Maria Unbefleckte Empfängnis

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Unbefleckte Empfängnis 2016

Der italienische Meistermaler Giusto de Menabuoi hat im 14. Jahrhundert das Baptisterium in Padua mit wunderbaren Malereien ausgestattet. Dort ist auch in einem Bild voller Dramatik die apokalyptische Frau zu sehen, wie sie das zwölfte Kapitel der Apokalypse des Johannes darstellt. Wir haben das 2015 beim Einkehrtag betrachtet. Die Frau wird bedroht von einem großen, siebenköpfigen Drachen, der Hörner und Kronen auf seinen Köpfen trägt und ihr mit seinen offenen, zum Zubeißen bereiten Mäulern fast unmittelbar nahe gekommen ist. Man denkt, es fehle nur noch der Bruchteil einer Sekunde und die Frau ist verloren. Die Gefahr ist imminent und scheint unabwendbar. Der Drache hat riesige Pranken und Flügel und einen gewaltigen Schweif, mit dem er Sterne vom Himmel fegt (Apk 12,4). Die Frau ist viel kleiner. Sie hat auf ihrem Schoß den Sohn liegen, einen nackten, bloßen Säugling, auf den es der Drache offensichtlich abgesehen hat. Vor der Brust wird sie von der Sonne geschmückt und auf ihrem Haupt von 12 Sternen (Apk 12,1). Unter ihren Füßen der Mond und über ihrem Kopf ein kleiner Engel. Die augenscheinlich völlig schutzlose Frau macht keinen Versuch der Flucht oder der Abwehr. Sie hat nur ihre Hände zum Gebet erhoben.

Wer ist diese betende Frau, diese Mutter? Natürlich, sagen wir, sie ist Maria. Aber wir wissen auch, daß diese apokalyptische Frau bei Johannes ein Bild der Kirche ist. Sie ist beides: Maria und die Kirche. Die Kirche nicht als äußere Institution, die sie auch ist und sein muß, sondern tiefer, von ihrem Mysterium her verstanden als Frau, als Braut, als Mutter.

Schon die Kirche des ersten Jahrhunderts, in der Johannes seine Vision hatte, war zutiefst bedroht. Sie wurde von außen verfolgt. Schon die Christen der ersten Generationen erfuhren den Haß der Welt, Ablehnung, Enteignung, Vertreibung, Haft, Folter und Hinrichtung, so wie es heute so viele verfolgte Christen erleben, so viele wie noch nie in der Geschichte. Und auch schon die ersten Christen erlebten etwas noch viel Schlimmeres als die äußere Verfolgung. Sie erlebten Entzweiung in den eigenen Reihen, Wunden am Leib Christi, Verwirrung und Uneinigkeit durch die Verbreitung falscher Lehren im Inneren der Kirche selbst. Paulus schrieb von der Gefahr durch die „falschen Brüder“ (2 Kor). Das ging so weit, daß Johannes, derselbe, der uns das wunderbare Wort schreibt, daß Gott die Liebe ist (1 Joh 4,8), auch schreiben kann und muß: „Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt in nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß.“ (2 Joh 10). Das muß ihm sehr wehgetan haben. Auch heute erleben wir Entzweiung mitten in der Kirche. Nicht nur gibt es in Pfarrgemeinden und kirchlichen Gruppen oft sinnlosen Streit um Worte oder nichtige Dinge, es gibt auch die Auseinandersetzung um Wesentliches, um Fragen der Wahrheit, der Sakramente und des Gewissens. Es geht hinauf bis zu den Kardinälen. Und die einfachen Gläubigen werden verwirrt und leiden. Was wird nun mit unserer katholischen Kirche, die wir lieben und die wir brauchen?

Der Drache, der bereit ist, sofort die Frau und ihren Sohn zu vernichten, ist niemand anderer als die Schlange, von der in der heutigen ersten Lesung die Rede ist. Vom Drachen und der Frau hören wir am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel am 15. August. Und von der Schlange hören wir heute. Es ist natürlich eine Bildsprache. Es geht nicht darum, daß wir Christen an sprechende Tiere glauben müßten. Aber wir verstehen, was gemeint ist, wenn Gott zur Schlange spricht: „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs.“ Die Apokalypse selbst sagt uns im 20. Kapitel, wer die Schlange ist, wenn es heißt: „Er überwältigte den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel oder der Satan“ (20,2). Jesus nennt ihn auch „Mörder“ und „Vater der Lüge“ (Joh 8,44).

Zwischen der Frau und dem Drachen, der Schlange herrscht also Feindschaft. Und wenn wir ernsthaft versuchen, als Christen zu leben, dann werden wir diese Feindschaft hautnah erleben. Es ist ein dramatisches Geschehen. Die Kirche wird bedroht von außen und von innen. Seit ihren Anfängen. Und vieles deutet darauf hin, daß sich diese Bedrohung noch steigert, je weiter die Geschichte vorangeht.

Doch, Brüder und Schwestern, hören wir, was uns die heutige Lesung aus dem Buch Genesis dann weiter sagt! Gott sagt zur Schlange „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse.“ Der Nachwuchs der Eva wird die Schlange am Kopf treffen. So wird auf den ersten Seiten der Bibel das Unheil beschrieben und die Strafe für die sündigen Menschen. Doch es ist auch schon ein hoffnungsvoller Ausblick gegeben. Der Nachwuchs der Frau wird die Schlange am Kopf treffen. Deshalb wird unsere heutige Lesung auch von den Kirchenvätern das Protoevangelium genannt, also die erste Frohe Botschaft. Das erste und das letzte Buch der Bibel halten den roten Faden der Erlösung, der durch die ganze Heilige Schrift läuft. Und Maria spielt dabei eine unverzichtbare Rolle.

Der Drache stellt eine ungeheure Gefahr dar. Die Apokalypse sagt: Er führt „Krieg mit den übrigen Nachkommen“ der Frau. Die übrigen Nachkommen sind alle, die zu Christus gehören, „die den Geboten Gottes gehorchen und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“ (Apk 12, 17). So sagt es die Apokalypse des Johannes. Und wenn wir uns diesem Drachen zuwenden, wenn wir anfangen, auf ihn zu hören, mit ihm zu spielen, wenn wir uns in seine Nähe begeben, dann haben wir verloren; aber der Drache, so stark er auch scheint, kann die Frau nicht besiegen, kann ihr Kind nicht töten. Denn die Frau – so schutzlos sie auch scheint – gehört zu Gott, dem Allmächtigen. Deswegen müssen wir uns in den Schutz dieser Frau begeben.

Die Frau ist die Kirche. Die Kirche besteht aus uns sündigen Menschen. Und je mehr jemand in der Verantwortung für die Kirche steht, desto mehr Schaden kann er durch seine Sünden und sein Versagen anrichten. Und so hat es in der Geschichte der Kirche immer wieder schlimme Wunden gegeben, unter denen wir bis heute leiden. Denken wir nur an die tragische Geschichte des 16. Jahrhunderts. Die heilige Hildegard hat die Kirche als eine wunderbare Frau mit einem schlimm besudelten Kleid gesehen, vor allem auf Grund der Sünden vieler Priester.

Aber das Herz der Kirche ist heil. Das Herz der Kirche ist die Frau, von der wir wissen, daß sie die Unbefleckte Empfängnis ist, die Frau, die ganz schön ist, die von Anfang ihrer Existenz an ganz gut ist, schon als Kind im Mutterleib und für alle Zeit sich nicht anstecken läßt vom Bösen. Nur deshalb können wir im Credo die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche bekennen. Sie ist heilig, nicht weil wir alle fehlerlos wären und weil Christen niemals sündigen, sondern weil ihr unzerstörbares Herz die ganz heilige Frau ist, Maria, die Jungfrau und Mutter des Herrn. Und die Schlange, der Drache hat, so nahe er mit seinen Mäulern auch herankommt, letztlich keine Macht über diese Frau.

Haben wir nicht ein wunderschönes Patronat für unsere Pfarrkirche?

Seien wir also dankbar dafür und versuchen wir, uns dessen würdig zu erweisen.

Amen