt: Jakobus, Joses, Judas, Simon. Daß es sich hier nicht um leibliche Brüder gehandelt haben kann, geht aus Markus 15,40 hervor, wo als Mutter des Jakobus und des Joses eine andere Maria genannt wird, die Markus 15,47 noch mal als Mutter des Joses und Markus 16,1 sowie Lukas 24,10 als Mutter des Jakobus erwähnt wird. Matthäus 27,61 und 28,1 wird sie als „die andere Maria“ bezeichnet. Es ist ausgeschlossen, daß damit etwa die Mutter Jesu gemeint ist.

Als Vater des erwähnten Jakobus, der auch Galater 1,19 Apostel und „Bruder des Herrn“ genannt wird, wird zudem Markus 3,18 unter anderem ausdrücklich ein gewisser Alphäus bezeichnet. Wenn also Jakobus und Joses nicht leibliche Geschwister Jesu waren, so läßt sich das gleiche von den ebenfalls genannten Judas und Simon sowie von den „Schwestern“ annehmen.

Zudem ist nirgendwo im Neuen Testament von Kindern Marias und Josephs die Rede. Jesus allein wird der Sohn Marias (Markus 6,3), der Sohn Josephs (Johannes 6,42; vergleiche Matthäus 13,55) oder überhaupt Sohn Josephs (Lukas 3,23; 4,22; Johannes 1,45) genannt. Es wäre nicht zu verstehen, daß Jesu seine Mutter dem Apostel Johannes sterbend anvertraute (Johannes 19,26 f.), wenn Maria noch andere Kinder gehabt hätte.

Die Stellen dazu:

Matthäus 27,61. Es war aber allda Maria Magdalena und die andere Maria, die setzten sich gegen das Grab.

Matthäus 28,1. Als aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche anbrach, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen.

Markus 15,40. Und es waren auch Weiber da, die von ferne solches schauten; unter welchen war Maria Magdalena und Maria, Jakobus des Kleinen und des Joses Mutter, und Salome.

Markus 15,47. Aber Maria Magdalena und Maria, des Joses Mutter, schauten zu, wo er hin gelegt ward.

Markus 16,1. Und da der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, des Jakobus Mutter, und Salome Spezerei, auf daß sie kämen und salbten ihn.

Lukas 24,10. Es war aber Maria Magdalena und Johanna und Maria, des Jakobus Mutter, und andere mit ihnen, die solches den Aposteln sagten.

Auch im Alten Testament wird manchmal die Bezeichnung „Bruder“ verwendet, wenn es sich um Verwandte handelt. So wird Genesis 14, 14 und 16 „Bruder“ von Loth, dem Neffen Abrahams, gesagt, Genesis 29, 15 von Jakob, dem Neffen Labans.

Auch die im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments, die sogenannte Septuaginta, übernimmt ins Griechische den in diesem Zusammenhang gebrauchten Ausdruck „Bruder“. Auch in das neutestamentliche Griechisch ist der hebräische Sprachgebrauch übernommen worden.

Zu Mißverständnissen und falschen Auslegungen ist es auch durch protestantische Übersetzungen der Stelle Lukas 2,7 gekommen. Wir finden hier in der Weihnachtsgeschichte gelegentlich die Übersetzung: „Sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln …“ Diese Übersetzung ist jedoch unrichtig. „Erstgeboren“ bedeutet nicht der erste einer Reihe, es handelt sich hier gewissermaßen um einen Titel, den jeder erste Sohn trug, gleichgültig, ob ihm noch weitere Brüder folgten.

Wir finden diesen Ausdruck im jüdischen Sprachgebrauch auch außerhalb der Heiligen Schrift, zum Beispiel in einer 1930 aufgefundenen jüdischen Grabinschrift in Ägypten aus dem Jahre 5 vor Christus. Dort heißt es von einer Frau, die bei der Geburt ihres ersten Kindes starb: „Das Schicksal führte mich an das Ende meines Lebens in den Geburtswehen meines erstgeborenen Sohnes.“

Der gleiche Fachausdruck „Erstgeborene“ wird von Christus ausgesagt, wenn er Hebräer 1,5 f. Sohn, und zwar der Erstgeborene Gottes genannt wird. Auch hier kann es nicht bedeuten, daß Gott mehrere Söhne neben Christus hätte (vergleiche Kolosser 1,15).

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Argumente für die leiblichen Brüder Jesu aus einer gewissen Voreingenommenheit gegen die katholische Lehre der Jungfrauschaft Mariens stammen und sachlich keine Beweiskraft haben.

Dann noch ein ganz starkes Argument: Die Evangelisten verwenden, wenn sie von leiblichen Geschwistern reden, den griechischen Ausdruck: Adelphos autos = leiblicher Bruder. Oder adelphoi autoi = leibliche Geschwister, Mehrzahl. Bei den Stellen über die „Brüder“ bzw. „Schwestern“ Jesu wird nur das allgemeine adelphoi bzw weiblich aldelphai benutzt. Dies ist der allgemeine Ausdruck für Verwandte: Cousins, Neffen, Nichten, Onkels und Tanten. Daran kann man einfach nicht vorbei.

Ich denke, wir sollten in der Diskussion mit den evangelischen Schwestern und Brüdern mit der Hl. Schrift argumentieren. Sie ist so klar und legt sich selber aus. Dann können wir versuchen, zu erklären, das wir das auch tun sollen, was Jesus eingesetzt hat: Dass er den Aposteln und ihren Nachfolgern, den Bischöfen und so der katholischen Kirche, die Lehrvollmacht anvertraut und aufgetragen hat. Schriftliche und mündliche Tradition gehören seit Jesus zusammen: Er hat die Apostel beauftragt, allen zu lehren und weiterzugeben, was er Ihnen anvertraut hat. Eben auch die Heiligen Sakramente, die von Person zu Person in der Weihe und so von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Aber bekanntlich ist ja selten etwas so schwer, wie die eigene Meinung wirklich zu hinterfragen und dann auch am Befund des Evangeliums weiterzuentwickeln. Hier ist Demut und Wahrhaftigkeit gefragt.

Autor/Quelle:

Pfr. Stier, Geistlicher Leiter der Exerzitiengemeinschaft Christ, in CH 8595 Altnau und Pfarrer in Deisslingen.