„…wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt“

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Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis (A) 2017                

Liebe Brüder und Schwestern, vor ein paar Jahren hatten wir einmal am Silvestertag für Mitternacht das Glockengeläut vorprogrammiert und danach vergessen, die Programmierung zu löschen, so daß sieben Tage später plötzlich um 24 Uhr das volle Geläut begann. Ich wurde aus einem sehr tiefen Schlaf gerissen und war für einen Augenblick völlig perplex. Nach einem kurzen Moment begriff ich, was los war und lief schnell in die Sakristei, um die Glocken wieder abzustellen. Die Erfahrung, auf so ungewöhnliche und überraschende Weise so schlagartig aus dem Schlaf gerissen zu werden, werde ich wohl nicht so schnell vergessen.

In der heutigen Zweiten Lesung ist nicht von Glocken die Rede, sondern von einer Posaune (gr.: σάλπιγξ): „Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt.“ Verschiedene alte Blasinstrumente können mit diesem griechischen Wort gemeint sein. Sie hatten Bedeutung etwa bei der Verkündigung von Gerichtsurteilen, beim Beginn von Wettkämpfen, im Militär als Signal zum Angriff oder um Panik bei den Feinden hervorzurufen, bei feierlichen Beerdigungen, bei Gladiatorenkämpfen; vielleicht auch als Signal, wenn Feuer ausgebrochen war. In der Apokalypse des Johannes kündet die Posaune die heilige Gegenwart Gottes an, auch erschallen symbolhaft sieben Posaunen, wonach Erde und Menschheit von schrecklichen Plagen getroffen werden. Im NT steht die Posaune auch in Zusammenhang mit dem Kommen des Messias, mit der Versammlung des endzeitlichen Gottesvolkes, mit der Auferstehung des Jüngsten Tages. So schreibt Paulus im Ersten Korintherbrief über die Auferstehung, sie geschehe: „plötzlich, in einem Augenblick, beim letzten Posaunenschall. Die Posaune wird erschallen, die Toten werden zur Unvergänglichkeit auferweckt, wir aber [also die dann noch Lebenden] werden verwandelt werden“ (1 Kor 15, 52).

Liebe Brüder und Schwestern, mir geht es jetzt natürlich nicht um Instrumentenkunde, sondern darum, daß wir von den ersten Christen lernen, das plötzliche Kommen Christi zu erwarten, zu ersehnen und ständig dafür bereit zu sein. Christen sind Menschen, die immer damit rechnen, daß die Posaune erschallt. Das Kirchenjahr geht zu ende. In drei Wochen beginnt schon der Advent. Aber nicht nur im Advent, sondern immer ist der Christ sich bewußt, daß sein irdisches Leben und daß diese ganze Welt endlich sind. Und daß das Ende plötzlich und unerwartet kommt. Auch im heutigen Evangelium heißt es ja: „Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!“  Und am Ende des Gleichnisses, nach der Abweisung der törichten Jungfrauen mahnt Jesus: „Seid also wachsam! Denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde.

Nun könnte jemand, der aufgepaßt hat, sagen: Aber die klugen Jungfrauen haben doch auch geschlafen? Ja, und auch wir müssen alle schlafen. Schlaflosigkeit kann eine Krankheit und sogar eine Sünde sein. Und trotzdem fordert der Herr, daß wir immer wachen. Wie geht das? Im Hohenlied heißt es (5,2): „Ich schlafe, doch mein Herz wacht.“ Wer einen Geliebten oder eine Geliebte hat, denkt auch noch im Schlaf an die geliebte Person. Und wie viele Eltern warten nachts sogar im Schlaf darauf, daß endlich die Tür zu hören ist und der Sohn oder die Tochter wohlbehalten nach Hause kommt.

Das Gegenteil dieser christlichen Geisteshaltung der Wachsamkeit für das Kommen Christi ist die gefährliche Schläfrigkeit, das Abstumpfen für alle geistlichen Fragen, das tödliche Desinteresse, die Lust, sicher immer nur ablenken zu lassen, und die Gewohnheit, den letzten Fragen unseres Lebens routinemäßig auszuweichen. Manchmal sind ganze Gemeinden eingeschlummert.

In der geistlichen Tradition wird die sogenannte Geistliche Trägheit unter die sieben Wurzelsünden gezählt (Stolz, Geiz usw.). Man nennt sie auch Acedia. Es geht um eine geistliche Schläfrigkeit, Uninteressiertheit, Nachlässigkeit, einen Überdruß, ja eine Faulheit, die schlimme Folgen haben kann. Sie wird auch Mittagsdämon genannt. Die Mönche in der Wüste hatten mit ihm zur Mittageszeit zu kämpfen, wenn es am heißesten war. Ich denke, auch wir kennen diese Müdigkeit, wo man zu nichts Lust hat und die manchmal besonders mittags über uns kommt. Schlimm ist, wenn Einzelne oder ganze Gemeinden ihr Leben von diesem Mittagsdämon bestimmen lassen. Dann folgt man nur noch mechanisch seinen Traditionen, fragt nicht mehr nach dem Sinn, ist nicht mehr interessiert und offen für die Frage nach Gott, nach dem ewigen Leben, nach der Gerechtigkeit, ist verschlossen für die Tiefendimensionen des Lebens. Die Hl. Schrift verstaubt im Regal. Der Durst nach Gott, von dem so schön der heutige Antwortpsalm singt: „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir.“, dieser Durst ist ganz und gar abhanden gekommen. Wir sind für den Heiligen Geist nicht mehr ansprechbar. Wir schlafen, und unser Herz schläft auch. Die Liebe wird kalt…Besonders tragisch, wenn dies bei Jugendlichen geschieht, die ja ganz besonders nach der Richtung für ihr Leben fragen müßten.

Bitten wir also Gott, uns die Wachsamkeit des Geistes und des Herzens zu bewahren oder zu schenken, damit uns die Posaune Gottes nicht im Schlaf überrascht. Amen