Was möchtest Du mal werden? Predigt vom 4. Januar 2026

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Wer bin ich und was soll ich hier? Diesen Fragen sollten wir uns regelmäßig stellen. Ich bin Pfarrer Sperling, und ich soll jetzt eine Predigt halten. Und Sie sind XY und YZ, und Sie sollen jetzt zuhören. Aber wer bin ich, Christoph Sperling, wirklich? Wer ist jeder einzelne von Ihnen in seinem je persönlichen Geheimnis? Und was sollen wir hier, hier in diesem Leben, auf dieser Erde? Wir leben in einem Zeitalter der ständigen Ablenkung, so daß wir uns diesen Fragen seltener als notwendig stellen. Ab-lenkung heißt vom Weg weggelenkt werden. Die Menschen suchen häufig ihre Identität im Digitalen. Das Wort „digital“ kommt von lat. digitus – Finger. Die Finger gebraucht man zum Zählen. Eine digitale Identität weist dem Menschen eine Zahl zu. Mit Deiner sogenannten digitalen Identität bist Du definiert als eine Zahl. Aber Du bist mehr, als eine Zahl ausdrücken kann. In Dir lebt ein abgrundtiefes Geheimnis. Stellen wir uns also den Fragen nach unserem Geheimnis; und hören wir auf die Antwort, die uns aus der Offenbarung Gottes gegeben wird, wie sie die Hl. Schrift bezeugt!

  1. Wir sind erwählt vor der Erschaffung der Welt. In der ersten Lesung aus dem atl Weisheitsbuch Jesus Sirach war die Rede von der Weisheit Gottes, die schon vor der Zeit da war. Und im Epheserbrief, den wir als zweite Lesung hörten, heißt es: „In Ihm [also in Christus] hat er [der Vater] uns erwählt vor der Erschaffung der Welt“. Ein großes, unbegreifliches, wunderbares Geheimnis für jeden von uns. Dem ganzen unermeßlichen und gewaltigen Universum geht voraus die Liebe Gottes, die uns persönlich meint. Unsere Identität haben wir nicht durch unsere Personalausweisnummer oder unseren Internetauftritt und auch nicht dadurch, daß wir von den Menschen anerkannt werden. Sondern unsere Identität haben wir von der ewigen Liebe Gottes her, die uns schon vor der Erschaffung der Welt erwählt hat. // Bisweilen sprechen Eltern mit ihren Kindern darüber, wo die Kinder waren, bevor sie auf diese Welt kamen. Manche Eltern sagen den Kindern, daß sie Engel im Himmel waren. Das ist falsch. Kinder waren nie Engel und werden auch keine. Wenn wir in den Himmel kommen, werden wir zwar in gewisser Weise wie die Engel, (vgl. Mt 22,30) aber wir bleiben immer Menschen. Und doch ist an der Antwort der Eltern auch etwas Richtiges: Wir waren in einem bestimmten Sinn schon da, bevor wir da waren; denn Gott hatte uns schon vor der Erschaffung der Welt, von seiner Ewigkeit her erwählt und bestimmt.
  2. Wozu sind wir erwählt und bestimmt? „In Ihm [also in Christus] hat er [der Vater] uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen, nach seinem gnädigen Willen, zum Lob seiner herrlichen Gnade.“ Kinder werden manchmal gefragt, was sie einmal werden möchten. Wenn das Kind sagt: LKW-Fahrer, Ärztin, Tierforscher, Friseuse oder Tänzerin, dann ist das eine Antwort. Entscheidender als der Wunschberuf ist aber die Antwort, die jeder von uns geben muß: Möchte ich das werden, möchte ich das sein, wozu Gott mich im voraus bestimmt hat? Was ist das denn? An dem großen Geheimnis teilnehmen, daß der eine und einzige Gott seit jeher einen Sohn hat, daß es daher in Gott Beziehung und Liebe gibt. Möchte ich dieses Große glauben und annehmen und daran teilnehmen? Möchte ich darin meine Identität haben? Was möchtest Du denn einmal werden? So dürfen auch wir Erwachsene uns fragen lassen. Ich möchte werden, wozu Gott mich erwählt hat: Sohn, Tochter im ewigen Sohn, Kind Gottes. Auf lateinisch ist hier die Rede von Adpotion: in adoptionem filiorum per Jesum Christum (zur Annahme an Kindesstatt durch Jesus Christus). Und was das heißt, das kann mir niemand erklären, das muß ich selbst erleben. Das ist meine wahre Identität. In der Apokalypse sagt Christus: „Wer siegt, dem werde ich von dem verborgenen Manna geben, und werde ihm einen weißen Stein geben, und auf den Stein einen neuen Namen geschrieben, den niemand kennt, als wer ihn empfängt.“ (2, 17) Nicht die digitale Identität verrät mir, wer ich bin, sondern die Liebe Gottes, die mit mir ein Geheimnis hat: ein weißer Stein, „und auf den Stein einen neuen Namen geschrieben, den niemand kennt, als wer ihn empfängt“.
  3. Wie finde ich zu der Identität, zu der ich bestimmt war schon vor der Erschaffung der Welt? Durch die Heiligkeit. Augustinus schreibt irgendwo: „Nicht unsere Heiligkeit war der Grund seiner Auserwählung, sondern die Auserwählung seitens Gottes war der Grund unserer Heiligkeit.“ Doch wie werden wir heilig? Durch die Heiligung, die wir in der Taufe empfangen. Und dadurch, daß wir mit dieser Gnade mitwirken. Noch einmal Augustinus: „Gott, der dich ohne dich geschaffen, rettet dich nicht ohne dich“ (Sermo, 169, 13 (PL 38, 923]). Daher können wir alle uns für das noch junge neue Jahr vornehmen: Mehr mit der Gnade mitzuwirken, die Gott uns in seinem geliebten Sohn geschenkt hat, damit wir unsere wahre Identität finden und den weißen Stein bekommen, auf dem der Name steht, den nur Gott kennt und der, der ihn empfängt.

Die wunderbare zweite heutige Lesung endet mit einem Gebet. Das soll auch das Ende dieser Predigt bilden: „Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt.“ Amen