Predigt zur Pfarreigründung

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28. November 2010

Liebe Brüder und Schwestern,
manche hatten heute einen besonders langen Weg zur Kirche. Daß wir in unserem weiten Gebiet sonntags nur eine hl. Messe feiern, wird eine Ausnahme bleiben. Dieses Zusammenkommen heute kann aber ein Ausdruck sein für das wirklich notwendige Zusammenkommen in Christus und in unserer Mutter, der Kirche. Es geht nicht nur um die äußere, administrative Einheit, sondern um die Herzenseinheit.
Wir haben davon in der ersten Lesung und im Psalm gehört. Es gut möglich, daß diese heiligen Worte an manchem unter uns einfach vorbeigerauscht sind, ohne daß sie richtig aufgenommen werden konnten. Daher gleich am Anfang ein paar kurze Hinweise dazu, denn diese Worte können wirklich Licht sein auch für unsere heutige Situation. In der ersten Lesung sprach Jesaja über seine Vision vom Ende der Tage: „Viele Nationen machen sich auf den Weg; sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs.“ Und als Echo darauf hat die Schola den Psalm gesungen: „Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des Herr wollen wir pilgern.“ Dieser Berg des Herrn in Zion, ist Jerusalem, wo das Haus des Herrn steht, der Tempel. Aber es geht nicht einfach um diese Stadt in Israel. Wir dürfen Zion tiefer verstehen als ein Bild der Kirche. In einem anderen Psalm wird dieses Zion die „Mutter der Völker“ genannt und es heißt dort: „…von Zion wird man sagen: Jeder ist dort geboren..“ Und deswegen auch: „Alle meine Quellen entspringen in dir.“ (Ps 87) In wem? Kann man eine Stadt mit Du anreden? Die Tochter Zion ist tiefer gesehen niemand anders als Maria. Maria, die Unbefleckte Empfängnis, die Patronin dieser Pfarrkirche und der ganzen neuen Pfarrei, die Mutter Christi, unsere Mutter, das heile Herz der Kirche. Alle unsere Quellen entspringen in ihr, weil aus ihr Christus geboren wird. Der Pilger freut sich, mit den anderen in einer großen Gemeinschaft nach Zion, nach Jerusalem, zur Kirche, zu Maria, zur Mutter zu kommen. Spüren auch wir heute diese Freude in unserer Seele, gemeinsam nach Zion zu kommen?
Hand aufs Herz! Heute nach Oschersleben sind einige sicher nicht nur mit Freude und wehenden Fahnen, sondern eher mit sehr gemischten Gefühlen gekommen. Man kann ja auch Oschersleben nicht mit Zion vergleichen! Und doch muß unsere Versammlung heute in Beziehung stehen zu Zion. Sonst wären wir nicht Kirche! Paulus sagt in der Zweiten Lesung: „Bedenkt die gegenwärtige Stunde!“ Versuchen wir also, die gegenwärtige Stunde und damit auch unsere gemischten Gefühle zu bedenken.
Brüder und Schwestern, es gibt ja Ursachen für das heutige Zusammenkommen, für den Zusammenschluß der neun ehemals blühenden Pfarreien und Pfarrvikarien zu einer einzigen großen Flächenpfarrei. Diese Ursachen sind uns bekannt. Sie lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Glaubensschwund. Wir leben in einer Krisenzeit, und ich habe keine Absicht, das zu verschweigen. Diese Krise betrifft die Kirche zumindest in ganz Mittel- und Westeuropa. Es ist, als würde sich ein kaltes Nichts ausbreiten bis hinein in unsere Gemeinden und Familien. Der Mensch macht sich selbst zum letzten Maßstab und verirrt sich in dem fatalen Trugschluß, er brauche keinen Schöpfer und keinen Erlöser und keine Gemeinschaft der Glaubenden. Daß das nicht funktioniert, scheint manchem langsam zu dämmern…, aber diese Dämmerung ist noch keine Wende. Wir stehen immer mehr ganz arm und nackt da. Es läßt sich nicht kaschieren, daß dabei etwas untergeht, etwas, an dem wir auch hängen, etwas, für das viele auch nicht wenig geopfert haben. Und es wäre unredlich, diesen Abbruch einfach zum Aufbruch zu umzudeuten, wie es heute oft geschieht. Das wäre nichts weiter als ein Pfeifen im Walde.
Der Zusammenschluß der Pfarreien ist in sich erst einmal nichts anderes als eine aus der Not heraus entstandene Strukturmaßnahme mit ihren Vor- und Nachteilen. Es darf uns als Christen aber nicht nur um dieses Organisatorische gehen. Die äußere Einheit nutzt uns wenig, wenn wir nicht eine wirkliche gewachsene Liebeseinheit erreichen. Unsere äußere Einheit muß transparent werden auf das Zusammenwachsen zum Leib Christi. Ein Leib und viele Glieder – das ist echte Einheit. Und das ist die Kirche. Die Kirche ist der Leib Christi, so daß Augustinus den Kommunikanten sagen konnte: „Empfangt, was ihr seid. Seid, was ihr empfangt – Leib Christi.“ Und, liebe Brüder und Schwestern, im Grunde ist das auch nichts Neues, sondern das, worum es eigentlich immer geht, egal in welchen Zeiten und Strukturen.
Heute gehen neun Pfarreien oder Pfarrvikarien unter. Oder besser gesagt: Heute wird ein gewisser Untergang, der schon lange vor sich geht, einfach amtlich und offiziell. Und für viele von Ihnen, auch für mich, stellt sich die Frage: Was gibt es da eigentlich groß zu feiern?
Der hl. Gregor der Große zitiert einmal einen Psalmvers: „Bereitet den Weg für Ihn, der im Untergang aufsteigt.“ (Ps 67,5 Vg). Und er sagt dann dazu: „Über dem Untergang steigt der Herr auf; denn wo ER im Leiden unterging, dort zeigt ER sich bei der Auferstehung am strahlendsten.“
Wenn wir ein wenig nur unsere Ohren und Herzen für das Wort Gottes an diesem Ersten Advent geöffnet halten, dann hören wir heute die Botschaft, daß da etwas untergeht und daß da zugleich einer aufgeht, daß da einer kommt! Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen. Die Sterne werden vom Himmel fallen. Da geht es nicht nur um Kapellen, Gemeinderäume oder irgendwelche liebgewonnenen Gewohnheiten. Da geht’s um Sonne, Mond und Sterne. Aber warum sieht man ihr Licht nicht mehr? Wegen des Advents, wegen der Ankunft. Weil da eine viel hellere Sonne aufgeht: Christus: „und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen“. Sein Aufgang überstrahlt alles. Sein Aufgang ist das Gericht. Durch sein Kommen wird unsere ganze Nichtigkeit, unser Versagen, unsere Nacktheit offenbar. Aber ER ist die Liebe, die Liebe Gottes, der uns wirklich liebt und den wir gerade auch in unserer Armut anzunehmen eingeladen sind.
Sein Kommen ist plötzlich wie das der Flut, unberechenbar wie das eines Diebes, unplanbar, unmachbar. „Darum haltet euch bereit!“ ER ist der Herr, der alleinige Herr auch seines Kommens, ER, der war, der ist und der kommen wird. Das schmeckt uns nicht, die wir berechnen, planen, machen wollen. Alle Pläne, alle noch so tollen Pastoralpläne und -vereinbarungen werden vor Ihm nichtig. Wir können Ihn nicht verplanen. Doch was wir können und sollen, ist, die Zeichen der Zeit zu lesen: „Genauso sollt ihr erkennen, wenn ihr das alles seht, daß es vor der Tür steht.“ Wer oder was steht da? Christus selbst steht vor der Tür, ER ist am Kommen. Mit dem Ende kommt ER. Über dem Untergang geht ER auf! Und als der Kommende steht ER vor der Tür. Er klopft schon. Hören wir es? Oder sind wir zu laut und zu sehr mit uns beschäftigt? Der Advent, den wir heute beginnen, ist mehr als die Zeit des Plätzchenbackens, der Schokoladenkalender, der Dudelmusik und der Lichterketten, wo die Menschen von Besinnung zu Besinnung hetzen. Paulus hat uns gesagt: „Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.“
Schauen Sie nun bitte noch auf das ausgeteilte kleine Bild, das ich für einen jeden habe drucken lassen. Nehmen sie es bitte auch für die Kranken mit. Sie sehen darauf eine altrussische Ikone, die wir im Sommer auf der Jugendfahrt angeschaut haben und die von einem Mädchen aus der Gruppe fotografiert worden ist. Diese Ikone ist sehr selten und hat den Namen: „Muttergottes vom unauslöschlichen Licht“. Maria trägt in einer Lampe das immerwährende Licht. In manchen unserer kleinen Kirchen mußten wir das sogenannte „Ewige Licht“ leider löschen, weil dort niemand mehr zum Beten hinging. Aber das wahre Licht, das Maria hervorgebracht hat, Christus, ist wirklich ewig, unauslöschlich, immerwährend. Wir haben es heute gehört: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Und daher ist auch Seine Kirche in ihrem Wesen, in ihrer Mitte, in ihrem Herzen unauslöschbar bis zum Ende der Welt. Auf der Ikone erscheint das Licht Christi nur als ein sehr kleines, gefährdetes Flämmchen in der Lampe, die Maria hält. Auch uns scheint das Licht Christi oft nur wie ein kleines Flämmchen im Sturm der Zeiten. Wird es wirklich weiterbrennen? Oder werden wir doch noch einmal ganz im Dunkeln stehen? Maria hält ihre verhüllten Arme in der Gestalt eines Schoßes. In diesem lebendigen Schoß wohnt der unbegreifliche Gott, wohnt der „Ich bin der Ich bin da“, der als das Licht in diese Welt gekommen ist, der in der Finsternis leuchtet und über dem Untergang am Aufgehen ist. An Ihn glauben wir, auf Ihn setzen wir unsere Hoffnung. Sein Leib sind wir als Kirche. Maria hört nicht auf, diesen strahlenden Leib, dieses Licht fortwährend zur Welt zu bringen, auch heute nicht! Das ist der Aufgang des wahren und unauslöschlichen Lichts.
Die Krise unserer Zeit mit all ihren Untergängen ist darum tiefer gesehen nur ein Zeichen dafür, daß ein Licht aufgeht. Denn ohne Licht gäbe es keine Dunkelheit. Ohne daß wir wenigstens eine Ahnung von und eine Sehnsucht nach dem wahren Licht hätten, würden wir gar nicht unter der Dunkelheit leiden. Möge unser Glaube wieder stärker werden. Möge diese Krisenzeit uns helfen, neu das wahre, unauslöschliche Licht wahrzunehmen und anzunehmen in unserem ganz konkreten Leben, in unseren Familien und Gemeinschaften. Möge Maria, unsere Pfarrpatronin, die Mutter Christi und die Mutter seines ganzen Leibes, unsere Mutter, uns helfen, diese Gerichtszeit als eine Gnadenzeit anzunehmen und uns immer mehr auf dieses Licht auszurichten, das sie als die Mutter trägt und nicht aufhört, zu uns zu bringen. „Bereitet den Weg für Ihn, der im Untergang aufsteigt.“ Amen