Welcher Katholik weiß noch, was die Feier der hl. Messe ist? In Holland gab es in den 50/60er Jahren einen Meßbesuch von 97 %. Heute liegt er bei 2 %. Bei uns ist es nicht ganz so dramatisch, aber die Tendenz war dieselbe. Warum eine Veranstaltung besuchen, deren Sinn ich nicht verstehe? Man dachte damals und zum Teil noch heute: wenn wir statt auf Latein alles auf deutsch und alles, was z.T. seit über 1200 Jahren still gebetet wurde, nun laut und durchs Mikro beten, dann werden alle alles verstehen, und dann gibt es einen großen Aufschwung im Glauben. Großer Irrtum! Das Gegenteil ist eingetreten. Die Klöster, die Seminare und die Kirchen haben sich geleert. Warum? Was hatte man vergessen? Daß es sich um ein Mysterium handelt, das mysterium fidei, Geheimnis des Glaubens, welches man nicht anders versteht als durch Gnade, Glaube und Gebet. Natürlich muß es auch die Lehre geben (mit h), die christliche Belehrung, um der Leere (mit zwei e) in unseren Kirchen und zuvor in unseren Seelen entgegenzuwirken. Aber die Katechese setzt die Erfahrung voraus. Und die Erfahrung mußt Du selbst machen, in dem Du Dich darauf einläßt. Das griechisches Wort Mysterium (μυστήριον) kommt von μύω – schließen. Der μύστης ist der, der die Augen schließt und schweigt. Wer glaubend die Augen schließt, kann das Unsichtbare sehen. Es wird sichtbar gefeiert, aber das Eigentliche dabei ist unsichtbar. So ist es bei allen Sakramenten.
Was ist nun die Messe? Wer von uns könnte diese Frage beantworten, wenn er etwa von einem Kollegen danach gefragt würde? In der frühen Kirche hätten wir diese Frage gar nicht beantworten dürfen; denn erst nach der Taufe wurden die Neugetauften in das eingeführt, was sie nun erstmals erlebt hatten. Vor der Taufe mußten sogar die Taufbewerber nach der Predigt hinausgehen. Sie sind noch nicht bereit für das Mysterium. Die Eucharistie durften nur die erleben und über sie durften nur die etwas erfahren, die durch die Taufe schon Glieder des Leibes Christi geworden waren. Cyrill von Jerusalem sagte: „Sage keinem der Draußenstehenden irgend etwas; denn es ist den Katechumenen [Taufbewerbern] nicht erlaubt, die Mysterien zu erkennen.“ [1]
Es ist für uns heute sehr wichtig, daß wir wieder erfahren, daß es sich um Mysterien handelt, die wir nicht einfach dadurch begreifen, daß ein Text ins Deutsche übersetzt und laut vorgelesen wird. Der hl. Cyrill sagt anderswo: „Wer kann die Natur der Vögel in der Luft erforschen? … Wer vermag den Adler zu erblicken, wenn er sich in die Höhe erhoben hat? Wenn du den unvernünftigsten Vogel, der sich in die Höhe erhebt, nicht erkennen kannst, wie willst du den Schöpfer des Weltalls verstehen?“[2]
Wenn ich also jetzt versuche zu sagen, was die Hl. Messe ist, dürfen Sie und ich selbst das nicht verstehen als eine rationale, vollständige Erläuterung, sondern nur als Stottern von einem unaussprechlichen Geheimnis. Der hl. Paulus berichtete einmal von einem mystischen Erlebnis. Er war in den „dritten Himmel“, ins „Paradies“ entrückt worden. Und wie spricht er davon? Er habe „unaussprechliche Worte [gehört], die ein Mensch nicht aussprechen darf.“[3] Und was haben wir daraus gemacht? Oft genug etwas Banales! Bei der Wandlung denken wir ans Mittagessen und zwei Minuten nach der Kommunion rennen wir aus der Kirche, als ob es brennen würde. In den Kathedralen wird die Kommunion auch an zufällig hereingeschneite Touristen in die Hand ausgeteilt. Es geht aber nicht um etwas Banales, jedem leicht Zugängliches, sondern es geht in der Eucharistie um das Allerheiligste, wie wir zu Recht noch heute sagen. Es geht nicht um etwas Billiges, sondern ums Allerteuerste der Welt, wenn auch nicht wir den Preis zahlen, sondern ER. Das Aller-Heiligste! Ist Dir in Deinem Leben irgend etwas heilig? Z.B. das Grab Deiner Eltern, die Ehre Deiner Familie? Hier begegnen wir dem Aller-Heiligsten!
Auch das letzte Konzil lehrte in Übereinstimmung mit dem Dogma: „Unser Erlöser hat beim Letzten Abendmahl in der Nacht, da er überliefert wurde, das eucharistische Opfer seines Leibes und Blutes eingesetzt, um dadurch das Opfer des Kreuzes durch die Zeiten hindurch bis zu seiner Wiederkunft fortdauern zu lassen und so der Kirche, seiner geliebten Braut, eine Gedächtnisfeier seines Todes und seiner Auferstehung anzuvertrauen: das Sakrament huldvollen Erbarmens, das Zeichen der Einheit, das Band der Liebe, das Ostermahl, in dem Christus genossen, das Herz mit Gnade erfüllt und uns das Unterpfand der künftigen Herrlichkeit gegeben wird.“ (SC 47) Nicht eine Gemeindeveranstaltung ist die Messe, sondern das fortdauernde Opfer des Kreuzes.
Brüder und Schwestern, die von einem gültig geweihten Priester zelebrierte hl. Messe ist die die unblutige Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers Christi. Im Glauben erleben wir die wunderbarste und größte Liebestat mit. Gedächtnis heißt hier nicht nur: Wir erinnern an etwas Vergangenes. Sondern das Dogma bekennt: „In diesem göttlichen Opfer, das in der Messe vollzogen wird, ist derselbe Christus enthalten und wird in unblutiger Weise geopfert, der sich einst auf dem Altar des Kreuzes in blutiger Weise darbrachte.“ (Konzil von Trient, Sessio XXII, 17.9.1562) Wer das nicht glaubt, ist nicht katholisch.
Luther hatte das ein „falsches, vom Menschen erfundenes Werk“ (Smalcald. Art. II, II)[4] genannt. Heute jedoch kennen weder die Protestanten den protestantischen Glauben noch die Katholiken den katholischen Glauben. Und so sehen auch viele offizielle Katholiken nicht mehr, warum es der Messe und des Priesters bedarf. Von amtlicher Stelle wird in deutschen Bistümern dafür geworben, daß sogenannte neue „Gottesdienstformen“ eingeführt werden, und zwar nicht etwa als zusätzliches gemeinsames Morgen- oder Abendgebet, sondern anstelle der Messe! Eine Bekannte in Süddeutschland ging mit der Familie gern in die Messe eines pensionierten Priesters. Eines Tages fand dieser in der Sakristei einen Zettel vom Oberpfarrer vor: er solle diese Sonntagsmesse nicht mehr feiern, weil man sich jetzt an den Priestermangel gewöhnen müsse. So aber trennt man sich selbst von der Quelle, aus der man lebt, und verhindert die Erneuerung der Kirche.
Brüder und Schwestern, ich sage das nicht etwa, um mir Frust von der Seele zu reden. Ich bin nicht frustriert! Ich sage das, weil heute Gründonnerstag ist und es um dieses unaussprechliche Mysterium geht, das wir Heilige Messe nennen.
In der bevorstehenden Osternacht werden in Frankreich 13.234 Erwachsene und 8.152 Jugendliche getauft, noch mehr als letztes Jahr. Auch in Holland ist auf verbrannter Erde hier und da zartes Grün zu erkennen. In England wird vom einem quiet revival, einer stillen Wiederbelebung, der katholischen Kirche berichtet. In der Generation der nach 1995 Geborenen wächst dort der Meßbesuch seit 2018 kontinuierlich an. Der Telegraph titelte letztes Jahr zu Ostern: Das außergewöhnliche Wiederaufleben des katholischen Glaubens in Großbritannien[5]. Und im Untertitel hieß es: „Da jüngere Generationen nach mehr Klarheit in ihrem Leben suchen, wenden sich viele dem Glauben zu, um Antworten zu finden“[6]. Auch auf die Bedeutung der Anbetung wird dabei verwiesen. Ein junger britischer Konvertit bekennt: „Es gibt etwas, von dem du weißt, daß du es von den Menschen erben kannst, die vor dir da waren, und wenn du es bewahrst und schützt, kannst du es dann weitergeben“.[7]
Brüder und Schwestern, wenn auch wir zu dem gehören wollen, was zugleich Zukunft hat und aus der Tradition kommt, dann sind wir hier heute abend ganz richtig. Aber es ist nicht nur eine menschliche Tradition, sondern es ist die traditio, die Übergabe dessen, der sich als Gott und Mensch aus Liebe zu uns Sündern ganz für uns dahingegeben und überliefert hat. Und der dies nicht nur in der Vergangenheit einst tat, sondern der es hier und jetzt real tut unter heiligen Zeichen im Mysterium der Allerheiligsten Eucharistie. Dies geschieht in jeder Messe, sei es im Petersdom oder in der kleinsten, armseligsten Kapelle der Welt. Und auch jetzt hier und unter uns. Amen
[1] Μηδενὶ τῶν ἔξω τι λέγε· οὐ γάρ ἐστιν ἔξεστι τοῖς κατηχουμένοις τὰ μυστήρια γνῶναι. (Prokathechesis 12)
[2] https://archive.org/details/patrologiagraeca33/page/n323/mode/2up
[3] ἄρρητα ῥήματα 2 Kor 12, 4
[4] https://www.evangelischer-glaube.de/schmalkaldische-artikel/schmalkaldische-artikel/
[5] The extraordinary resurgence of the Catholic faith in Britain: The extraordinary comeback of Catholicism
[6] As younger generations look for more clarity in their lives, many are turning to faith to find answers
[7] Britain’s ‘Quiet Catholic Revival’ Is Lay-Driven, Mostly by Young Men – EWTN Great Britain