Was hat Jesus in der Hand? Das neue Bild am Pfarrhaus Oschersleben

Dank einer Spende konnte vor einigen Tagen am Pfarrhaus Oschersleben auf der Vikariehofseite durch den Künstler Kay Elzner (Oschersleben) ein neues Marienbild entstehen.

Es entspricht unserer Marienfigur aus der Pfarrkriche, von welcher Martin Langer in seinem neuen Buch über die katholische Pfarrkirche St. Marien schreibt, sie sei eine „spätgotische Madonnenstatue (um 1470/80)“.

„Die polychrone Statue der Jungfrau mit Kind, Zepter und Krone hebt sich mit goldfarbener Mandorla und den beiden Heiligenscheinen vom schwarz gehaltenen Hintergrund des räumlichen Altargehäuses ab. […] Über ihrem rechten Standbein hält sie mit dem rechten Unterarm den Jesusknaben. Dieser umfaßt mit beiden Händen eine Birne. Das jungfräuliche Gesicht Marias wird von dem locker fallenden Haar gerahmt. Schleier und Gewandung umgeben faltenreich den Körper, der erst am Knie des linken Spielbeins wieder sichtbar wird. Krone und Zepter, die ihr durch göttliche Gnade zuteilwurden, sind Zeichen der Himmelskönigin.“

Aus der Zeit um 1860 berichtet die Chronik: „Nach unbestätigter Überlieferung hatte jemand von protestantischen Arbeitskollegen von einer auf einem Heuboden liegenden Madonnenfigut gehört, die der Zerstörung zu Beginn der Reformation entgangen war. Zu zweit gehen sie zu dem genannten Ort, und nach einigem Suchen unter Heu, Stroh und Gerümpel leuchtet ihnen plötzlich der Strahlenkranz einer Muttergottesstatue entgegen. Mit Freude im Herzen bergen sie die Plastik, schaffen sie in die Kirche [gemeint ist die Notkirche vor dem jetzigen Kirchbau], und nach einer gründlichen Säuberung steht sie am nächsten Sonntag im alten Glanz über dem Altar.“ (Chronik von Otto Staufenbiel, 1997)

Vogel oder Birne? Was hat das Jesuskind in der Hand?

Ein  Kunsthistoriker aus Dresden wies auf einen Artikel hin, welcher eine hilfreiche und zur Enstehungszeit passende Erklärung gibt:

„In seinen Händen hält [das Jesuskind] ein Vöglein, wahrscheinlich ein[en] Stieglitz. An der Wende zum 16. Jahrhundert kam dieses anmutige Attribut in Schwang. Raffael malte eine Stieglitz-Madonna, Albrecht Dürer stach eine Zeisig-Madonna.

Es gibt mehrere Auslegungen: Der Distelfink mit dem langen, spitzen Schnabel gilt als Hinweis auf die Leiden, die Jesus zu erwarten hat, um die Welt zu erlösen. Da der Stieglitz sich von Samen der Distel ernährt, einer Pflanze mit miesem biblischen Image („Dornen und Disteln lässt dir der Ackerboden wachsen“, heißt es im Fluchwort über Adam), könnte er auch für die Armen und Kleinen stehen, auf deren Seite Jesu sich stellt. Schließlich spendet Jesus den Niedergedrückten Trost mit dem Verweis auf Gottes Fürsorge selbst für die Vögel am Himmel („Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln nicht in Scheuern, und doch ernährt sie euer himmlischer Vater“).“ In Aschersleben gebe es eine Chranach-Madonna mit Kind und Vogel.

Aufgrund dieser Hinweise entschied ich mich, den Künstler um die Darstellung eines Stieglitzes zu bitten. Am ersten Oktobersonntag konnten wir dank des noch stehenden Gerüstes das neue Marienbild in Anwesenheit der Sonntagsgemeinde segnen.

Wir hoffen, daß es viele Oscherslebener sowie auf der Bundesstraße vorbeifahrende Kraftfahrer erfreut und an die Liebe unserer himmlischen Mutter erinnert, die uns den Erlöser geboren hat.

 

Chr. Sperling, Pfr.