Predigt zum Passionssonntag

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Fünfter Fastensonntag B 2018

Wir müssen uns entscheiden, ob wir Ostern nur äußerlich als traditionelles Fest im Frühling leben wollen, um in uns eine vage Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod in Erinnerung zu rufen, oder ob wir wirklich versuchen, in die geheimnisvolle Wirklichkeit von Leiden, Sterben und Auferstehen Christi einzutreten, wie es uns die gläubige Teilnahme an der hl. Liturgie ermöglicht.

In den letzten zwei Wochen der Fastenzeit werden traditionell die Kreuze verhüllt. Am Karfreitag wird dann besonders feierlich das eine Kreuz enthüllt, das von den Gläubigen verehrt wird. In südlicheren Ländern wird dabei nicht nur eine Kniebeuge gemacht, sondern dem Kreuz wird inniglicher durch einen Kuß gehuldigt. Die Kreuzverehrung  ist der Moment, wo liturgisch sichtbar wird, was Jesus im heutigen Evangelium sagt: „Wenn ich über der Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.“ Erhöhung heißt hier Kreuzigung, Kreuzigung, aus Liebe freiwillig angenommen. So wird Jesus zum sterbenden Weizenkorn, das reiche Frucht bringt. Er zieht als der Gekreuzigte alle an sich. Und genau darum geht es in unserem Leben als Christen, daß wir uns von Ihm anziehen lassen, daß wir zu Ihm kommen, uns von Ihm umarmen, uns von Ihm erlösen lassen, uns von Ihm einen neues Herz schenken lassen. So haben wir es auch im Bußpsalm des ehebrecherischen und mörderischen Königs David gehört: „Erschaffe mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ Und so wird es uns auch durch den Propheten Jeremia in der Ersten Lesung verheißen: „Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.

Der heutige Sonntag wird Passionssonntag genannt, Sonntag des Leidens, des Leidens Jesu. Im Evangelium wird berichtet, daß einige Griechen, also Heiden,  die Jünger Jesu ansprechen und ihnen sagen: „Wir wollen Jesus sehen.“ Ich glaube, daß Jesus sich sehr darüber gefreut hat, als die Jünger Ihm dies berichteten. Und Er sagt: „Die Stunde ist gekommen, daß der Menschensohn verherrlicht wird.“ Jesus weiß: die Stunde ist da, jetzt steht das Leiden bevor. Aber dieses Leiden ist nicht sinnlos. Daß die heidnischen Ausländer Jesus sehen wollen, ist schon wie ein Hinweis auf die Frucht, die sein Kreuz bringen wird, nämlich die Erlösung vieler Menschen aus allen Sprachen und Nationen, die Jesus an sich ziehen wird.  Auch wir selbst sind solche „Ausländer“, die zum Glauben gekommen sind, wir sind Frucht des sterbenden Weizenkorns, das Jesus selbst ist. Ist uns das bewußt?

Wie schwer war es aber für Jesus, das Leiden anzunehmen! Er soll verlassen, verhöhnt, bespuckt, gequält, gekreuzigt und mit der Schuld der ganzen Welt beladen werden. Es ist nicht nur furchtbares körperliches Leiden, sondern ein noch Schlimmeres der Seele. Wie könnte Er davor nicht zurückschrecken? Das heutige Evangelium, wo Jesus sagt: „Jetzt ist meine Seele erschüttert.“, erinnert schon an die Ölbergstunden des Gründonnerstags, wo Er darum ringt, daß bevorstehende Leiden mit seinem menschlichen Willen anzunehmen: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst, soll geschehen.“ Die Jünger schliefen jedoch ein und ließen Jesus in dieser Stunde allein. Wie oft haben auch wir Ihn schon allein gelassen in unserem Leben! Bei den Ölbergstunden am Gründonnerstag haben wir aber die Möglichkeit, Jesus durch unser Wachen und Beten, durch unsere Liebe und Dankbarkeit zu trösten. Können wir wirklich Jesus trösten? Ja, denn Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Er ist wahrer Gott. Deshalb hat seinen Leiden erlösende Kraft. Er ist wahrer Mensch. Deswegen fühlt er ganz menschliche Angst und auch menschlichen Trost. Er ist nicht Übermensch, sondern Gottmensch. Wahrer Gott und wahrer Mensch. So sagt auch der Hebräerbrief (Zweite Lesung): „Als Christus auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.“ Jesus ist nicht in dem Sinne aus der Angst befreit worden, daß Er nicht leiden mußte, sondern weil Er nach seinem grausamen Tod auferstanden ist.

Weiter sagt unsere Zweite Lesung: „Obwohl er der Sohn war, hat er durch Leiden den Gehorsam gelernt“. Wenn hier gesagt wird, daß Jesus den Gehorsam gelernt hat, heißt das natürlich nicht, daß Jesus vorher ungehorsam war. Der Sohn wollte seit Ewigkeit nichts anderes als das, was der Vater will. Er ist mit dem Vater und dem Hl. Geist ganz eins. Aber da Er nicht nur scheinbar, sondern wirklich Mensch geworden ist, muß Er nun als Mensch die Erfahrung machen, die Angst zu überwinden und nicht nur mit seinem göttlichen, sondern auch mit seinem menschlichen Willen das Leiden annehmen. Und dann fährt unser Text fort: „zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden“.

Wenn wir Jesus gehorchen, d.h. wenn wir Seinen Willen in unserem Leben annehmen, wenn wir uns von Ihm als dem Gekreuzigten wirklich anziehen lassen, wenn wir zu Ihm kommen, auch mit all unserer Schuld und all unserem Elend, wenn wir die Frucht des Kreuzes wirklich annehmen und Ihn zum Grund unseres Lebens machen, unser Leben auf Ihn bauen, Seine durchbohrte Hand dankbar ergreifen, dann wird Er für uns zum Urheber des ewigen Heiles, d.h. dann wird auch unser Tod durch Seinen Tod ein Durchgang zum Leben, zum ewigen Heil. Amen