Predigtreihe über die Beichte, Fastenzeit 2014 Pfarrer Sperling

Predigtreihe über die Beichte, Fastenzeit 2014 Pfarrer Sperling

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In der Fastenzeit 2014 verabredeten sich die Priester der Pfarrei zu einer vierteiligen Predigtreihe über das Sakrament der Beichte.

Im Folgenden die Predigten von Pfr. Sperling:

Erste Predigt:

2 So Fastenzeit A 2014 Das Gewissen

Liebe Brüder und Schwestern, wir Priester in unserer Pfarrei haben uns darauf verständigt, daß wir von heute an an vier Sonntagen über verschiedene Aspekte des Beichtsakramentes sprechen. Heute beginnen wir mit dem Gewissen, denn das Gewissen ist eine ganz wichtige Wirklichkeit im Zusammenhang mit Schuld und Vergebung. Am letzten Sonntag hörten wir in der Ersten Lesung vom Sündenfall des Menschen. Der Mensch ist von Gott ganz gut geschaffen, hat aber in die Versuchung eingewilligt, selber wie Gott sein zu wollen. Gott wollte und will ja sogar, daß wir vergöttlicht werden. Aber der Mensch verfiel dem Mißtrauen: Vielleicht ist Gott gar nicht so gut und will mir etwas vorenthalten. Der Mensch kannte vorher nur das Gute, aber er erlag der Versuchung, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, um Gott gleich zu werden. Irgendwie wollte er selber die letzte Instanz von Gut und Böse sein. Und gerade so fiel er aus der Freundschaft Gottes hinaus, verlor er das Paradies. Diese Erzählung von den ersten Menschen, ist auch eine Aussage über alle Menschen und ihren Zustand. Schon wenn wir geboren werden, befinden wir uns nicht im Paradies, sondern in einer gefallenen Welt, obwohl wir selber noch nichts Böses getan haben, sind wir auf geheimnisvolle Weise belastet mit dem, was die Kirche Erbschuld nennt. Und auch nach der Taufe bleiben doch noch die irdischen Folgen dieser Gefallenheit. Jeden Tag spüren wir das: ich muß sterben; Krankheiten, Ängste und Schmerzen belasten mich; die Arbeit ist oft mühsam und freudlos; die menschlichen Beziehungen besonders zwischen Mann und Frau sind oft schwierig und voller Mißverständnisse; ständig bin ich von Versuchungen umgeben; es fällt mir schwer und nicht leicht, das Gute zu tun; und es fällt mir oft nicht schwer, sondern leicht, das Schlechte zu tun; ich habe die Tendenz, nicht zu beichten, sondern mich wie Adam und Eva vor Gott zu verstecken, weil ich vor ihm das Gefühl habe, irgendwie nackt zu sein. Das ist keine negative Weltsicht, sondern eine realistische. So ist es nun einmal.

Aber! Aber das ist nur die Ausgangslage. Es gibt eine Frohe Botschaft. Es gibt einen Ausweg, eine Lösung, eine Hoffnung. Gott will den Menschen retten. Er will ihm das Paradies wiedergeben. Gott hat den Menschen aus dem Paradies verstoßen, aber er hat ihn nicht aufgegeben, im Gegenteil. Gott offenbart sich, ER geht dem Menschen nach. Er zeigt schrittweise immer mehr von seiner Wahrheit und Güte. Er offenbart sich besonders den Juden im Alten Testament. Und Er wird sogar selbst Mensch, um uns zu erlösen, und offenbart seine Herrlichkeit, seine Dreifaltigkeit. So daß wir heute im Evangelium die großen Worte vernehmen: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.

Lieber Brüder und Schwestern, doch auch die Menschen, die die Offenbarung Gottes im Alten und Neuen Bund noch nicht erreicht hat, die heidnischen oder ungläubigen Menschen, auch sie sind nicht ganz gottverlassen oder ganz gottfern. Der große Philosoph Immanuel Kant schrieb: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“ Kant staunt. Und wir können auch neu das Staunen lernen und dabei ehrfürchtig werden. Wenn wir in einer sternenklaren Nacht in den Himmel schauen und etwa von der Größe des Alls und damit auch von der Größe und Erhabenheit des Schöpfers erahnen. Wer dieses Staunen verloren hat, diese Bewunderung und Ehrfurcht, von denen Kant spricht, hat etwas zutiefst Menschliches verloren. Aber es ist nicht nur der Sternenhimmel über ihm, der Kants Gemüt erfüllt, sondern auch das moralische Gesetz in ihm. Wir wollen es in unserem Zusammenhang besser das Gewissen nennen. Das Gewissen ist nicht nur ein Gefühl. Das Gewissen ist nicht nur etwas Anerzogenes. Das Gewissen ist eine geheimnisvolle innere Stimme, die mir nicht nur als Christ, sondern schon als Mensch sagt: Du mußt immer das Gute tun und das Böse lassen. Ich weiß also als Mensch, daß es wirklich Gut und Böse gibt, unabhängig von mir, und daß ich das Gute tun muß und nicht das Böse. Das ist die erste und grundlegendste Funktion des Gewissens, in der es niemals irrt. Und wir sehen hier, daß das Gewissen wirklich eine Gabe Gottes ist, ein ganz großes Geschenk. Es ist sogar so etwas wie eine Stimme Gottes in mir, des Gottes, der mich trotz allem nicht verlassen hat und mich auf den Weg der Rettung führen will. Aber das Gewissen kann noch mehr. Es kann sogar anzeigen, was konkret gut ist und was böse. Es weiß und teilt mir mit, daß Lüge, Diebstahl, Mord, Undankbarkeit usw. böse sind, daß Hilfsbereitschaft, Wahrhaftigkeit, Treue, Gerechtigkeit, Dankbarkeit usw. hingegen gut sind und wie ich mich dementsprechend in einer konkreten Situation zu verhalten habe.

Aber hier, liebe Brüder und Schwestern, gilt es, etwas ganz Wichtiges zu erkennen. Das Gewissen, insofern es Gut und Böse konkret anzeigt, ist nicht irrtumsfrei. Es kann sich irren, es kann einschlafen, es kann skrupulös werden oder auch orientierungslos, es kann falsch geeicht sein. So sprechen wir dann sogar von „gewissenlosen Menschen“. Deswegen ist es für uns extrem wichtig, daß wir unser Gewissen bilden, es verfeinern und wachhalten. Sonst könnte es passieren, daß der Spruch auf uns zutrifft: „Sein Gewissen war rein, er benutzte es nie.“ (Stanislaw Lem) Das Gewissen muß in eine Schule gehen. Welche Fächer gibt es in dieser Schule und welche nicht? Nicht gibt es in einer guten Gewissensschule die folgenden Fächer: öffentliche Meinung, Statistik, Bequemlichkeit, Angst. Sehr wohl aber gibt es in einer guten Gewissensschule folgende Fächer: gesunder Menschenverstand, Logik, Kenntnis der Welt, Hl. Schrift, Tradition und Leben der Heiligen, Katechismus und Guter Rat. Machen wir das an einem Beispiel deutlich: Jemand geht am Sonnabend sehr spät ins Bett und überlegt, ob er am Sonntag in die Kirche gehen soll oder nicht. Eine Frage des Gewissens. Wenn er sich nach der Mehrheit richtet, wird er sein Wecker auf 11 stellen und auf die Messe verzichten. Wenn er den gesunden Menschenverstand fragt, sagt ihm dieser: Wenn alle im Bett bleiben, kommt niemand mehr; und das will ich ja auch nicht. Wenn er die Kenntnis der Welt fragt, sagt sie ihm: der Mensch braucht einen Rhythmus und braucht etwas, woran er sich festhalten kann. Wenn er die Hl. Schrift fragt, sagt sie Ihm: „Du sollst den Tag des Herrn heiligen“ und an anderer Stelle: „Bleibt nicht euren Versammlungen fern, wie es einigen von euch zur Gewohnheit geworden ist.“; wenn er die Tradition und das Leben der Heiligen befragt, sagen ihm diese: nicht nur am Sonntag, sondern wenn du kannst, auch wochentags, denn die hl. Messe, das eucharistische Opfer, ist das Größte, was es gibt auf der Welt. Wenn er den Katechismus fragt, sagt ihm dieser: Feiere an Sonn- und Feiertagen die hl. Messe mit. Und wenn er seinen Großvater um guten Rat fragt, wird ihm dieser vielleicht sagen: Wie dein Sonntag, so dein Sterbetag.

Brüder und Schwestern. Das Gewissen ist ein ganz großes Geschenk Gottes, ein Zeichen seiner Liebe zu uns. Das Gewissen ist aber nicht autonom, es legt nicht selber fest, was gut und böse ist, sondern es hilft uns, gut uns böse zu erkennen. Damit es das immer besser kann, muß es in die Schule gehen.

Heute, am Zweiten Fastensonntag, haben wir gehört, wie Gott dem Abraham sagt: „Ein Segen sollst du sein.“ Wenn wir unser Gewissen in die Schule schicken und immer wieder prüfen, dann tun wir dies nicht als Durchschnittsmenschen, die irgendwie christlich sozialisiert sind, sondern dann tun wir das als Abrahams Kinder, also als Söhne und Töchter eines heiligen Volkes, als Menschen, die beschenkt sind und die für andere ein Segen sein sollen und dürfen. Als Christen, also als Menschen, die zwar schwach sind, aber eine hohe und wunderbare Berufung haben. So haben wir es auch in der zweiten Lesung von Paulus gehört: Gott „hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen“. Gott hat uns das Gewissen geschenkt, damit wir diesem großen und heiligen Ruf folgen können. Benutzen wir es und bilden wir es aus! Amen


Zweite Predigt

3 So Fastenzeit A 2014  – Die Folgen der Sünde

Liebe Brüder und Schwestern, wir leben im Zeitalter des Individualismus. Der Einzelne sieht sich isoliert von den anderen: Ich bin ich. Er lebt für sich selbst. Er sündigt für sich selbst. Er sieht nicht, daß der Mensch zutiefst als Gemeinschaftswesen erschaffen ist. Sein Individualismus ist Illusion, ist Einbildung. Aber diese Illusion ist heute sehr stark und hat viele unserer katholischen Christen zu ihrem großen Schaden fest im Griff.

Wir haben letzten Sonntag die gemeinsame Predigtreihe über Aspekte der Beichte mit dem Thema Gewissen begonnen. Heute soll es nun über die Sünde gehen. Es gibt ja den Witz, daß ein Junge von der Messe nach Hause kommt und der Vater ihn fragt, worüber der Pfarrer gepredigt hätte. „Über die Sünde.“, sagt der Junge. „Und was hat er gesagt?“, will der Vater wissen. „Er ist dagegen.“ Ich hoffe, daß wir mit dieser Predigt doch etwas weiter kommen. Daß wir nämlich neu erkennen, daß das Gute und das Böse, das wir tun, nicht unsere individualistische Privatangelegenheit ist, daß deswegen auch das Gute, das wir bewirken, und der Schaden, den wir verursachen, nicht nur uns betreffen. Und daß deswegen auch die Vergebung keine reine Privatangelegenheit ist, daß Gott sie uns zwar ganz persönlich schenkt, aber doch auch durch die und in der Gemeinschaft der Kirche.

Schauen wir auf die Samariterin, der Jesus heute am Brunnen begegnet. Jesus sagt ihr: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann.“ Diese Unordnung in ihrem Leben, daß sie immer wieder neue Beziehungen begonnen und abgebrochen hat, daß sie sich hingegeben hat, ohne sich wirklich hinzugeben, daß betrifft nicht nur sie selbst, sondern viele ihrer Mitmenschen: die Männer, die Kinder, die anderen Angehörigen, die ganze Dorfgemeinschaft. Und es ist sogar sehr schwer zu unterscheiden, wem genau die Schuld zuzuweisen ist: denn sicherlich sind auch die Männer schuld, die wohl diese gutmütige Frau ausgenutzt und sich gegenseitig zugeschoben haben. Vielleicht sind auch ihre Eltern und noch andere Personen schuld, die Einfluß auf sie hatten. Wem genau gehört eine Sünde? Kann man das überhaupt so präzise sagen? Auf der anderen Seite führt auch das Positive, nämlich daß diese Frau in Jesus den Messias erkennt, dazu, daß viele Leute aus dem Ort zum Glauben kommen. Der Gemeinschaftscharakter der Sünde ist nur die negative Kehrseite der einen Medaille, auf deren Vorderseite der Mensch steht, der von Gott als sein Abbild und darum als gutes Gemeinschafts- und Liebeswesen erschaffen wurde, der mit seinen Mitmenschen das Gute gemeinsam empfängt und gemeinsam tut. Denn vor allem auch all das Gute, das wir sind und haben, ist nicht unsere Privatangelegenheit. Wir hätten ja all das z.B. nicht ohne unsere Eltern. Der Mensch ist einfach in Wirklichkeit kein isoliertes Individuum.

Gott hat einmal der hl. Katharina von Siena Folgendes offenbart: „Ihr alle besitzt einen Weinberg, den Weinberg eurer Seele. Ihr habt die Pflicht, ihn zu bebauen, denn indem ihr ihn bebaut, bestellt ihr auch den Weinberg eures Nächsten. Alle sind untereinander so sehr verbunden, daß niemand sich selbst Gutes tun oder Schaden zufügen kann, ohne dabei auch gleichzeitig dem Nächsten Gutes zu tun oder zu schaden. Alle zusammen bildet ihr einen einzigen gemeinsamen Weinberg. Es ist die Gemeinschaft der Christen, die im Weinberg der Kirche versammelt sind, von der ihr das Leben empfangt.“ (hl. Katharina von Siena, Dialog)

Die Folge der Sünde ist also, Brüder und Schwestern, daß wir nicht nur uns selbst schaden, sondern auch den anderen, daß wir dem Weinberg der Kirche schaden. Deswegen ist auch die Vergebung nicht eine Privatangelegenheit, sondern wir empfangen sie durch die Beichte, die wir vor dem Priester ablegen, der ein Vertreter Christi, aber auch der Gemeinschaft der Kirche ist, die wir geschädigt haben. Und zwar auch durch die Sünden, die niemand kennt. Denn auch die geheimen Sünden haben Folgen, wirken sich aus um uns herum wie ein Gift, wie eine spirituelle Kontamination.

Deswegen ist es auch ein großer Irrtum und eine gefährliche Illusion, wenn viele sagen: Das Problem meiner Sünden mache ich mit Gott allein aus; ich brauche keine Kirche, kein Sakrament. Ich bin ich. Und meine Sünden gehen niemanden etwas an. So erhalten wir keine Heilung, keine Vergebung, keinen Frieden.

Nachdem wir den Gemeinschaftscharakter der Sünde und auch der Vergebung gesehen haben, schauen wir nun darauf, wie die Sünde vor allem Gott selbst betrifft. Eine zweite Wahrheit, die ein Großteil auch der Katholiken vergessen hat. Wenn ich meinen Bruder belüge, reicht es doch, wenn ich mich bei ihm entschuldige. Was hat das denn noch mit Gott zu tun? Eigentlich ist das nicht schwer zu erkennen, wenn wir nur ein wenig Liebe haben. Wenn Eltern ihre Kinder lieben, dann sind die Eltern traurig, wenn ihre Kinder Böses tun. Weil sie ihre Kinder lieben, lassen sie sich von dem Bösen betreffen, das die Kinder tun. Sie leiden darunter, daß die Kinder sich selber durch das Böse schaden, weil sie ihre Kinder lieben. Gott liebt uns noch unendlich mehr als unsere Eltern. Und so läßt ER sich betreffen von unserer Sünde, obwohl ER als Gott allmächtig, unnahbar und unendlich vollkommen und glücklich ist. Wenn Eltern miterleben, daß ihre Kinder sterben, sind sie furchtbar traurig. Wie könnte der liebende Gott sich nicht betreffen lassen, wenn seine Kinder durch die Sünde sterben? Denn letztlich führt die Sünde zum Tod. Der Mensch, der eine Todsünde begangen hat, ist seelisch tot, weil er sich von Gott getrennt hat. Was ist eine Todsünde? Das können wir uns an drei Punkten merken: 1.) Es geht um eine wichtige Sache. 2.) Ich entscheide mich frei, und 3.) ich entscheide mich bewußt dafür, das zu tun, was gegen Gottes Gebot steht. Dann habe ich mich wirklich von Gott getrennt. Und wenn ich in diesem Zustand sterbe, dann … Das ist so schrecklich, daß ich es nicht aussprechen möchte. Ob jemand im Zustand der Todsünde ist, kann man von außen nicht sagen. Das weiß letztlich nur Gott, der allein alle Umstände eines Lebens ganz kennt. Darum steht uns kein Urteil zu!

Aber wir sprechen über all das im Zusammenhang der Frohen Botschaft, der Botschaft von der erlösenden Liebe Gottes. Paulus hat sie uns mit den folgenden Worten verkündigt:

Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen. Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“

Liebe Brüder und Schwestern, ein Individualist, der sagt: ich bin ich, und meine Sünde ist meine Angelegenheit, wird niemals erkennen, warum Christus für ihn sterben wollte. Er kann nicht sehen, daß Gott uns aus Liebe erschaffen hat und daß ER uns als Gemeinschaftswesen erschaffen hat. Bitten wir Gott, uns neu die Augen zu öffnen für die gute Nachricht, daß wir untereinander verbunden sind, nicht nur im Bösen, sondern vor allem auch im Guten, und daß es deshalb auch möglich ist, daß einer für den anderen einsteht und an seiner Erlösung mitwirkt. Amen


Dritte Predigt

4 So Fastenzeit A 2014 Umkehr als Hinwendung zu Gott

Liebe Brüder und Schwestern,

das eben gehörte Evangelium endete mit den Worten Jesu: „Wenn ihr blind wäret, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“ Einige von den Pharisäern, die mit Jesus streiten, meinen zwar, der Blindgeborene sei ganz und gar in Sünden geboren und auch Jesus sei ein Sünder, aber sie erkennen nicht ihre eigene Finsternis. Wer sich einbildet, im Licht zu sein, aber in seiner Finsternis doch blind bleibt, dem bleibt seine Sünde erhalten: „Jetzt aber sagt ihr: wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.“ Wer sich aber seiner Finsternis bewußt ist, wer seine Blindheit zugibt, dessen Finsternis kann vom Licht der Vergebung erhellt werden, und er wird wahrhaft sehend.

Am letzten Sonntag haben wir darüber nachgedacht, daß die Sünde nicht nur den einzelnen Sünder individuell berührt, sondern immer auch seine Mitmenschen, und daß sie vor allem Gott selbst betrifft. Nur jemand, der allmächtig ist, kann darum wirklich wieder gut machen, was ich z.B. durch eine Lüge angerichtet habe. Daß wir mit jeder Sünde nicht nur uns selbst und den Mitmenschen schaden, sondern Gott beleidigen, ist auch wichtig für die Reue, die ja eine Voraussetzung für die Vergebung ist. Bereue ich nur, weil ich mir selbst geschadet habe? Bereue ich nur, weil ich dem Mitmenschen wehgetan habe? Oder spüre ich auch Reue, weil ich Gott, das höchste Gut, beleidigt habe, Ihn in seiner Liebe betroffen, Jesus sein Kreuz schwer gemacht habe? Je tiefer ich das erkenne, desto kräftiger wird meine Reue.

Eine Sünde kann uns nicht einfach von dem geschädigten Mitmenschen vergeben werden, weil sie immer auch Gott betrifft. Jesus sagt ja: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Darum können und sollen wir zwar einander verzeihen als Voraussetzung dafür, selber Verzeihung zu erlangen, aber die Sünde wahrhaft hinwegnehmen kann allein Gott. Wirklich entschuldigen kann nur Gott, der diese Fähigkeit seiner Kirche als Vollmacht übertragen hat: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“.

Außerdem meinen wir ja mit dem Uns-Entschuldigen oft etwas ganz anderes. „Ich entschuldige mich, daß ich zu spät komme, die Schranken waren unten“. Das meint ja in Wirklichkeit: „Ich bin nicht schuld, weil ich etwa zu spät losgegangen wäre, sondern die Schranken sind schuld.“ Wirklich ent-schuldigen kann nur Gott.

In der ersten Lesung haben wir gehört, daß Gott ins Herz sieht: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“ Darum dürfen wir einander auch nicht verurteilen. Nur Gott sieht ins Herz und zwar bis in den letzten, verborgenen Winkel. Was sieht Gott, wenn er in unser Herz schaut? Er sieht Helles und Dunkles, Licht und Finsternis. Das Licht ist unsere Liebe, unsere Bereitschaft zum Guten, unsere guten Werke, die auch oft von den Menschen nicht gesehen werden. Die Finsternis, das ist unsere Sünde, der Mangel an Liebe, meine kleinen und großen Egoismen, Lügen, …

Im Epheserbrief (Zweite Lesung) haben wir heute gehört: „Prüft, was dem Herrn gefällt, und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, sondern deckt sie auf!“ Man kann dieses Aufdecken so verstehen, daß wir in unserer Gemeinschaft das Böse, das jemand tut, im Gespräch aufdecken sollen. Wenn wir sehen, daß jemand etwas Böses tut, z.B. sich das Geld anderer aneignet, sollen wir dieses Verhalten nicht einfach mit dem Mantel des Schweigens bedecken, sondern bei passender Gelegenheit ansprechen und durch dieses Aufdecken den Täter dazu bringen, sich zu ändern. Aber ich glaube, daß wir das auch direkt auf uns selbst beziehen können, jeder für sich, denn es heißt im Folgenden: „Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Alles Erleuchtete aber ist Licht.

Liebe Brüder und Schwestern, ist das nicht eine wunderbare Beschreibung des Wunders der Beichte? Denn was tun wir denn in der Beichte? Wir decken auf. Wir decken nicht die schlechten Taten unserer Mitmenschen auf, wie wir das so gern bei Klatsch und Tratsch tun, sondern wir decken die eigenen auf. Wir tun dies im ehrlichen Bekenntnis, nach einer guten Gewissenserforschung. Wir legen alles ehrlich auf den Tisch, ohne etwas zu verheimlichen: „Vor Gott und der Kirche bekenne ich meine Sünden“. Ich decke auf, was Gott schon weiß und schon sieht. Aber dadurch öffne ich mich jetzt selbst für das Licht der Vergebung. „Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Alles Erleuchtete aber ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein.

In einem Beichtstuhl ist es oft Dunkel. Aber dieses Dunkel ist nicht das Dunkel der Sünde, sondern das Dunkel der Diskretion. Hier leuchten nicht die Blitzlichter eines Enthüllungsjournalismus, der andere bloßstellt, hier leuchten nicht die grellen Scheinwerfer der Fernsehtalkshows, wo Menschen vor einer neugierigen Öffentlichkeit ihr Innerstes nach außen kehren, ihre Bekenntnisse ablegen und doch keine Vergebung erhalten. Im Beichtstuhl bleibt in liebevoller Diskretion alles, was aufgedeckt wird, vom strikten Beichtgeheimnis geschützt. Äußerlich gesehen ist der Beichtstuhl oft ein dunkler Ort, aber was dort geschieht, ist das Hellste, was es gibt, nämlich die Erleuchtung der Finsternis mit dem Licht der Barmherzigkeit. Hier ereignet sich, wie Augustinus und Thomas von Aquin sagen, ein größeres Werk als bei der Erschaffung des ganzen Universums. Aus einem einzelnen Sünder einen Gerechten zu machen, ist ein größeres Werk als die Erschaffung des ganzen Universums (maius opus est ut ex impio iustus fiat, quam creare caelum et terram)!

Brüder und Schwestern, wir glauben, daß Brot und Wein in Leib und Blut des Herrn gewandelt werden. Eine ebensolche Kraft hat das Werk der Barmherzigkeit in der Absolution, wenn uns gesagt wird: „Ich spreche dich los von deinen Sünden“. Wenn ein ehrliches Bekenntnis und echte Reue vorliegen mit dem Vorsatz, mich zu bessern, darf ich gewiß sein, daß ein Wunder der Verwandlung geschieht, das Wunder der Barmherzigkeit, das nur Gott vollbringen kann und daß größer ist als das Wunder der Welterschaffung. Der Sünder ist wirklich zu einem Heiligen geworden:

Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Alles Erleuchtete aber ist Licht.

Amen


Vierte Predigt

5. Fastensonntag A 2014

Brüder und Schwestern, nach diesem wunderbaren Evangelium, in dem sich Jesus als die Auferstehung und das Leben offenbart, wollen wir versuchen, den Zusammenhang zu erkennen zwischen dieser Offenbarung des Lebens und dem Thema unserer Predigtreihe: der Vergebung der Sünden im Sakrament der Beichte. Am letzten Sonntag habe ich die Heiligen Augustinus und Thomas v. A. erwähnt, die sagen, daß das Werk, aus einem einzelnen Sünder einen Gerechten zu machen, ein größeres Werk sei als die Erschaffung des ganzen Universums. Wir müssen uns das einmal vorstellen, es uns ausmalen: welches Wunder ist die Erschaffung der Welt: der Tiefen des Universums, der ungeheuren Kräfte des Alls im Makrokosmos und Mikrokosmos, aber auch des schier unendlichen Reichtums und der Schönheit des pflanzlichen, tierischen und menschlichen Lebens, kurz all der Wunder der Natur! Dies alles zu erschaffen, ist ein höchst staunenswertes Werk. Aber noch herrlicher, noch größer ist das Werk Gottes, aus einem einzelnen Sünder einen Gerechten zu machen. Denn hier wird jemand neu geboren, hier besiegt das Leben den Tod. Und dies geschieht nach katholischem Glauben für die, die schon getauft sind, in einer echten Beichte. Es ist eine Auferstehung. Ein Toter kommt zum Leben. Gott sagt, wie wir in der ersten Lesung hörten: „Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf.“  Und im Evangelium freut sich Jesus, daß er nicht bei Lazarus war, als dieser starb: „Und ich freue mich für euch, daß ich nicht dort war; denn ich will, daß ihr glaubt.“ Was sollen die Jünger glauben? Das, was Jesus von sich selbst offenbart: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Die Jünger mißverstehen Jesus anfangs und denken, Lazarus schlafe nur. „Herr, wenn er schläft, dann wird er wieder gesund werden. Jesus aber hatte von seinem Tod gesprochen“. Es geht hier wirklich um Leben und Tod. So ist es auch bei der Vergebung, die uns Gott schenkt. Denn die Sünde ist nicht nur ein harmloser Schlaf, sondern wirklich ein Tod. Wir haben vor zwei Wochen darüber gesprochen, was das ist, eine Todsünde. Wir sind da wirklich in einem Grab. Aber Gott kann uns zum Leben erwecken! Denn: „Stark wie der Tod ist die Liebe.“, heißt es schon im Hohenlied des Alten Testaments. Lazarus liegt tot in seinem Grab, es ist schon der vierte Tag. Er ist wirklich tot. Nur ein Wunder kann helfen. Jesus ruft ihn: „Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus.“ Dieses Ereignis ist ein schönes Bild für eine echte Beichte. Wenn es uns wirklich leid tut, wenn wir unser Gewissen erforscht und es vorher auch gebildet haben, wenn wir ehrlich bekennen, ohne Wichtiges zu verschweigen, und wenn wir den Vorsatz fassen, uns mit Gottes Hilfe zu bessern, dann geschieht an uns dieses Werk der Barmherzigkeit Gottes, das größer ist als das Werk der Welterschaffung, dann dringt ein göttlicher Lichtstrahl in unser Herz und macht es wirklich neu. Die Sünden werden nicht nur zugedeckt, sondern hinweggenommen. Mit dieser großen Freude kehren wir in unseren Alltag zurück!

Brüder und Schwestern, fragen wir noch ganz praktisch: Wie beichtet man überhaupt? Viele von uns waren ja schon so lange nicht mehr zur Beichte, daß sie vielleicht sehr unsicher sind. Kurz zusammengefaßt geht das so: Ich bereite mich in Ruhe vor, indem ich mein Gewissen betend erforsche und zwar im Licht des sicheren Glaubens der Kirche und nicht nur im Zwielicht der öffentlichen Meinung und des Zeitgeistes oder meiner Gefühle. Dabei schaue ich nicht nur auf mich Sünder, sondern vor allem auf Christus, der mich so sehr liebt. Nicht die Nabelschau, sondern der liebende Blick auf Christus führt zur guten Erkenntnis meiner selbst. Ich gehe zu einem gläubigen und treuen Priester.  Ich weiß, alles, was ich sage, ist durch das Siegel des Beichtgeheimnisses geschützt. Und dann knie ich mich einfach hin, sage, wann ungefähr meine letzte Beichte war, und bekenne in klaren und knappen Worten meine Sünden. Wenn ich nicht weiter komme, wenn ich etwas kaum herauskriege oder keine Worte finde, kann ich den Priester um Hilfe bitten. Ich darf davon ausgehen, daß der Priester selber auch beichten geht und meine Nöte kennt. Ich lasse mich nicht abhalten von den Stimmen, die mir sagen: „Du machst es ja sowieso wieder!“ oder „Was soll Pfarrer der von mir denken?“ oder „Das nutzt ja sowieso nichts“ oder „Bei modernen Priestern gibt es dafür Bußgottesdienste, die Ohrenbeichte ist doch Schnee von gestern.“ Nein, ich lasse mich nicht abhalten. Ich weiß, es muß ausgesprochen werden. Und es muß ausgesprochen werden genau an diesem Ort: vor dem Priester, der auch ein armer Sünder ist, aber der von Gott den Auftrag und die Vollmacht hat, in Christi Namen das Bekenntnis zu hören und das Wort der Vergebung zu sprechen. Und wenn ich fertig bin, sage ich ungefähr Folgendes: „Dies sind meine Sünden. Sie tun mir von Herzen leid. Ich nehme mir vor, mich zu bessern.“ Und dann gibt mir der Priester ein paar Ratschläge, den sogenannten Zuspruch, und trägt mir eine Buße auf. Die eigentliche Buße hat ja schon Christus für mich getragen, aber meine kleine Buße, z.B. ein Gebet oder ein Werk der Nächstenliebe, ist mein Zeichen des guten Willens. So wie Lazarus von Jesus nicht nur auferweckt wurde sondern auch den Auftrag bekam, selber aus dem Grab herauszukommen, was er dann erstaunlicher Weise trotz der Leichentücher auch konnte. Ich kann mich doch nicht von den Toten auferwecken lassen und dann im Grabe liegenbleiben! Nein, die Buße bedeutet das Aufstehen, das aus dem Grab herauskommen, das Ernstmachen mit der Umkehr. Damit ist die Beichte abgeschlossen.

Noch ein Tip zum Schluß: Wann soll ich beichten? Sicher immer dann, wenn mich eine schwere Sünde bedrückt. Die Kirche sagt: Mindestens einmal im Jahr. Ratsam ist es, öfter zu beichten, z.B. aller zwei Monate. Gut ist es, sich die Woche, in der man wieder beichten geht, schon im Vorhinein festzulegen, nicht nur dann beichten zu gehen, wenn mir danach ist, sondern wenn der Zeitpunkt gekommen ist. Gut ist es, nicht alles von meinen Gefühlen abhängig zu machen. Wenn ich auf diese Weise in einem regelmäßigen Rhythmus mein Gewissen erforsche und beichte, kann dies eine große Hilfe sein, mich von Gott führen zu lassen, seinen Willen für mein Leben tiefer zu erkennen und auch meine schlechten Angewohnheiten gründlicher zu entdecken und zu bekämpfen. Nach und nach kann in uns eine Art „Beichthaltung“ entstehen. Wir erforschen jeden Abend unser Gewissen. Und jeder Zeit wären wir bereit, uns zu öffnen, uns zu zeigen, wie wir sind, damit Gott sein Licht immer stärker in uns strahlen lassen kann.

Eines noch ganz zum Schluß: Sie haben sicher öfter Grund, sich über mich zu beschweren. Und sicher könnte ich als Pfarrer vieles besser machen. Aber eines ist sicher: Wenn ich nicht regelmäßig beichten gehen könnte, dann wäre es ungleich schlimmer mit mir. Und wer weiß, was überhaupt aus mir geworden wäre. Doch zum Glück gibt es dieses Sakrament, vor dem wir zurückscheuen, aber das uns doch so gut tut. Amen