Chronik der katholischen Gemeinde Großalsleben

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Sr. Josefa Teschner hat sich in den letzten Monaten die Mühe gemacht, die Chronik abzutippen. Einige Worte konnten nichr entziffert werden. Die Chronik unterliegt wie alles Schriftgut der kirchlichen Verwaltung einer Schutzfrist von 40 Jahren. Daher geben wir sie hier nur bis 1980 wieder.

CS

         

 

  [S. 1]                          Großalsleben, den 20.VI.1928

Gott zum  Gruße

                                   Deus protegat Te! (Gott schütze dich!)

Chronik, du nachgeborenes Kind edler Ahnen, mit froher Hoffnung trittst du heute deine Reise an. Herr Pfarrer Prenger in Kolthausen verlangt nach dir. Von ihm bereichert wandere weiter zum gütigen Herrn Vikar Stolte.

Er wird großmütig dir einverleiben seines Gedächtnisses Schätze und dich seinem erlauchten Nachfolger Herrn Pfarrvikar Joh. Zapfe übersenden. Dieser wird dich nähren treu und trächtig wie eine Mutter ihren Erstling. Dann kehre wieder heim du Liebling meiner Seele, damit auch ich an dir gutmache, was alle, ich und meine bescheidenen Vorgänger an dir gesündigt haben!

                                               Molitor, (Pfvk)

 

[S. 2]

 

Pro Deo, ecclesia et patria!!!   (Für Gott, Kirche und Vaterland!!!)

 

[S. 3]                                                   Großalsleben, den 8. Juli

                                                           anno Domini 1930

Hiermit nimmt die Chronik ihren Anfang. [Geschrieben von Pfarrvikar Emil Molitor]. Was hier folgt, ist nicht Chronik im eigentlichen Sinne sondern ist ein Sammelsurium von Reminiszenzen. Als einzige schriftliche Unterlage  hierfür steht der Zeitungsbericht zum  Goldenen Jubiläum der Gemeinde [Sächsisches Tageblatt vom 2. Juni 1923] zur Verfügung, der übrige Stoff wurde dem Gedächtnisse der noch lebenden Gemeindeveteranen entnommen. Möge dieses Buch eine Quelle sein, aus dem die Leser Trost und Mut trinken!

 

[S. 4]

Der Ort Großalsleben ist älter als so manche andere Stadt in unserer näheren und weiteren Umgebung. Markgraf Gero, ein Vasall Kaiser Ottos I. (936-972), gründete von Gernrode  im Harz aus Großalsleben und erbaute hier zwei Burgen. Noch in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mußte Großalsleben den Zehnten nach Gernrode entrichten. Wenn wir die Christianisierung der hiesigen Gegend für das 9. und 10. Jahrhundert ansetzen, so ist also auch schon in dieser Zeit Großalsleben eine katholische Stadt gewesen. Zur Zeit der Reformation ging unsere Stadt  dann zur Lehre Luthers über und die Kirche wurde protestantisch. An der Stelle, wo jetzt die evangelische Kirche steht, hat die frühere katholische gestanden. Vor ungefähr 45 Jahren [1885] wurde sie abgerissen und hat den jetzigen Neubau der evangelischen Kirche Platz gemacht. Eine der drei Glocken, welche jetzt im Turm der evangelischen Kirche hängen, stammt noch aus der

 

[S. 5] katholischen Zeit und trägt heute noch den Namen Marienglocke. Leider Gottes ist es so gut wie unmöglich, aus Großalslebens Vergangenheit geschichtliche Ereignisse zu berichten. Die Stadt wurde in früheren Jahrhunderten wiederholt von großen Bränden heimgesucht, bei denen alle historischen Dokumente verbrannt sind. Im 17. Jahrhundert ist die Stadt völlig ein Raub der Flammen geworden und nur ganz wenige Häuser sind damals stehen geblieben. An Quellenmaterial aus alter Zeit  ist in unserer Stadt so gut wie nichts mehr vorhanden. Uns interessiert an dieser Stelle, einen Rückblick auf die Neugründung der kathol. Gemeinde in Großalsleben zu versuchen.

            In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begannen  einzelne kathol. Familien sich hier anzusiedeln. Vom  Eichsfesld kamen die meisten, die anderen als Saisonarbeiter von  Polen.  Diese verdienten sich  im  Sommer ihr Brot, kehrten anfänglich zu Beginn des  Winters wieder in die Heimat zurück, wurden dann

 

[S. 6] mehr und mehr hier ansäßig. Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts lebten hier in Großalsleben 350-400 Katholiken, deren religiöse Versorgung von Oschersleben aus erfolgte. Pfarrer Anton Harbort und nach seinem Tode dessen Bruder August Harbort nahmen sich der hiesigen Katholiken, die am Sonntag den Gottesdienst in Oschersleben besuchten, tatkräftig an. In Großalsleben war es, wo sich z.B. der seelen-eifrige Anton Harbort  den Keim seiner todbringenden Krankheit holte. Er versah hier einen Cholerakranken mit den Hl. Sakramenten, die Tage darauf starb er selbst als ein Opfer dieser Pest. Ende der sechziger Jahre wurde dank der Bemühungen von Pf. August Harbort im sog. „Pohlschen Schloß“  am der Breiten Straße [jetzt Nr.   ] für die katholischen Kinder  eine Privatschule eingerichtet. Als erster Lehrer wirkten an ihr ein Herr Ignaz Rhode und zwar von Herbst 1868 bis zum Ausbruch des deutsch-franz. Krieges 1870. Von Juli bis Weihnachten 1870 war die Schule ohne Lehrer bis dann nach den Feiertagen ein Lehrer

 

[S.7] Gothe [jetzt noch als Pensionär in Neuwegersleben wohnhaft] den Schuldienst übernahm. Die Lehrerwohnung befand sich gleichfalls im „Pohlschen Schloß“. Der jährliche Mietspreis für die Gesamtwohnung betrug 162 Mark. Amtsrat Strauß , Pächter der hiesigen Domäne und Besitzer der Zuckerfabrik [1913 eingegangen!] lieferte die Schulkohlen und zahlte außerdem eine jährliche Beihilfe von 90 M. Das Lehrergehalt in Jahreshöhe von 600 M brachte die Kirchenkasse von Köthen auf. Es wurde in vierteljährlichen Raten von je 150 M postnumerando ausgezahlt. Die Durchschnittszahl der Schulkinder war 60. Herr Lehrer Gothe schreibt mit zitternder Hand [Brief vom 4/XI.1926]: „Viel Freude konnte ich in der Schule nicht erleben. Die Kinder wurden durch Feldarbeit und oft auch durch die Fabrik zuviel in Anspruch genommen. Um wenigstens etwas  leisten zu können, fing ich mit den größeren Kindern im Sommer den Unterricht um 6 Uhr an.“ Von den Lehrpersonen, die in späteren Jahrzehnten  in der Schule wirkten verdienen genannt zu werden:

Lehrer Droste, jetzt in

 

[S. 8] Osternienburg tätig, und Lehrer Meyer, der 1917 nach Westfalen versetzt wurde.

Die Schule war also seit 1868 vorhanden. Es fehlten aber noch Kirche und der Ortsseelsorger. Als der damalige Bischof von Paderborn, Conrad Martin im Sommer des Jahres 1872 in Oschersleben firmte, trugen ihm gelegent-lich seiner Durchfahrt  durch Großalsleben auf dem Wege nach Aders-leben einige führende Katholiken der Stadt die Bitte vor, in Großalsleben eine Kirche zu erbauen und einen Seelsorger zu schicken. Der Bischof, selbst ein Eichsfelder, versprach seinen Landsleuten, die Bitte zu erfüllen und schon im Dezember dieses Jahres  stellte er einen eigenen Geistlichen  für Großalsleben in der Person des Missionsvikars Friedrich [vorher in Badersleben  wirksam] zur Verfügung. Am 12. Dezember des Jahres 1872 erschien der Pfarrvikar in Begleitung von Pfarrer Harbort. Die Schulkinder waren ihm auf dem Wege nach Oschersleben entgegengegangen, um ihn frohen Herzens zu empfangen. Die ganze Gemeinde freute sich

 

[S. 9] ob des ersten gottgesandten Hirten in ihrer Mitte nach jahrelangem

sehnlichem Warten. Während der voraufgegangenen 20 Adventsjahre  der Gemeinde Großalsleben sind leider allzuviele religiöse Werte unter-gegangen.

„Pfarrer“ Friedrich wohnte anfangs im Hause des Schmiedes Heine [heute Grudenberg 47]. Als am 13. Mai des folgenden Jahres (1873) Lehrer Gothe nach Neuwegersleben versetzt wurde, bezog der Pfarrer die freigewordene Lehrerwohnung im „Pohlschen Schloß“. Gleichzeitig wurde  die Schule in das am Kulk gelegene Haus verlegt, in dem Kaufmann Lellan wohnte und heute einer gewissen Familie Schönefuß gehört (Grudenberg 50). Pfarrer Friedrich übernahm den gesamten Schulunterricht. 24 Jahre lang hat er neben seinen priesterl. Funktionen das Amt des Volksschul-lehrers versehen u. zwar unterrichtete er morgens von 7-12 u. nachmittags von 1-4 Uhr. Als Hauptfächer kamen für ihn Religion, Gesang und Rechnen inbetracht. Kein Wunder, wenn d. Kirchengesang heute noch

 

[S.10] vorbildlich ist.

Pfarrer Friedrich las ein halbes Jahr lang die Hl. Messe in seinem Wohnhause (Breitestr.). Dieser Raum reichte aber für den sonntäglichen Gottesdienstbesuch nicht aus. Daher benutzte man an Sonntagen den Herbstschen Tanzsaal „zum Weißen Schwan“. Nach Ablauf des halben Jahres wurde von Familie Tegtmeyer eine Fachwerkscheune mit angrenzendem Wohnhause gekauft. Diese Scheune, die sich dort befand, wo jetzt unser Kirchlein steht [nur 4 Stufen tiefer und etwa 4 m näher am Domänenstall liegend] wurde zum neuen Gottesdienstraume ausgebaut. Das zugehörige Wohnhaus wurde vom Hausschlächter Tegtmeyer bewohnt, der die Kirchenschlüssel in Verwahr hatte. Eines Morgens fehlten die Schlüssel und sind nicht wiedergefunden worden. Schlosser Brennecke mußte neue anfertigen. Schlüsselwart war seit dem ein gewisser Kobert, der auch als Nachfolger von Tegtmeyer die Kirchenwohnung beziehen durfte. Dieses Gebäude wurde nicht lange danach abgerissen und  durch das neue Pfarrhaus nebst

 

[S. 11] Schule [heute Vereinszimmer]und Lehrerwohnung ersetzt (1876). Die Ehre der neuen Scheunenkirche verlangte einen Kirchenvorstand. Erste Vorstandsmitglieder waren Wehling, Hentrich, Nikolaus Große und Jäger mit dem Beinamen: „Lehrer“, (da er sonntags die Kinder beaufsichtigte und die Kirchenlieder anstimmte in Ermangelung eines Harmoniums.) Anfänglich betete und sang man aus 40 verschiedenen Gesangbüchern und es bedurfte eines siebenjährigen Krieges, bis man sich auf das Einheitsbuch: das Heiligenstädter Gesangbuch einigte.

            Die Hl. Firmung wurde hierzulande zum ersten Male im Jahre 1879 in Helmstedt (Braunschweig) gespendet. Dorthin mußten auch die Groß-alsleber Firmlinge reisen. Zehn Jahre später firmte der Bischof in Oschers-leben und 1893 erstmalig in Großalsleben.

            Von dem Preußischen Kulturkampf unter Bismarck spürte die kathol. Gemeinde hier wenig. Die alte schöne Sitte, bei Beerdigungen auf dem Wege vom Sterbehause bis zum Friedhofe zu beten

 

[S 12] und zu singen, mußte laut höherer Ordre unterbleiben. Im übrigen durfte man seinen religiösen und kirchlichen Pflichten unbehindert nachgehen.

            1893 gründete Pf. Friedrich den Männerverein. Man versammelte sich in dem Zimmer über dem jetzigen Vereinszimmer. Während der Versammlungen wurde anfänglich kein Alkohol getrunken, es sei denn, daß der Präses aus besonderem Anlaß ein Fäßchen stiftete. Lautete doch bei Pf. Friedrich der Grundsatz: „Eine Messerspitze voll Mehl ist ebenso nahrhaft wie ein Glas Bier.“  Wenn mal gebechert wurde, dann waren der Christoph Hentrich und der Reinhold Häusler Mundschenk.

            Die neue Kirche mit Schule wurde im Jahre 1904 erbaut. Im Frühjahr wurde mit dem Bau begonnen und im Herbste wurde man damit fertig. Zum Glockenfond stiftete der Männerverein 1100 M. Die große Glocke wurde während des Krieges eingeschmolzen.

 

[S. 13] Im Jahre 1907 fühlte Pf. Friedrich eine derartige Nerven-erschöpfung, daß er es für gut hielt, sich gründlich zu erholen. Sein Herz sehnte sich nach klösterlicher Stille und Abgeschiedenheit von der geräuschvollen und undankbaren Welt. Eine Riesenarbeit im Weinberge des Herrn hier hatte er geleistet, als Löwe unter den Menschen als Kind vor Gott. Seine urchristliche Lebensauffassung und sein cholerisches Temperament brachten ihn immer mehr dahin: im Kreuze Jesu seine einzige Hoffnung zu sehen. Er verließ die Gemeinde Großalsleben und sah sie niemals wieder.

            Diesen Abschnitt möchten wir nicht beschließen, ohne vorher der rühmenswerten Freigebigkeit der Gemeinde gedankt zu haben. Die einzelne Familie opferte jahrzehntelang drei M alle vierzehn Tage in die Kirchenkasse.                  [S. 14-18 sind leer]

 

[S. 19]             Herne-Holth. den 12. September 1925

Im Oktober 1907 kam ich als Pfarrvikar nach Großalsleben. Großalsleben war mir damals nicht mehr fremd. Als Kaplan von St. Andreas in Halberstadt hatte ich schon Großalsleben und seinen ehrwürdigen Pfarrvikar Karl Friedrich kennen gelernt. Heute noch erinnere ich mich des Briefes, in dem er die Halberstädter Dekanatskonferenz zur Einweihungs-feier seines neuen Kirchleins einlud: „Mein jahrzehnterlanger Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Wir haben ein Gotteshaus, und zwar ein Kirchlein nach meinem Sinn. Sonntag ist die Einweihung. Kommet alle und nehmt an meiner Freude teil!“

In Großalsleben herrschte ein frisches, katholisches Leben wie kaum anderswo in der ganzen sächsischen Diaspora außer in Oscherleben, das Bischof Simar auf einer Firmungsreise einmal eine katholische Oase in der protest. Provinz Sachsen genannt

 

[S. 20]  hat. Wohl selten ist es einem Priester gelungen, seinen Geist so tief seiner Gemeinde einzuprägen als dem stets seeleneifrigen Vikar Friedrich. Sofort nach seinem Einzuge in Großalsleben mietete er einen Kornboden, schlug am ersten Abende mit eigener Hand das Getreide in Säcke, um baldigst das hl. Meßopfer für seine Pfarrkinder feiern zu können. Mit besonderer Liebe pflegte er den lateinischen Kirchengesang. Sein Gottes-dienst in der Kirche war mustergültig.

            Nie hat er ein gemischtes Paar getraut; heute würden seine Konfratres ihn in diesem Punkte besser verstehen als damals.

Die Schränke in der Sakristei, die Bänke in der Kirche und Schule, die er größtenteils selbst an der eigenen Hobelbank angefertigt hatte, alles dieses erinnerte mich jeden Morgen an den guten „Fritz“, wie die Konfratres  ihn nannten.

In der ganzen Stadt bei Katholiken und Protestanten (war) gleich beliebt und geehrt, so steht er heute noch vor meinem Geiste

 

[S. 21]  Meine Aufgabe war es, während 1 ½ Jahren seine Arbeit fortzu-setzen. Es wurde ein neuer Hochaltar angeschafft, weiter ein Taufstein, ein Ankleidealtar für die Sakristei, zwei Glocken, von denen eine der Männer-verein stiftete. Im Frühjahr 1909 war eine Volksmission, die Pater Mann aus dem Bochumer Redemptoristenkloster hielt. Die Beteiligung war eine gute. Auch den polnischen Katholiken  gab P. Mann Gelegenheit zur hl. Beichte.

In dankbarer Liebe gedenke ich heute noch der guten kathol. Gemeinde Großalsleben, wo ich so eifrige treue Mitarbeiter fand. Ich gedenke auch noch der vielen Wohltäter aus Rheinland und Westfalen, die es uns ermöglichten, das neue Kirchlein auszuschmücken.

 Mögen die guten ++ Vikare Friedrich und Röttger vom Himmel aus weiterhin für die Katholiken von Großalsleben und seine Seelsorger, auch die früheren beten.

                                               Prenger, Pfr

 

[S. 23]                                                                        Dortmund, Januar 1929

17 Jahre soll der Geist rückwärts schauen. Aufrollen drei Jahre der Geschichte Großalslebens. Unverwischt steht der Anfang neuen Lebens auf in der Priesterseele. Das Zeitbild mag durch die Zeitenkluft an Genauigkeit ein wenig leiden.

            Am 26. April 1912 erhielt ich als Seminarpriester die Aufforderung in Großalsleben den erkrankten Geistlichen zu vertreten. Meine Anstellung nach Hecklingen erfolgte am 1. Mai dess. Jahres, der Antritt wurde durch die Vertretung verzögert, später zurückgenommen.

Ich traf in G. den hochw. Herrn Pfarrer Peter Röttger noch an. Er predigte am Sonntag noch, reiste am Montag nach Neuenahr.

 

[S. 24] Er schrieb von dort öfter. Seine Gesundheit von der Zuckerkrankheit erlangte er leider nicht wieder. In Hecklingen wollte Pfarrvikar J. Willeke noch einstweilen bleiben, so wurde ich am 28. Juli in Gr. angestellt. Peter Röttger starb im August 1912 in Bruchhausen b. Arnsberg. Wir hielten in Gr. eine würdige Trauerfeier ab. An der Beerdigung nahm der Männer Verein der Gemeinde mit Fahne teil und der Unterzeichnete.

                                                           R.i.p.

Der bisherige Dechant

  1. Haefling von Lanzenauer wurde zum Weihbischof ernannt. Das Dekanat nahm freudigen Anteil an der Ehrung.

Nachfolger wurde

                        Ivo Dane, Pfr. in Pyrmont     

 

[S. 25]             1913

Im Vereinsleben brachte das Jahr eine Neugründung des Jünglings Vereins. 15 Mitglieder gehörten ihm an. Turngeräte wurden in der Vorhalle der Schule für den Verein aufgestellt. Eine Tagesfahrt zum Brocken blieb im Erinnern.

Familienabende für die Gemeinde erstrebten den Zusammenschluß und Gemeinschaftssinn.  Im kirchlichen Leben hielten ca. 10 nicht ihr Osterfest,  ca. 7 Erstkommunikanten  feierten ihren schönsten Tag.

Die Feier des Gottesdienstes wurde belebt durch Pflege des Gesanges. Die Kinder lernten das Requiem (Vatil.?) Asperges , Vidi aquam, Tantum ergo etc. Die Gemeinde, die unter Pfr. Friedrich Choral gekonnt, war sehr aufnahmefähig. Lichtmeß, Kartage, Bittprozessionen prägten sich ins Denken – und Gemeinde(-)

 

[S. 26] leben tiefer ein.

Aus  dem Beichtstuhl, der die ganze Breitseite der Kirche einnahm,

wurde ein Paramentschrank gefertigt. Mancherlei Paramente schenkten die Schwestern von Salzkotten, denen herzlicher Dank gebührt, auch meine Tante aus der Genossenschaft der hl. Elisabeth von Essen hat für Gr. liebend gesorgt.

Ein neues Orgelbuch schenkte Junfermann, Paderborn.

 

                                   1914

In dem Jahre hielt der Oblatenpater        Strecker Exerzitien in Gr. ab.

Die Predigten waren gut besucht, die Beteiligung ausnahmslos. Besondere Feiern – Sacramentsfeier- hinterließen tiefen Eindruck.

Ein neuer Mutter Gottes Altar von Mündelein  –  Paderborn für 750 Mk machte das Kirchlein noch lieber und trauter.

Mit den Nachbargeistlichen brachte seelsorglicher Verkehr manche Hilfe. Herr Pfarrer Iseke – Hadmersleben wechselte mal mit den Fastenpredigten durch uns beide ab. Herr Pfarrer Kemper verhalf zu einem Austausch der Beichtgelegenheiten in der Osterzeit. In Gröningen vereinigten wir die Jungen zu einem insgesamten Jugendtag, wobei Joh. Nesfe über den Hl. Liborius predigte.

            Da brach der Krieg aus.

Ich nahm Sonntags Abschied, weil ich in Magdeburg als Feldlazarettpfarrer eintreten mußte. Die Krieger empfingen die Hl. Sakramente. Es waren Tage großer Aufregung. Der Behörde machte ich Mitteilung.

 

[S. 28] Der Seminarpriester Herr Schwethelm wurde nach Gr. geschickt.

Ich machte den Vormarsch mit bis Soissons am 12. September. Dann lähmte der Stellungskrieg die Gemüter. Dezember kehrte ich zurück, weil die Stellen aufgehoben wurden. Ich hatte inzwischen wegen eines Nervenschocks in Lille im Kriegslazarett gelegen.

Mein Stellenvertreter – jetzt Kaplan an der Dreifaltigkeitskirche in Dortmund – zog sich aufs Eichsfeld zurück.

Für alle seine Mühen in den Kriegsmonaten gebührt ihm in den Annalen Gr. herzlicher Dank! Es war in den Monaten hochgehender Erregung, überraschender Erfolge lähmenden Stellungskrieges eine beträchtliche Bürde.

 

[S. 29]                                     1915

Das neue Kriegsjahr wurde eingeleitet durch eine von den hochw. H. Bischöfen angeordnete Herz Jesu Feier. An drei Abenden fanden Predigten mit Andachten statt, die alle zur Verinnerlichung in den Bußzeiten führen sollten. Im Jahre vorher war in Oschersleben die Hl. Firmung gespendet durch S. Bischh. Gnaden Dr. Carl Joseph Schulte. Unsere Firmlinge ca. 20 empfingen dort das Hl. Sakrament.

Aus meinen Kriegsgeldern beschaffte ich im Frühjahr 1915 eine Kanzel. Sie war sehr notwendig. Ein Magdeburger Bildhauer lieferte dieselbe im April.

Am weißen Sonntage mußte ich der Gemeinde meinen Abschied mitteilen. Am 20. April sollte ich die 3. Kaplaneistelle

 

[S. 30] an der Liebfrauenkirche in Dortmund übernehmen. 1918 rückte ich in die 2., 1921 in die erste auf.

Am Altare habe ich seit meinem Abschied oft an die lieben Toten gedacht, die ich in Gr. beerdigt. Herrn Pfr. Friedrich besuchte ich oft in Magdeburg, lernte ihn schätzen und lieben. Mein unvergeßlicher Vorgänger möge mit ihm am Throne Gottes für uns beten. Allen lieben Toten:

                                   Requiescant in pace!

Mit Dank und Freude lebt in mir das Erinnern an 1912-15. Möge Gott Gr. Katholiken segnen mit Glaubensfreude- und liebe. Möge er mir verzeihen alle Fehler im Amte.

            Das ist meine Bitte:

            „Lebet, ihr lieben kathol. Groß.

            so, dass wir uns am Throne

            Gottes wiederfinden.“

                                   Carl Stolte, Kpl.

 

[S. 31]                                                 Elpe Kr. Brilon, den 24.2.1929

Es war am 21. April des Jahres 1915. Pf. Johannes Zapfe, neugebackener Seminarpriester, dessen Hände kaum trocken waren vom Salböl  des Bischofs, erhielt an diesem Tage telegraphische Nachricht von meinem Vorgänger, Herrn Vicar Stolte Großalsleben, daß er an gleichem Tage Großalsleben verließe und ich meine neue Stelle sofort anzutreten habe.

Ich war gerade bei der Mittagstafel, als mich die telegr. Nachricht in Münster i.W. meinem damaligen Wohnort erreichte. Man kann nicht sagen, daß mir das Essen besser geschmeckt hätte, als ich die Nachricht erhielt. Großalsleben…. Großalsleben…. Am „leben“ merkte ich, daß es die Diaspora war, welche mich rief. Aber wo in der Diaspora? Nach dem Essen ging ich zu meinem Geistlichen der Münsterschen Kreuzpfarre, welcher Sekretär auf

 

[S. 31a] dem Generalvikariat in Münster war. Er versprach mir, im Real-schematismus der Diözese Paderborn nachzuschlagen nach „Großalsleben“. Am Abend erhielt ich Auskunft über meine zukünftige „Diözese“. Seelenzahl – nicht Großstadtmäßig, das war schon ein Vorteil. Dekanat Dessau – darüber konnte ich weiter keine Betrachtung anstellen. Auf der Karte von Europa stand der Ort nicht verzeichnet, das war auch nicht weiter zu verwundern. Abends hörte ich im Kreise lieber Bundesbrüder, daß dahinten die Zuckergegend sei und wenig Wald. So legte ich mich an diesem Abend schlafen und träumte – nicht von Groß-alsleben. Es wurde beschlossen, am Samstag zum Osten zu fahren. Alles Notwendige wurde präpariert. Halt, da mußt du Sonntag ja auch zum Volke reden, so

 

[S. 31b] ging es mir durch den Kopf und erwog dann schon die schwierigsten Themen und wälzte sie in den folgenden Tagen in meinem Innern. Tags darauf, setzte ich mich auf den Zug, fuhr nach Dortmund, besuchte meinen Vorgänger, der mir von Paderborn und Warburg aus  noch bekannt war, und holte bei ihm alle begehrenswerte Kunde ein über die zukünftige Stätte meines Arbeitens und Schaffens. Die Auskunft war nicht schlecht. Hoffnungen wurden mir gemacht und Enttäuschungen mir prophezeit. Ein hübsches Bündel guter Ratschläge nahm ich mit von Dortmund, und dann ging es Samstag, den 24. April zum Osten auf den Kampfplatz der Seelen. Die Fahrt führte mich über Hamm, Bielefeld, Hannover, Braunschweig, Magdeburg. In Magdeburg versäumte ich den Anschluß und kam noch am Abend gegen 6 Uhr in Oschersleben

 

[S. 32] auf der Bahnstation von Großalsleben an. Als ich das Bahnhofsgebäude in Oschersleben betrachtete, kam mir so der Gedanke: Nun so ganz in Hinterpommern kann der Ort nicht liegen, alles schmuck und fein. Am Bahnhof betrachtete man den „Schwarzen“ ein wenig, und ich trottete dann den Bahnhofsvorplatz herunter in dem Gedanken: Auf nach Großalsleben! Eine Frage an den nächsten Passanten, wohin der Weg  nach Gr. führe, gab bald die notwenige Auskunft. „Links herum, gerade aus, dann geht’s unfehlbar sicher nach Großalsleben.“ Wie es das Geschick  nun wollte, wurde ich doch nun falsch dirigiert und fand mich auf der Magdeburger Straße wieder. Oschersleber Katholiken, welche einen neuen „katholischen Pastor“ in der Magdeburger Straße sahen, ahnten sofort nichts Gutes. Man fragte mich, wohin ich

 

[S. 33] wollte, und dann ging es rückwärts marsch wieder bis zur Halberstädter Straße und ich fragte mich dann durch bis zur katholischen Kirche Oscherslebens. Herr Pfarrer Kemper, ein früherer Freund meines Vaters, saß gerade im Beichtstuhl. Gab mir Abendbrot und Mut, und dann ging es weiter, via recta (= gerade Strecke) Großalsleben. Eines fiel mir in Oschersleben auf, dieser eigenartige Geruch. Ich roch und roch (ich kam aus dem zivilisierten Westen) und es wurde mir gesagt: „Das ist der Geruch aus der Bruchniederung gen Jerxheim.“ Später wußte ich es, es war der ominöse  durchdringende Geruch der in Mieten aufgespeicherten Rüben-blätter, welche in Fäulnis übergehen. Tapfer trabte ich vorwärts.  Die erste Biegung war bald erreicht. Vorher war das „Landhaus“ an der Bode passiert.

 

[S. 34] Mein Schönheitsgefühl und die Tradition, welche sich bei mir über Landhäuser gebildet hatte, war verletzt. Überhaupt hatte ich auch den letzten Häusern auf der Halberstädter Straße keinen besonderen Reiz mehr abgewinnen können. Die erste Biegung war, wie gesagt erreicht, die 2. genommen und die 3. überwunden. Im Sturmschritt marschierte ich. Großalsleben lag vor mir, ein hoher schlanker Kirchturm grüßte mich, und ich warf mich stolz in die Brust, daß eine solche, stolze, hoch in die Lüfte ragende Kirche die Stätte meiner Arbeit sein sollte. Und es grüßte auch ein Wald zu meiner Linken; das war mir eine Genugtuung, da ich die ..?.. so liebe. Endlich lag Großalsleben vor mir. Die ersten Häuser zur Rechten passierte ich.  Mein Staunen wuchs. Ich sehe die elend aussehenden Baracken vor mir.  Mein Gesicht wurde

 

[S. 35] länger, Leute schauten in Mengen aus den Fenstern. Alles mir nach. Ich passiere den Dorfteich, vorher den Gutshof. Alles ist mir so fremd, ich kam aus Münster und Paderborn. Da schaut auch das kleine Türmchen zur Linken hinter den Häusern hervor. Vorher hatte ich es gar nicht beachtet. Die hohen Bäume des kleinen Wäldchens an der letzten Drehung des Weges kurz vor Großalsleben hatten es völlig verdeckt. Und dann stand es sofort bei mir fest: das kleine Türmchen gehört dir, da wohnt der eucharistische König der Welt und die große stolze Kirche gehört den irrenden Brüdern. Ich war bei Lochten Haus. Mein Blick geht links seitwärts, richtig, da steht das Kirchlein. Es grüßt freundlich. Die sauberen roten Backsteine geben dem Kirchlein ein frohes freundliches Aussehen. Unbedenklich gehe ich auf das große Tor zu, das mich im ersten  Augenblick etwas stieß.

 

[S. 36] Ich war auf dem Kirchplatz und im nächsten Augenblick im Gotteshaus. Nachdem ich zunächst  dem Herrgott im Sakrament meine Ehrerbietung bezeugt, betrachtete ich das Kirchlein. Das sollte also die Stätte sein, wo ich in den nächsten Jahren wirken sollte. Sofort fiel mir die prächtige Architektonik des Kirchleins auf. Es grüßte von der linken Wand-fläche so farbenfroh die Madonna von Raffael. Die Kanzel fehlte. Die Kirche befand sich noch in schmutzig grauem Kalkanstrich. Bald begrüßte mich als erste Großalsleberin Frl. Margarethe Schade. Sie zeigte mir Vikarie Schule, Garten und gab mir Auskunft über den Gottesdienst des folgenden Tages, der ja ein Donnerstag war. Die erste Woche logierte ich im Ratskeller Besitzer August Wennige. Frau W. wußte vor lauter Freundlichkeit gar nicht, was sie dem katholischen „Paster“ alles tun sollte. Leiblich und geistlich wurde ich erquickt und legte mich dann Schlafen. Am folgenden Morgen war ich etwas

 

[S. 37] nach 6 Uhr in der Kirche.  7 Uhr sollte die Frühmesse sein. In der Kirche kniete eine Frau. Sie kam auf mich zu und begrüßte mich als den neuen Pfarrer. Es war Frau Witwe Wils – Mutter Wilzen – wie die Leute wohl sagten. Gott habe sie selig, diese gute brave Frau, eine der treuesten Mitglieder der Gemeinde! Am Charfreitag des Jahres ….. haben wir sie begraben. Frau Wils war eine Heilige, noch heute gedenke ich ihrer.

Ob Sommer oder Winter, ob früh oder spät – Frau Wils war jeden Morgen in der hl. Messe. Fehlte sie, so wußte man, daß sie krank war. Sie litt an Asthma; wie oft stand sie vor der Kirche und schnappte infolge der Anstrengung des Weges nach Luft! Dann ging sie hinein ins Gotteshaus und betete oft unter Tränen. Ihre Kinder machten ihr viele Sorge. Sie sind nicht den Fußstapfen der Mutter gefolgt. Das war ihr Herzeleid. Mutter Wils hat viel in den großen Anliegen der Kirche gebetet. Das Gebet für den Hl. Vater und die Priester war ihr Herzensangelegenheit.

 

[S. 38] Was sie für die lebenden und verstorbenen Priester von Groß-alsleben gebetet hat, weiß der Herrgott allein. Er wird ihr den Frieden gegeben haben. Vor dem Amt begrüßte Herr Heinrich Scheidl den neu angekommenen Seelsorger. Er meldete sofort eine Versammlung des Männervereins für den Abend an. Herr Heinrich Scheidl gehörte zu den Stützen der Gemeinde. Stets hilfsbereit, unverdrossen, pünktlich auf seinem Posten – er war Läuteküster, das darf man wohl von diesem Manne sagen. Von Pfarrer Friedrichs Zeiten her hat er die ganze Entwicklung der kath. Gemeinde Großalsleben mitgemacht. Meinen Vorgängern und auch mir ist er während der ganzen Zeit ein treuer Helfer gewesen. Nach dem Hochamt verließ ich an diesem Tage die Gemeinde wieder und fuhr nach Münster zurück, um meinen Umzug vorzubereiten. Die Vertretung übernahm für die nächsten Tage in dankwer-

 

[S. 39] tester Weise der Pfarrer von Hadmersleben, Herr Pfarrer Iseke. Mit ihm hat mich stets echte Freundschaft verbunden. Im Jahre 1917 wurde er von Hadmersleben nach Halberstadt St. Catharinen versetzt. In der Christi Himmelfahrtswoche siedelte ich endgültig nach Großalsleben über. Gleich am ersten Tag starb mußte ich eine Beerdigung vornehmen und zwar wurde Frau Witwe Angela Hühne begraben. In Scharen waren die anders-gläubigen Frauen und Mädchen zum Kirchhof gelaufen, um den neuen kath. Pfarrer zu sehen und predigen zu hören. Die Predigt schenkte ich

mir – um so größer war ihre Enttäuschung. In der Woche vor Pfingsten wurde die neue Kanzel, ein Geschenk des Vorgängers, Herrn Vikars Stolte, aufgestellt. Tischlermeister      aus Magdeburg Sudenburg hatte sie geliefert.

Der Krieg war in der Heimat auch sehr zu spüren. Waren in den ersten Monaten des Jahres 1915 keine größeren Kriegshand-

 

[S. 40] lungen zu verzeichnen, so wurde es im Mai anders. Hindenburg unternahm die große Durchbruchsoffensive im Osten. Die Russenfront wurde aufgerollt und in großem Maße setzte der Rückmarsch der russischen Armeen ein. Sieg auf Sieg wurde erfochten, und jedes mal kündeten es unsere Glocken und die Glocken der protest. Kirche. Meistens fingen unsere Glocken zuerst an zu läuten zum großen Ärger der Protestanten. Der protestantische Pastor Hinze war 1915 eingezogen als Militärgeistlicher. Die Seelsorge nahm der Pastor von Alikendorf wahr. Mit dem Stadtoberhaupt, Herrn Bürgermeister Wilhelm Ernst unterhielt ich während der ganzen Zeit meiner Tätigkeit in Großalsleben recht gute Beziehungen. Der „alte Ernst“ war ein gerader, aufrechter Mann, Veteran von 1870. Und Katholiken gegenüber bemühte er sich gerecht zu sein. Das Zusammenarbeiten mit ihm ist mir nicht schwer geworden. Stets suchte er die Wünsche unserer Gemeinde zu erfüllen. Das Verhältnis zu den Protestanten war ebenfalls ziemlich gut. Zu ernsteren Konflikten ist es niemals

 

[S. 41] gekommen. Die Protestanten achteten unsere Überzeugung und wunderten sich immer wieder über die religiöse Pflichterfüllung der Katholiken, namentlich den Besuch der Kirche durch so viele Männer. Der Besuch des Gottesdienstes von seiten der Protestanten war sehr schlecht. 3-6, höchstens 10 Personen waren Sonntags im Gottesdienst. In den Jahren von 1915-1918 waren auch kriegsgefangene Russen und Franzosen in Großalsleben. Es wurde die Orgelbühne für die Gefangenen reserviert. Die Beteiligung am Kirchenbesuch war sehr gering, namentlich von seiten der Franzosen. Das religiöse Leben war im ersten Kriegsjahr in der Gemeinde recht gut. Der Eifer der Frauen namentlich war lobenswert. Die Herz Jesu Freitage wurden eifrig gepflegt, der Sakramentenempfang war zufriedenstellend. Die Jünglinge wurden alle 4 Wochen gesammelt, die Jungfrauen übten fleißig in der Gesangabteilung, welche neu eingerichtet wurde. Die älteren Jungfrauen bildeten das Rückgrat im Verein, sie waren eine Stütze des Vikars. Als Präfektin wurde Anna Kramer gewählt, welche ihren Posten

 

[S. 42] mehrere Jahre innehatte.

Das Jahr 1916 brachte keine wesentlichen Ereignisse. Die Entscheidung auf den Kriegsschauplätzen wollte immer noch nicht heranreifen. Der Stellungskrieg wirkte lähmend und zermürbend auf Heer und Heimat. Es zeigte sich dann auch der Mangel an Lebensmitteln, das Kartensystem wurde eingeführt. In Großalsleben wurde aber das ganze System nicht so rigoros gehandhabt. Im September starb Herr Pfarrer Carl Friedrich in Magdeburg im Marienstift. Ich habe ihn in den Vormonaten öfter besucht. In rührender Sorge wurde er von seinen beiden recht religiösen  Schwestern Marie und Julia gepflegt. Er litt an einem Herzleiden, dabei waren seine Nerven ziemlich aufgebraucht. Für die Kirche in Großalsleben hat er viel, viel getan. Was er für die Gründung der Stelle geleistet hat, ist an anderer Stelle schon gesagt. Was hier zu erwähnen wäre, ist seine große Gebefreudigkeit zum Besten der Kirche. Die Kirchengemeinde hatte an ihn noch eine Schuldsumme von 9000 M zu ver-

 

[S. 49] zinsen. Auf die Zinszahlung verzichtete er jedesmal, und zu Beginn des Jahres 1916 verzichtete er ausdrücklich auch auf die Zurückzahlung des Kapitals zu Gunsten der Kirche. Für Messen übergab er der Kirche in ..?.. den Betrag von 3000 M. Dafür wurden 18 Messen gelesen, 12 Ämter jedesmal zum Herz Jesufreitag und 6 stille hl. Messen. Leider ist ja auch dieses Kapital durch die Inflation  verloren gegangen. Bei der Beerdigung am 14. Sept. des Jahres 1916 war die Gemeinde ziemlich vertreten. Der Männerverein durch Deputation mit Fahne, mehrere Frauen und Jungfrauen. Herr Propst Knoche Magdeburg hielt die Leichenrede in gewohnter feiner Diktion. 20-30 Geistliche folgten in Rochett der Leiche. In Großalsleben hielt der Vikar am folgenden Sonntag die Gedächtnisrede im Hochamt. Das Leben des Verstorbenen sei ein „ora et labora“ gewesen. Ein Sterbeseelenamt mit Absolutio ad tumbam war schon vorher gehalten. Herr Pfarrer Friedrich hat nach erfolgter Emeritierung im Jahre 1907 Großalsleben nicht wieder gesehen.

 

[S. 44] Er war in Verbitterung von der Gemeinde geschieden. Pfarrer Friedrich war ein glühender Verehrer des Herzens Jesu gewesen. Schon in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts hat er die Herz Jesu Verehrung in rührender Weise gepflegt im alten Kirchlein in Großalsleben. Die Herz Jesu Andacht war ihm die liebste Andacht. Mit Absicht hat er die neue Kirche dem Herzen Jesu geweiht. Wie die alten Leute erzählten, pflegte er jeden Abend mit seinen beiden Schwestern „Mariechen und Julchen“ eine Stunde Anbetung in der Kirche zu halten bei geöffneten Tabernakeltüren. Die beiden Schwestern waren „Maria und Martha-seelen“. Unermüdlich waren sie tätig und beschäftigt zur Ehre Gottes. Was namentlich Fräulein Julchen an Handarbeit für die Kirche in Großalsleben und für viele andere Kirchen geleistet und gehäkelt hat, weiß der liebe Gott allein. Die meisten Altargedecke in Großalsleben hat Fräulein Julchen gearbeitet. Bis in die letzten Lebenstage war sie bemüht das Psalmwort: „Herr, ich liebe die Zierde deines Hauses“

 

[S. 45] in die Tat umzusetzen. Dabei war sie von einer vorbildlichen Bescheidenheit und Frömmigkeit. Das Leben der 3 Geschwister in Magde-burg war ein Bethanialeben. Gebet und Arbeit war aufs innigste mit einander verbunden. Fräulein Julchen starb als erste  im Jahr 1916, dann folgte Herr Pfarrer Friedrich, und im Mai 1918 starb Fräulein Marie. Eine Reihe Mitglieder der Gemeinde gab jedesmal den lieben Toten das letzte Geleite. Sie mögen ruhen in Gottes heiligem Frieden. Der Winter 1916/17 war streng und lang. Im Februar wurden Kältetemperaturen von – 20-25° gemessen. Die alten Leute konnten sich kaum erinnern, einen solch strengen Frost  mitgemacht zu haben. Der Frost dauerte von Anfang Januar bis in den April hinein. Ende April war noch nichts Grünes in den Gärten. Mit dem 1. Mai zog der Frühling ins Land und innerhalb 14 Tagen standen die Bäume in voller Blüte. Im Februar rüstete sich Amerika  zum Eintritt in den Krieg. Die Torpedierung eines amerikanischen Dampfers gab den äußeren Anlaß. Innerlich war uns Amerika seit Beginn des Krieges schon feindlich gesinnt, zumal sein Präsident Wilson. Am 1. Montag im Februar, an

 

[S. 46] einem bitterkalten Tag mit strahlendem Sonnenschein hörte ich in Crottorf auf dem Bahnhof die Nachricht, daß America den Krieg erklären würde. Der Stationsvorsteher in Crottorf berichtete mir die Botschaft, worauf ich antwortete: „Jetzt sind wir verloren.“  Auf dem Wege nach Crottorf kamen mir Wagen der Domäne in Großalsleben entgegen. Es hörte sich an, als ob die Wagen über Glasscherben fuhren, so knirschte der Schnee. So etwas hatte ich noch nicht gehört. [Ende April erhielt Herr Pfarrer Iseke Hadmersleben seine Versetzung nach Halberstadt. Mit ihm sowie mit Herrn Pfarrer Kemper Oschersleben verband mich stets treue Freundschaft. Herr Pfarrer Iseke hat in der Gemeinde Großalsleben manchmal ausgeholfen und im Jünglings- und Männerverein mehrfach Vorträge gehalten.]

Im Sommer 1917 wurde Herr Pfarrer Kemper von Oschersleben nach  Kirchlinde versetzt. Nachfolger in Hadmersleben  wurde Herr Pfarrer Dreher aus Völpke. Nach Oschersleben kam Herr Pfarrer Steffen, bisher Kaplan am Butzdorf in Paderborn. Beide Herren wurden wieder liebe Nachbarn. Das confraternelle Leben der Umgegend war mustergültig. Die Conveniate waren jedesmal Freudenstunden für uns. Man wechselte an jedem Dienstag bei den einzelnen Mitgliedern.

 

[S. 47] Gern denke ich an die treue Freundschaft zurück, welche uns Diasporageistliche miteinander verband. Cor unum et anima mea! Möge es so bleiben. Im Herbst dieses Jahres verließ uns Herr Pfarrer August Meyer. Zehn Jahre hat er in der Gemeinde gearbeitet. Er übernahm eine Stelle in Schmedehausen Kr. Münster. Gelegentlich einer Hindenburgfeier sprach ihm der Vikar den Dank der Gemeinde aus. Nachfolgerin im Lehramt wurde Fräulein Martha Berlingkoff, bisher am Lyceum in Ahlen i.W. tätig. Mit frischer Tatkraft übernahm Fräulein Berlingkoff die Schule, und die großen Jungen hatten schon sehr großen Respekt vor der Lehrerin. Als Präfektin in der Congregation nahm sich Fräulein Berlingkoff der Jungfrauen mit Liebe und Opfermut an. Es herrschte blühendes Leben in der Congregation. Manch schönes und auch schwieriges Theaterstück (der neue Gott, das heilige Feuer, die sternklare Nacht etc.) wurden mit großem Geschick und auch Erfolg im Ratskeller aufgeführt. Stets war eine große Zahl von Protestanten zugegen. In der protestantischen Gemeinde wurde nichts dergleichen geboten. Auch mehrfache Darbietung von Reigen wurde dank-bar angenommen. – Die Ernährungsver-

 

[S. 48] hältnisse waren im Sommer 1917 sehr schwierig. Es war alles knapp und teuer. In diesem Sommer ist viel gehungert worden. Die Zuweisungen auf Karten waren schmal und manchmal selten. Die Stimmung der Soldaten, welche auf Urlaub kamen, war vielfach kritisch. Man schimpfte viel über die lange Dauer des Krieges und die schlechte Verpflegung. „Gleiche Löhnung, gleiches Essen und der Krieg wär längst vergessen“, dies Wort konnte ich mehr als einmal von den Urlaubern hören. Die Soldaten  besuchten ihren Pfarrer fast ausnahmslos. Sie kamen sofort nach Ankunft in der Heimat, und dann, wenn sie wieder fortmußten. Der Mütterverein ließ es sich nicht nehmen, in jedem Jahr 1 oder 2x allen Kriegern der kathol. Gemeinde ein kleines Päckchen ins Feld zu schicken. Das Geld wurde aus der Kasse des Müttervereins genommen. Jedesmal kamen dann die Dankesbriefe. Interessante Briefe von den Kriegern pflegte ich immer auf der monatlichen Männervereinsversammlung zu verlesen. Die Versammlungen waren immer nach alter Sitte am 1. Sonntag im Monat. Heinrich Scheidl sorgte immer mit großer Liebe für das Fäßchen Bier, das mit großer Inbrunst geleert wurde. Gegen 11, ½ 12 Uhr wurde

 

[S. 49] Schluß gemacht. Es wechselten Lieder und der Vortrag, bald aus diesem, bald aus jenem Gebiet. Soldaten, die auf Urlaub waren, kamen jedes Mal mit und wurden frei gehalten. Der Zusammenhalt unter den Männern war gut, der Männerverein war eine Stütze für das religiöse

Leben in der Gemeinde.

Das Jahr 1918 sollte die Entscheidung auf den Kriegsschauplätzen bringen. Die Ungeduld wurde immer größer, der Wunsch nach Beendigung des Krieges immer stärker. Am 21. März begann Ludendorf seine Durchbruchs-offensive im Westen. Alles atmete auf. Eine Entscheidung brachte sie nicht. Die Junioffensive scheiterte. Nun begannen Wochen bangen Wartens und trüber Ahnungen. Was kommen mußte, kam mit tödlicher Sicherheit. Bulgarien war erschöpft und stellte den Kampf ein, Österreich folgte. Deutschland war gezwungen, um Frieden nachzusuchen. Dann brach die Revolution aus. In Magdeburg stürmte man das Gefängnis, das war das Signal für die Umgebung von Magdeburg, die bestehende Obrigkeiten und Behörden zu stürzen. In Oschersleben zog ein Mann mit hinkendem Fuß mit Namen Pultfuß mit 3 Mann zum Herrn Landrat und forderte ihn auf, abzudanken. Der Landrat folgte, ebenso

 

[S. 50] der Bürgermeister. Arbeiter- und Soldatenräte wurden überall eingeführt. Umzüge der Sozialisten waren an der Tagesordnung. In Großalsleben berief der Bürgermeister auf Rat des Arztes und beider Geistlicher eine Versammlung bei Wennige im Ratskeller ein. Man wollte gerüstet sein und einen „Rat“ wählen, bevor der „Rummel“ losginge. Eine Bürgerwehr wurde gegründet, welche vor Raub und Plünderung und räuberischem Überfall von auswärts schützen sollte. Nachts patrouillierten Wachen durch die Straßen. In den Arbeiter- und Soldatenrat wurde von unserer Seite Heinrich Scheidl hineingewählt. Tatsächlich blieben wir vor Ausschreitungen und Plünderungen verschont. Die protestantische Gemeinde hatte inzwischen einen neuen Geistlichen in der Person des Herrn Pastors Dürre erhalten. Er war ein redegewandter Herr mit sehr liberalem Einschlag. Ob er an einen Gott im theologischen Sinn glaubte, —-……………………………… Die Leute nahmen vielfach ….. Anstoß an seinen sermones, in denen selten das Wort „Deus“ vorkam. An einem Pfingsttage …………………………. In den Umsturzwochen tat er sich besonders hervor und trat offen für das Volk ein, sodaß die Meinung aufkommen mußte, er sei inter socios gegangen.

 

[S. 51] Er redete ziemlich radikal auch auf den religiösen Versammlungen welche allenthalben begannen. Die erste politische Versammlung vor den Wahlen zum Anhaltinischen Landtag hielt das Centrum ab. Unsere Schar verschwand völlig unter den vielen der anders Eingestellten. Bürger-meister, Arzt, protest. Pastor, alles war anwesend. Als Redner sprach „Gewerkschaftssekretär“ Eckers aus Magdeburg, leider zu trocken und zu wenig modern. Er sprach von der alten Zentrumspolitik der 70, 80iger Jahre zu viel und ließ die letzten Ereignisse zu viel außer Acht. In der Diskussion meldete sich als erster Herr Pastor Dürre. Nach einigen Hieben gegen das Zentrum verbreitete er sich über die Tagesereignisse und sprach fast ½ Stunde lang. Es folgten noch einige Zurufe aus der Versammlung heraus. Resultat der Wahl etwa 80 Centrumsstimmen für die Deutsch-Nationalen, da diese als einzige Partei in Anhalt für die konfessionelle Schule eintreten wollte. Es folgte bald die Wahl zur Nationalversammlung. Dieses Mal hielten wir wieder eine überfüllte Wahlversammlung bei Wennige ab. Redner: Pfarrvikar Maiworm aus Schönebeck.

 

[S. 52] Er redete glänzend in 1 ½ stündiger packender Rede. Keine Störung war zu hören. Der protest. Pastor, Bürgermeister, Arzt standen sichtlich unter dem Eindruck seiner Ausführungen. Nachdem er geendet, kam Herr Albrecht Achilles auf mich zu und sagte: Herr Pfarrer, das Zentrum wird in Großalsleben die meisten Stimmen bekommen. Tatsächlich erhielten wir auch rund 150-160 Stimmen. In der Diskussion redete wieder Herr Pastor Dürre, dieses Mal bedeutend zahmer. Die breite Volksmasse hatte bis dahin kaum einen katholischen Geistlichen über Politik reden hören. Bei den ersten Wahlen wählte das Bürgertum in Großalsleben demokratisch, die Arbeiter sozialdemokratisch. Bei den folgenden Wahlen verschwand die demokratische Partei und man wählte deutsche Volkspartei. Bei den sozialdemokratischen Versammlungen wurde natürlich auch über die „Pfaffen und die Religion“ geschimpft. Die sozialistische Partei war numerisch die stärkste der 3 Parteien , hatte aber nicht die absolute Mehrheit. Bei der Gemeinderatswahl beteiligten wir uns fürderhin mit eigenen Kandidaten.  Zwei wurden jedes Mal durchgebracht. Unsere Partei bildete bei Abstimmungen das Zünglein an der Waage. Bei der ersten Wahl wurden

 

[S. 53] die Männervereinsmitglieder Nikolaus Grothe und Joseph Hentrich gewählt. Später trat Joseph Schmidt für Hentrich ein, welcher auch zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt wurde.

Im Januar des Jahres 1920 fand eine Mission für unsere Gemeinde statt. Herr Pater Senlen O.M.I. hielt die Mission ab. Die Beteiligung war gut. Dauernde gute Nachwirkungen waren nach außen nicht zu konstatieren. Im Mai begann die Ausmalung der Kirche, besorgt von der Firma Schmauß und Pfister aus Fulda. Innerhalb 4 Wochen war die Ausmalung, welche in Keimschen Mineralfarben hergestellt wurde, zu Ende. Man muß sagen, das Werk lobte den Meister. Jetzt erst zeigten sich die schönen architektonischen Ausmaße der Kirche. Im schönen hellen Blau erstrahlte das Chor der Kirche. Die Kirche hatte durch die Ausmalung sehr gewonnen. Die Kosten waren in kürzester Zeit beglichen, die ganze Gemeinde steuerte freudig bei. Die 2 Maler wurden vom Vikar beköstigt, ein Gehilfe erhielt das Essen bei Gemeindemitgliedern. Die Kosten betrugen etwa 6000 M. Mitten in der Bemalung erhielt der Vikar seine Versetzung, welche aber zurückgenommen wurde.

 

[S. 54] Am Sonntag nach der Fertigstellung der Ausmalung wurde eine kirchliche Feier abgehalten, bei der Herr Vikar Hesse von Gröningen die Festpredigt hielt. Abends fand ein Familienabend statt (?), bei dem Herr Pfister, der eine der zwei Kirchenmaler einige Lieder sang. Nun war die Innendekoration der Kirche zu Ende. Kanzel, Kommunionbank, Ewige Lampe, zwei lebensgroße Heiligenfiguren, ein Herz Jesu Altärchen, alles war in den letzten Jahren besorgt worden dank der Gebefreudigkeit der Mitglieder. Jedes Mal, wenn ein neues Teil angeschafft war für die Kirche, spendete die Gemeinde noch reichlicher. Die ganze Gemeinde hatte wirklich Freude an einer schönen Ausstattung der Kirche. Da die Ausmalung der Großalsleber Kirche so gefiel, bekam die Firma Schmauß und Pfister Fulda auch die Aufträge für die Kirchen in Kleinoschersleben, Gröningen und Oschersleben. Ende des Jahres hielten wir eine Gedächtnis-feier für die gefallenen Krieger der Gemeinde ab. Fräulein Lehrerin Berlingkoff hatte in eigener Arbeit eine einfache, schlichte und doch würdige Totentafel fertig gestellt, auf der die Namen sämtlicher Gefallenen ver-

 

[S. 55] zeichnet waren. Aus der Gemeinde sind 10 Mitglieder fürs Vaterland in den Tod gegangen. Zwei sind in der Heimat gestorben und zwar Joseph Hundshagen  und Albert Klein. Joseph Hundshagen erhielt Herbst 1917 einen Rückenmarkschuß, welcher die völlige Lähmung des Unterleibes und der Füße zur Folge hatte. Er wurde nach Oschersleben ins Lazarett über-wiesen von der Front aus und kam nach langwierigen  Verhandlungen und Schreibereien endlich nach Haus. Er wurde in einem Fahrstuhl herumgefahren. Joseph Hundshagen war sich des Ernstes seines Zustandes nicht bewußt. Immer wieder hoffte er auf die Gesundheit. Von Tag zu Tag ging es mit ihm bergab. Er war ein lebenslustiger Mensch gewesen. In seiner Krankheit verlangte er oft nach den Sakramenten, welche er jedes Mal am Herz Jesu Freitag empfing. Er starb im Juli 1918 nach langem, qual-vollen Leiden. Die Füße faulten buchstäblich ihm am Leibe ab. Er lag schon in Agonie als Anton Böning  gerade auf Urlaub von der Front kam. Anton Böning redete ihn an: Joseph, was machst du, worauf Joseph Hundshagen antwortete: „Anton, ik ……………….“ Sprachs, und seine Züge veränderten sich wieder und der Todesgang nahm seinen Fortgang. 2 Tage nach dem Tode von Joseph Hundshagen starb seine Schwester Luise Hundshagen. Beide

 

[S. 56] Verstorbenen wurden nun an einem Tage beerdigt. Die 2 Särge standen auf dem Totenwagen nebeneinander. Als der Sarg von Luise Hundshagen auf den Wagen geschoben werden sollte, gingen die Pferde durch. Nur mit knapper Not konnte der Sarg noch gehalten werden von den Trägern. Wäre er auf die Erde aufgeschlagen, so wäre der Sarg sicherlich zertrümmert und die Folgen sehr unangenehm geworden. An der Doppelbeerdigung beteiligte sich ganz Großalsleben. Der Krieger- und Schützenverein erwies die militärischen Ehren. Von Oschersleben war eine Soldatenabteilung erschienen.

Der zweite Soldat, welcher in Großalsleben beerdigt wurde, war Albert Klein. Er starb im Magdeburger Militärlazarett. Die Leiche wurde von dort nach Großalsleben geholt und hier beigesetzt. Auch an dieser Beerdigung beteiligte sich die ganze Stadt. Die Namen der Gefallenen der katholischen Gemeinde sind: Wilhelm Siebold (15.9.14)  Eduard Blobeld (8.X.1915)

Otto Grothe (23/I.16)  Andreas Hohlbein (4/VI.16)  Josef Hundshagen (6/VII.18)  Karl Kranhold 15/7.18  Heinrich Halla 18/X.18  Albert Klein 8/XI.18  Franz Halla X/18  Heinrich Kegel am 15/9.16.

 

[S. 57] Das Jahr 1920 wird für unsere Gemeinde denkwürdig bleiben durch die Beraubung der Kirche. In der Nacht vom 9. zum 10. November waren Einbrecher in die Kirche gedrungen und hatten den ganzen Tabernakel aus dem Altar herausgenommen und mitfortgeschleppt. Außerdem hatten sie ein Meßgewand mitgenommen und ein paar versilberte Meßkännchen.

Als ich des morgens zur gewohnten Zeit in die Kirche kam, fiel mir auf, daß die Beichtstuhltür weit offen stand. Vom Hochaltar hingen die Decken weit herunter und groß war mein Schrecken, als ich durch die große Öffnung durch den Altar hindurch sehen konnte. Ich ging zur Sakristei. Beide Türen waren weit geöffnet, und da sah ich dann den Grund der Verwüstung. Die Schränke waren sämtlich durchgewühlt, alle Meßgewänder herausgerissen und auf den Boden geschleudert. Ich entfernte mich sogleich und benachrichtigte den Bürgermeister. Er telephonierte sofort nach Oschersleben und Crottorf an die Bahnhöfe, daß Acht gegeben werden sollte auf die Abfahrenden.  Dann lief das Volk zusammen, Kirche und Sakristei durfte jedoch keiner betreten, da Polizei von Magdeburg mit Polizeihund requiriert war. Gegen Mittag erschienen 2 Kriminalbeamte mit Hund. Letzterer nahm die Spur auf, welche durch den Amtsgarten führte  bis zum Zaun. Dann verlor der Hund die Fährte

 

[S. 58] auf dem freien Feld. Es wurden nun sofort Vermutungen über die Täter ausgesprochen. Auffallend war, daß 2 Tage vorher abends einige Burschen katholisch und nicht katholisch in der Kirche gewesen waren und bis zum Chor der Kirche gegangen waren mit der Begründung, die Malerei sich ansehen zu wollen. Es wurden einige verdächtigt, Sicheres konnte nichts gesagt werden. In den folgenden Tagen wurde die Feldflur rings um Großalsleben abgesucht, ohne Erfolg. Da, nach einigen Tagen fand ein Mann, namens Giese, den Tabernakel erbrochen in nordöstlicher Richtung von Großalsleben am Pappel Weg im Graben liegend. Auf die Nachricht davon eilte ich sofort los; zur Vorsicht hatte ich ein Gefäß mitgenommen zur eventuellen Aufnahme der Spezies. Ich fand den Tabernakel erbrochen vor. Von der Rückseite aus war er aufgemeißelt und ebenso war dann die Tür erbrochen. Die schöne Innenausstattung aus Seide war zerrissen und verdreckt. Etwa 30-40 Hostien lagen zerbrochen noch im Tabernakel oder auf der Erde. Bei mir war der Inhaber der Posthilfsstelle, Herr Karl Lellen (?).

Ich sammelte die Fragmente vorsichtig und tat sie in das

 

[S. 59] Ablutionsgefäß. Dann erschien auch der Bürgermeister mit dem Gendarm. Der Tabernakel wurde nach dem Pfarrhaus getragen und dort aufgestellt. Eine Reihe Leute kam und schaute sich die ehemalige Wohn-stätte des Heilands an. Vielen Mitgliedern der Gemeinde ging der Anblick so zu Herzen, daß sie weinten. Die Nachforschungen der Polizei blieben, wie ich erwartet hatte, ergebnislos. Die Täter waren sicher in Groß-alsleben zu suchen.  Möge der liebe Gott ihnen gnädig sein im Gerichte. Das Sanctissimum konnte nun in der Kirche nicht aufbewahrt werden bevor der neue Tabernakel da war. Ich trug das Ziborium jeden Morgen nach der hl. Messe in die Vikarie oben auf das Zimmer, wo stets das ewige Licht bezw. eine Kerze brannte. Morgens vor der hl. Messe nahm ich das Ziborium dann mit in die Kirche. Die Kirche bot so ohne Tabernakel einen ganz öden Anblick. Sie war nicht mehr anheimelnd und anziehend. Gestohlen war die Monstranz , das Ziborium und die Custodie. Wegen der Allerseelenandacht war die Monstranz zufällig in der Kirche geblieben. In den Vorwochen war sie niemals im Tabernakel verblieben. Der Wert der gestohlenen Gegenstände war nicht so groß, verabscheuungs-

 

[S. 60] würdig, vor allen Dingen das Sakrileg.

Alsbald nach der Tat wurde eine Sammlung veranstaltet, um neue Gefäße zu beschaffen. Da zeigte sich der Opfermut der Gemeinde wieder im schönsten Lichte. Geld und Silbersachen wurde in freigebigster Weise gespendet, selbst die Protestanten beteiligten sich bei der Sammlung. Sie wünschten, daß die Sammlerinnen auch bei ihnen vorsprechen sollten.

Binnen kurzer Zeit konnte der neue Tabernakel bei der Firma Pohlschröder Dortmund bestellt werden,  eine neue Monstranz, ein neues Ciborium und Custodie bei der Firma  Cassau Paderborn. Die letzten versteckten ……..

1,3 und 5 Markstücke waren gebracht und Cassau konnte ca. 2-3 Pfund Silber verarbeiten, das ich ihm mitbrachte. In diesen Wochen war der Eifer und die Liebe und der Opfermut wahrhaft vorbildlich. Es strahlten die Augen der Männer und Frauen, als ich ihnen bald die Monstranz und das Ciborium auf dem Vereinssaal zeigte. – Gewisse junge Menschen aus Großalsleben gingen mir in  der Folgezeit aus dem Wege mit offener kaum zu verbergender Scheu. Ich bin der festen Überzeugung, daß als Täter des verabscheuungswürdigen Sakrilegs nur Großalsleber in Frage gekommen sind. Anno subsequenti iuvenis quidam catholicus subitana et improvisa morte mortuus est. Ego diebus istis aberam a Großalsleben

Homines multi secreto dicebant, hunc hominem conscium facinoris illius fuisse et a deo iudicatum esse. Amicus erat illorum iuvenum, qui antea il ecclesia fuerant, ut loca inspicerent. Oro ut de hac re apud homines silentium observetur.

[Übersetzung: Im folgenden Jahr ist ein katholischer Jugendlicher eines plötzlichen und unvorhergesehenen Todes gestorben. In diesen Tagen war ich von Großalsleben abwesend. Viele Leute sagten mir vertraulich, daß dieser ein Mittäter des Verbrechens gewesen und von Gott gerichtet worden sei. Er war ein Freund der Jugendlichen, die vorher in der Kirche gewesen waren, um die Örtlichkeit auszukundschaften.]

 

Im Januar des Jahres 1921 hielt Herr Pater Langer O.M.I. ein Triduum ab zur Sühne für die dem Heiland angetane Schmach. Die Beteiligung war gut. Im Sept. des Jahres fand in Großalsleben das Sportfest der D.I.M. Nordharz statt. Es war großer Betrieb. Morgens ab 7 Uhr rückte in bestimmtem Abständen die ganze Mannschaft des Bezirkes ein. Unser Trommler- und Pfeiferkorps erntete die ersten Lorbeeren. Ein Franziskanerpater P. Erwin Mantay aus Halberstadt hielt nachmittags in der Andacht die Festrede. Morgens hatten nach dem Amt die Wettkämpfe stattgefunden. Leiter und Herz der ganzen Veranstaltung war Herr Caplan Czeloth aus Adersleben. In großzügiger, straffer Organisation hatte er binnen kurzer Zeit die deutsche Jugendkraft Bezirk Halberstadt aus dem Boden gestampft. 200 Jungen bekannten sich zum Jünglings- und Jungmännerverbands.  Herr Lehrer Steffens

 

[S. 62] Quedlinburg hatte die technische Leitung. Nach der Andacht war großer Festzug durch Großalsleben mit Ansprache auf dem Hof von Herrn Gieseke. Herr Giesecke hatte uns die Möglichkeit der Abhaltung des Festes in jeder Hinsicht erleichtert. Bei Stegmanns auf dem Saale fand abends eine Familienfeier statt, bei der Herr Kaplan Czeloth redete. Unser Jünglings- und Jungmännerverein war stolz auf seine Leistung. Großals-leben hatte bis zu diesem Tage noch nie eine größere Jugend demonstration gesehen. Im Festzuge flatterten 12-15 Fahnen. Wir konnten stolz auf diese Veranstaltung sein. Auch die Männer der Gemeinde warfen sich in die Brust, als sie diesen festlichen Aufmarsch sahen.

Das Jahr 1922 brachte uns zunächst die Missionserneuerung. Herr Pater Meeholn (?) C.ss.R. aus Heiligenstadt hielt sie ab. Beteiligung gut. Dauernder äußerer Erfolg war nicht zu verspüren. Sodann erhielt unsere Kirche in diesem Jahr die zweite große Glocke wieder. Mit Wehmut und Schmerz hatten wir 1917 Abschied von der großen Glocke genommen. Als der Bronzevorrat im Land nicht mehr ausreichte,

[S. 63] um  die fehlenden Kanonen zu gießen, mußten die Glocken von den Türmen geholt werden. An einem Sonntag im Sommer dieses Jahres hatte ich der Gemeinde zu verkündigen, daß in der folgenden Woche die Glocke vom Turm heruntergeholt würde. Wenn man in der Woche noch einmal das Glockengeläut hörte, so wäre es das Abschiedsläuten der großen Glocke. An einem Abend der folgenden Woche wurden beide Glocken noch einmal eine Minute lang geläutet. Dann läutete man mit der großen Glocke noch einmal nach, es wurden noch 3×3 Schläge mit dem Klöppel der großen Glocke gegeben – das Sterbegeläute für sich selbst. Andern Tags stieg Schmiedemeister Bergeran auf den Turm. Die Glocke wurde abmontiert, dann mit Meißel und schwerem Hammer zerschlagen. Bis an das Ende der Stadt konnte man das Wimmern hören, als in unbarmher-ziger Weise die Hammerschläge niedersausten. Die Holzgestelle waren oben aus den Schallöchern entfernt, dann warf man in Einzelteilen die Bronzestücke auf den Boden. Ein Trinkgeld haben wir vom Staate für die Glocke als Entschädigung bekommen. Das Jahr 1922 sollte uns die 2. Glocke wiederschenken. Wir hatten vorher

 

[S. 62] wieder eifrig gesammelt. Die einzelnen  Familien brachten 100 und 200 M zur Vikarie. Die Hälfte hatten wir zusammen. Da machte ich mich auf und ging zum Besitzer unseres Rittergutes, Herrn Ernst Giesecke. Ich trug meine Bitte vor und bat ihn, den Rest für die neue Glocke zu stiften. Er erklärte sich sofort dazu bereit. Die Firma Giesecke hat sofort nach Über-nahme des Gutes von Herrn Wrede der Kirchengemeinde gegenüber das größte Wohlwollen an den Tag gelegt. Nie habe ich eine Fehlbitte getan. In jeder Hinsicht suchte Herr Giesecke unsere Gemeinde durch besonderes Entgegenkommen auszuzeichnen. Dasselbe muß gesagt werden von dem ersten Prokuristen Herrn Müller. Sie haben der Gemeinde viel Gutes getan. Ebenfalls war der Herr Inspektor Dammann stets bereit, all die kleinen und großen Bitten, die man hatte zu erfüllen. Ich werde diesen Herren stets ein dankbares Gedenken bewahren. Die Firma F. Otto aus Hemelingen bei Bremen bekam den Auftrag die neue Glocke zu gießen. Als Kaufpreis wurde ca. 10000 M abgemacht.

 

[S. 65] Auf einem vom Gute gestellten Planwagen wurde die bekrönte Glocke dann von Oschersleben geholt und auf dem Kirchplatz aufgestellt. Ein paar Tage stand sie da und Sonntags nachmittags fand dann die Glockenweihe statt. Herr Dechant Steffen Oschersleben nahm sie vor unter Assistenz von Herrn Pfarrer Dreker Hadmersleben und Vikar Mues, Klein-oschersleben. Ich hielt die Festpredigt in der Kirche. An den folgenden Tagen wurde die Glocke dann emporgezogen auf den Turm. Herr Otto aus Hemelingen leitete selbst die Arbeit. Die neue Glocke wurde dem Herzen Jesu geweiht. Die Inschrift, welche ihr gegeben wurde, lautet: „Herz Jesu, du Hoffnung derer, die in dir sterben, erbarme dich unser! Gott verkünd ich die Ehre, den Lebenden den Frieden, den Toten die Ruhe.“

Nun war Herr Heinrich Scheidl wieder froh, zwei Glocken betreuen zu müssen. Johannes Bienias, ein braver Junge der Gemeinde, meldete sich freiwillig, um als 2. die Glocke mitzuläuten.

Wovon man lange schon gesprochen hatte, das wurde im Jahre 1923 zur Wirklichkeit. In diesem Jahre beging die katholische Gemeinde das Fest des 50jährigen Bestehens. Schon um Ostern herum stand im Sächsischen Tageblatt

 

[S. 66] ein vorbereiteter Artikel, und dann wurde im Juni das Fest mit großer Freude begangen. Lange vorher war alles vorbereitet, die Einladungen ergangen etc. Als Tage waren bestimmt worden der 10. Juni.

….Sämtliche katholische Vereine der Umgebung bis Magdeburg hin waren eingeladen. Etwa 2000 Menschen waren zum Feste gekommen. So etwas hatte Großalsleben doch noch nicht gesehen. Katholiken und Protestanten hatten gewetteifert, der Stadt ein Festgewand zu geben. Ohne jede Ein-schränkung  muß gesagt werden, daß die protestantischen Mitbürger in vorbildlicher Weise die Straßen der Stadt und ihre Häuser mit Grün, Girlanden, Fahnen und Ehrenpforten geschmückt hatten. 40-50 Fahnen  wurden im Zuge gezählt. 2 Musikkapellen spielten, die Jugendvereine hatten ihre Trommlerchors mitgebracht. In der Frühmesse predigte Herr Vicar Stolte z.Z. Dortmund Liebfrauen, im  Hochamt Herr Pfarrer Prenger aus Holthausen b. Castrop. Beide Herren war es nur mit knapper Not gelungen, durch die Sperr-

 

[S. 67] kette der Franzosen zu kommen. Im Industriebezirk saßen ja seit Januar des Vorjahres unsere Feinde und hatten den ganzen Bezirk hermetisch abgeschlossen. Der Herr Pastor Schulte aus Cöthen war ebenfalls erschienen sowie Herr Dechant Kroll aus Dessau. Etwa 25 Geistliche nahmen an der Feier teil. Nachmittags nach der Festandacht war der Umzug. Ein unvergleichliches Bild wie es Großalsleben noch nicht gesehen. Das Herz mußte einem in Freude wallen. Soviele Männer, soviele Jungmänner und Jünglinge um die Fahnen geschart, die katholischen Banner. Es war ein herrliches Bekenntnis des katholischen Glaubens in dem Sächsischen Anhalt, das den katholischen Glauben nur toleriert. Juden und Katholiken stehen nach den landläufigen Anschauungen dieses ganz protestantischen Landes auf gleicher Stufe. „Die Katholiken“ – die Religion der armen Leute, der Arbeiter und der Ochsenknechte und der Landarbeiterinnen. Ein Katakombenchristentum hatten wir jahrzehntelang zu leben unter den harten Fesseln des protest. Staatschristentums. Unser öffentliches katholisches Leben war von des Herzogs und des Staats-ministeriums Gnaden gewesen. So waren wir scheu beiseite gedrückt. Man durfte froh sein, wenn wir die Luft zu atmen hatten in Anhalt. Das öffentliche Schulrecht war

 

[S. 68] uns vorenthalten, diesen und jeden kleinlichen Schikanen waren wir unterworfen, und nun an diesem Sonntag, da durften wir in dieser anhaltinischen Exklave die katholischen Fahnen entfalten. Hui, wie sie im Winde wehten, hui, wie unsere andersgläubigen Mitbürger erkennen mußten, daß es auch eine katholische Religion gebe! Und diese dokumentierte an diesem Sonntag ihr Dasein, machtvoll und nachhaltig. Wir marschierten im strammen Schritt und Tritt durch die Straßen. Oben vom Gotteshaus von der Spitze des Turmes leuchtete eine in elektr. Birnen angebrachte „50“ hernieder. Albert Senft, geschickt und erfinderisch wie immer, hatte sie in kühnem Wagemut oben auf dem Turm angebracht. Im Zuge wurden die Veteranen, welche vor 50 Jahren die Gründung der Missionsstelle mitgemacht hatten, im festlich dekorierten Wagen mit-gefahren. Vorn an der Spitze des Zuges ritten Joseph Hentrich und Franz Scheidl schwere Rappen vom Gute in der Tracht mittelalterlicher Lands-knechte. Aus den Jungfrauen war eine „Ehrengarde“ zusammengestellt, und in

 

[S. 69] heiligem Stolz bildeten sie die Eskorte zu dem „Ehrengalawagen“, Guirlanden in den Händen tragend. Gegen ½ 4 Uhr  kam man auf dem Schützenplatz an. Hier grüßten Fahnen und Ehrenpforten. Nachdem man zunächst den schlimmsten Durst ein wenig gelöscht hatte, begann Herr Pater Heribert Schwanitz O.F.M. Guardian des Franziskanerklosters in Halberstadt die Festrede. Wie sich da die Hälse reckten, als er auf den Tisch stieg zu seiner Festrede. Viele Andersgläubige hatten einen solchen braunen Kuttenträger und dabei in dieser festlichen, kräftigen Erscheinung noch nicht gesehen. In bekannter Meisterschaft riß Herr Pater Heribert die Menschen mit sich fort in seiner Rede. Thema: „Katholizismus und unsere Zeit.“ Der Gedankengang der Rede ist mir leider nicht mehr so gegen-wärtig. Ein Satz haftet mir noch im Gedächtnis:  „Sklavenblut gibt Sklavenmut, Löwenblut gibt Löwenmut, Christenblut gibt Christenmut.“ Etwa ¾ Stunde redete der Pater, schade, daß die Rede nicht von vorn-herein für den freien Platz außerhalb des Schützenhofes vorgesehen war. So bekamen die vielen, welche wegen Überfülle den Schützenhof nicht besuchen konnten, nicht viel mit von der Rede. Nach einer Pause sprach der Vikar über die Geschichte der Gemeinde.

 

[S. 70] Er warf einen Rückblick auf die vergangenen Zeiten, ausgehend von den Tagen der Gründung der Missionsstelle durch Herrn Pfarrer Friedrich. Er sprach von seiner Tätigkeit und seinen Erfolgen und bedauerte es, daß Herr Pfarrer Friedrich nicht mehr an der Feier teilnehmen konnte. Er begrüßte dann den Nachfolger des Herrn Pfarrer Friedrich, Herrn Pastor Prenger und sprach ihm den Dank der Gemeinde für sein Erscheinen aus. Ebenso begrüßte er Herrn Kaplan Stolte aus Dortmund. Nachdem so in großen Zügen der Werdegang der Gemeinde an den Augen der Fest-teilnehmer vorübergezogen war, kamen die Gratulanten zu Wort. Der Hochwürdigste Herr Bischof hatte ein eigenes Schreiben zum goldenen Jubelfest  gesandt, das verlesen wurde. Der Herr Pfarrer der Mutter-gemeinde Cöthen entbot die besten Glückwünsche und schenkte der Filial-gemeinde eine namhafte Jubiläumsgabe. Herr Pfarrer Prenger ergriff das Wort und feierte die Treue der Großalsleber. Herr Bürgermeister Schütze (?) übermittelte den Glückwunsch der Stadt. Herr Giesecke hatte mit seiner Vertretung die Herren Müller und Dammann beauftragt. Draußen auf dem freien Platz wurde sodann ein Festreigen aufgeführt, den Fräulein Lehrerin Ber-

 

[S. 71] lingkoff mit großem Fleiß eingeübt hatte. Bei Musikvorträgen verging dann die Zeit. Am 2. Tag war ein Requiem für die verstorbenen Priester und Mitglieder der Gemeinde. Abends war Familienfeier für die Gemeinde im Schützenhaus.

Abschließend kann gesagt werden, daß das Jubiläum einen erhebenden Verlauf nahm. Der Zweck der Feier war gewesen, das katholische Glau-bensbewußtsein der Gemeinde zu stärken, den Mut anzufachen, den Mut zum furchtlosen Tatkatholizismus, an dem es leider Gottes in Großalsleben auch oftmals mangelte. Ich habe damals der Gemeinde den Wunsch geäußert, daß alle Mitglieder der Gemeinde recht lange zehren möchten von dem Schönen und Erhebenden, das wir alle erleben durften. Den Gästen hatte es gut gefallen. Unvergeßlich bleibt mir auch der Fackelzug am Samstag abend. Abends zogen bei einbrechender Dunkelheit die Männer, Jungmänner und Jünglinge unter den Klängen der Oschersleber Stadtkapelle durch den Ort, Fackeln in den Händen tragend.  Vor dem Hoftor der Kirche hatten wir in Fackeln ein „Willkommen“ angebracht. Nach Schluß des Fackelzuges überreichten 2 Jungfrauen unter entsprechenden Gedichten 2 Blumensträuße in roten und weißen Rosen den schon erschienenen

 

[S. 72] 2 geistlichen Herrn Pastor Prenger und Herrn Vicar Stolte. Frl. Berlingkoff hatte die Gedichte eigens verfaßt zu dem Feste; sie behandelten die Geschichte  der kath. Gemeinde Großalsleben und schlossen mit einem Willkommen an die beiden Geistlichen. Ich begrüßte ebenfalls die beiden Vorgänger in einer kleinen Ansprache. Herr Vicar Stolte antwortete. Es herrschte erwartungsvolle Feststimmung. Am folgenden Morgen folgte in aller Frühe militärisches Wecken. Der Festtag war angebrochen. Möge das Jubelfest recht lange in aller Erinnerung bleiben!

Im Sommer des Jahres 1923 hatten wir Firmung in Großalsleben. An Stelle des Bischofs …. , dessen Schwester gerade in diesen Tagen starb, erschien der Hochwürdigste Herr Bischof Dr. Joseph Ernst von Hildesheim. Das Gut hatte seinen besten Herrschaftswagen zur Verfügung gestellt und in Begleitung vom Herrn Dechanten Steffen Oschersleben und des bischöf-lichen Kaplans Dr. Gilke traf der Hochwürdigste Herr gegen 3 Uhr in Großalsleben ein. Er firmte, hielt dann eine

 

[S. 73] Ansprache und verweilte dann noch einige Zeit im Pfarrhaus. Es sei an dieser Stelle noch nachgetragen, daß der Hochwürdigste Herr Weih-bischof Dr. theol. Hähling von Lanzenauer im Juni 1918 der Gemeinde einen Besuch abstattete und bei dieser Gelegenheit die Kirche kon-sekrierte. Schon 14 Jahre hatte die Kirche gestanden und sie war noch nicht konsekriert. Der Hochwürdigste Herr Weihbischof kam im kranken Zustande nach Großalsleben. Er war in Oschersleben schon erkrankt, hatte zu Bett gelegen und sich dann doch nach Großalsleben aufgemacht. Die Feier dauerte von 8-12 Uhr. Es wohnten auch einige Protestanten der Feier bei. Da der Hochwürdigste Herr Dechant in Dessau gewesen war, kannte er die Verhältnisse  recht gut und gedachte in seiner Ansprache auch der Geschichte der kathol. Gemeinde und seines Gründers, des Herrn Pfarrer Friedrich.

In wirtschaftlich politischer Einsicht waren die letzten Jahre sehr schlimm gewesen. Die Inflation war von Jahr zu Jahr schlimmer geworden und erreichte mit dem Dezember des Jahres 1923 den Höhepunkt: der völlige Zusammenbruch der deutschen Geldwirtschaft. Die Not war in den einzelnen Schichten der Bevölkerung recht

 

[S. 74] groß. Zeug, Schuhe und Wäsche konnten nur noch zu kaum erschwinglichen Preisen gekauft werden. Die Arbeiter auf dem Gute erhielten das Meiste in Naturallohn. In jenen tollen Jahren ging  es dem Geistlichen in Großalsleben verhältnismäßig noch gut. Butter und Brot und Eier und Fleisch waren genügend vorhanden. Das Geld hatte je doch keinen Wert. Die Leute haben damals auch ihren Geistlichen nicht vergessen und die Domäne überließ mir bereitwillig Roggen und Weizen.

            Das Kirchlein war nun nahezu fix und fertig in seiner Ausstattung. Es fehlte nur noch die Orgel. Schon im Dezember des Jahres 1923 hatten wir auf mehreren Männervereinsversammlungen über dieses Thema gesprochen. Nachdem das Geld nun stabilisiert und die Rentenmark ein-geführt war, wurde der Wunsch eine kleine passende Orgel zu besitzen wieder rege. Es wurden im Januar des Jahres 1924 wieder 2-3 Versammlungen von Männern und Frauen zusammen abgehalten, und auf diesen Versammlungen wurde beschlossen, eine Monatssammlung für die neu zu beschaffende Orgel einzurichten. Monatlich sollte von Haus zu Haus gegangen werden und die Gemeinde erklärte sich einmütig bereit, diesen Sammlungen treu zu bleiben für die ersten Jahre. Es mußte nun ein Geld-geber gefunden

 

[S. 75] werden für die Vorstreckung des Kapitals. In entgegenkommender Weise erklärte sich Herr Ernst Giesecke sogleich bereit, der katholischen Gemeinde zu Hilfe zu kommen und ihr die Möglichkeit einer Neu-anschaffung der Orgel zu geben. Herr Müller hat in liebenswürdigster Weise durch seine Unterstützung der Gemeinde einen großen Gefallen erwiesen. Er hat durch seine warme Befürwortung meiner Bitte Herrn Giesecke in seiner Bereitwilligkeit bestärkt einige Tausend  Mark zinslos zur Verfügung zu stellen. Im Februar 1924 fuhr ich nach Paderborn und bestellte bei der Orgelbaufirma Feith die neue Orgel zu 12 Register mit Jalousieschweller. Herr Feith stellte für das Register 500 M in Anrechnung. Er kam selbst nach Großalsleben und nahm eine Lokalvisitation vor für die Aufstellung des Pfeifenwerks. Er kam zu dem Resultat, daß die 2 Dach-kammern der geeignetste Platz seien für das Orgelwerk. Im Juli wurden die notwendigen Arbeiten ausgeführt, die Öffnung gebrochen für die Jalousie. Die Aufstellung der Orgel habe ich nicht mehr erlebt. Mitte August erhielt ich meine Versetzung von Großalsleben nach Elpe Kr. Brilon. Am 21. September verließ ich die Gemeinde in der ich 9 ½ Jahre

 

[S. 76] wirken durfte. Gott segne Großalsleben für und für!

                                                                       Zapfe, Pfarrvikar

 

1924 Nachdem mein lieber Amtsvorgänger Pfarrvikar Johannes Zapfe, der für 9 ½ Jahre lang segensreich gewirkt hat, das Feld geräumt hatte, zog ich sang- und klanglos am 24. September in später Abendstunde in Groß-alsleben ein. Von Anfang an gefiel es mir hier gut.  Am meisten sagte mir die goldene Freiheit zu. Das im Sturm des Weltkrieges und in der Zwangs-jacke der Seminar- und Kaplanszeit selig erträumte Idyll des Priesterlebens sollte und wollte in Großalsleben Wirklichkeit werden u. ich muß gestehen, daß ich mich während der verflossenen 6 Jahre hier sehr wohl gefühlt habe, wenngleich die Schäflein viel zu wünschen übrig ließen. Bevor ich herkam, war mir die Gemeinde schon einigermaßen bekannt. War ich doch 3 Jahre lang Kaplan in Oschersleben gewesen! Nun sollte ich anschließend der gute Hirt in Gr. werden. Dankbar muß ich den stets guten Willen der armen Schäflein anerkennen. Die Wohnungs-

 

[S. 77] verhältnisse in der Gemeinde entschuldigten manches. Als seelsorgl. Ziel schwebte mir vom ersten Tage hier ab der innere Ausbau der Gemeinde, die vertiefende Seelenarbeit vor.

Kaum eine Woche lang war ich hier, als ich aus der tiefen Ruhe heraus alarmiert wurde: die von meinem hochmusikalisch talentierten Vorgänger bestellte neue Orgel war am Oschersleber Bahnhof eingetroffen. Die Fracht von Paderborn bis hier kostete 180 M. Die Orgelbaumonteure wohnten bei den Familien Nikolaus Große W. Seidler gratis & franko. Die feierliche Einweihung der Orgel erfolgte am 9. November 1924. Lehrer Otto v. Oschersleben führte dem göttlichen Schöpfer u. der gespannten Gemeinde dies Instrument zum ersten Male vor. Und siehe: man erlebte eine nicht kleine Enttäuschung: die melodienreiche Orgel spielte nicht laut genug! Die Jalousie hatte sich nicht in der erdachten Höhe ausbauen lassen. Der gütige Geldleiher, Ernst Giesecke, gab uns bei der kirchl. Feier die Ehre seiner Anwesenheit. Die Saalfeier fand im Ratskeller statt. Die von Frl. Berlingkoff gut eingeübte Tragödie „Die Hl. Cäcilia“ wurde von den Jungfrauen gespielt. Die Orgel

 

[S. 78] kostete mit Einbau rund 7 ½ Tausend M. Tausend M waren von meinem Vorgänger bereits bezahlt worden. Die größte Geldverlegenheit brachte uns auf die Idee einer Verlosung. Die Lose, im Preise von 1 M das Stück, fanden bei Protestanten u. Katholiken, bei Bekannten u. Verwandten, in Oschersleben und Großalsleben und Westfalen verhältnismäßig guten Absatz. Die Lotterie brachte den schönen Reingewinn von 800 M. Zur Deckung der restierenden Schuld fand allmonatlich eine Hauskollekte statt, um die sich das Männervereins-mitglied August Krayer besonders verdient gemacht hat. Ende des Jahres 1928 war die Orgel restlos bezahlt. Für die Gemeinde, zumal für die regel-mäßigen Zahler alle Ehre!

            1925: fand am 29. März in der Schule die Abschiedsfeier von Lehrerin Martha Berlingkoff  statt, die an die öffentliche Volksschule in Quedlinburg versetzt worden war. Die eingeladenen Gemeindemitglieder waren in großer Zahl erschienen, um von der tüchtigen Lehrerin und Präfektin wehmütigen Abschied zu nehmen.

 

[S. 79] Siebenundeinhalb Jahre lang hatte sie der Schule und Gemeinde mit vorbildlichem Eifer gedient. Dieser Chronikband ist ein Geschenk von ihr. = Bemerkenswert dürfte noch bezl. der Schule sein, daß in dem „Schul-kampfe“, den die Revolutionspartei  mit sich brachte (1918), die Kreis-schulaufsicht, die bisher der Dechant von Dessau ausgeübt hatte, auf die Schulräte Anhalts überging. Damit wurde die hiesige Privatschule dem Kreisschulrat Matthey in Ballenstadt unterstellt, der hier seinen ersten Besuch am 12. September 1922 machte. Ferner wurde Anfang d. J. 1921 Dr. Hackel von hier seitens der Kreisdirektion zum Schularzt der Privat-schule bestellt. Der 1921 an die Anhaltische Regierung gestellte Antrag um Bewilligung einer zweiten Lehrkraft für die 80 Schüler der Privatschule, wurde kurzerhand abgelehnt. Frühjahr 1922 erkrankte Lehrerin Berlingkoff und mußte vom 24. April bis 2. Juni von Lehrerin Richter aus Eilenstedt vertreten werden. Diese letztgenannten historischen Angaben entstammen dem Chronikbeitrag von Fräulein Beringkoff. Zu diesem gedenkt sie auch

 

[S. 80] mit besonderer Dankbarkeit der großen Mildtätigkeit ihrer Gemeindemitglieder, von denen ihr über die Hungerperiode der Inflationszeit in anerkennenswerter Weise hinweggeholfen wurde. Die Schreiberin schließt ihren Bericht: „Ostern 1925 mußte ich von Großalsleben gehen, es war so Gottes Wille! Der Abschied fiel mir schwer. – Heute ist mir die Erinnerung an meine Erstlingsarbeit immer eine Quelle  der Freude und des Dankes an Gott und die Gemeinde.“

            Nachfolgerin im Schulamte wurde Lehrerin Elisabeth Freitag, die in der Schule von Direktor Gründer (Paderborn) tüchtig vorgebildet war. Ihre Eltern wohnen in der Rosenstr. zu Paderborn. Fräulein Freitag hatte ihr Examen auch in Handarbeit und Hauswirtschaft gemacht und stellte ihre praktischen Kenntnisse willig in den Dienst der weiblichen Jugend. Als begeistertes Mitglied des „Apostolischen Bundes“ [Schönstatt] versuchte sie unentwegt das Marienideal in die Seelen der Kinder und Jungfrauen einzupflanzen. Es gelang ihr auch, den Seelsorger

 

[S. 81] für den Bund zu gewinnen. Zwei Jungmänner der Gemeinde [Hermann Martin, Josef Bienias] nahmen an einem Kursus in Schönstatt teil und zwei andere Jungmänner erlebten daselbst Exerzitien. [August Senft u. Hermann Schmidt]. Das Marienbild in der Schule ist ein Geschenk der Lehrerin an die Gemeinde. Ein Bruder von ihr stiftete die 4 Fron-

leichnamsaltäre.

1926 – Der Frauen- und Mütterverein fing das Neue Jahr gut an. 25 Mitglieder nahmen an den halbgeschlossenen Exerzitien teil, die 3 Tage lang dauerten. Vorträge durch Pater Edwin aus Halberstadt und Mahl-zeiten fanden im Vereinszimmer statt. Das Ziel der Exerz. wurde erreicht, indem durch sie den jahreslangen Feindschaften zwischen einzelnen Familien ein Ende bereitet wurde. Im Monat Sept. wurde der Muttertag gefeiert. Hiermit verband sich die Generalkommunion der Gemeinde.

Etwa 30 Mann schlossen sich der Oschersleber Gemeinde an,  die unter frommen Gesängen und Klängen der Guardenfeldschan (?) Kappelle unter starker Beteiligung nach Schwanebeck zur Herrgottslinde wallfahrtete.

Sehr bemerkenswert ist die Neueinführung der Anbetungsnächt[e] vom 9/10 November als Sühne- und Erinnerungsfeier an die Einbruchsnacht (1920). Während der ganzen Nacht war Beichtgelegenheit. Möge die Gemeinde dieser Gepflogenheit immer treu bleiben! Das Leben jeden Pfarrkindes und Seelsorgers dürfte Grund genug zu einer derartigen Sühnefeier einmal im Jahr sein.

 

Der Mütterverein veranstaltete eine Adventsfeier verbunden mit Kaffeetrinken undLichtbildvortrag über das Leben der Hl. Elisabeth. Zur Nikolausfeier im Vereinszimmer war die gz. Gemeinde eingeladen. Allerdings  erwies sich der Raum als zu klein. Nach dem Besuche von St. Nikolaus, der u.a. dem polnischen Kaplan der Gemeinde, nämlich der Großmutter Preuß ein poln. Gebetbuch verehrt hatte, hielt Pater Evarist aus Halberstadt einen sehr schönen Lichtbildvortrag über den Hl. Franziskus v. Assisi. Der große Diasporajugendfreund Pfarrer Iseke hielt unseren Jünglingen und Jungen eine religiöse Halbwoche, an der 30 Mann teilnahmen.

Der Gemischte Chor wurde ins Leben gerufen, dessen Leitung Fräulein Freitag übernahm. Seine Darbietungen verschönten zum ersten Male den Gottesdienst zu Weihnachten.

 

Wie alljährlich, so fand auch dieses Mal der sehr gut vorbereitete Weihnachtsfamilienabend dieses Mal im Stegmannschen Saale am Stephanusabende statt.

1927 Der Männerverein leitete das Neue Jahr würdig ein durch einen Einkehrtag. Der Diözesanpräses der Männer- und Arbeitervereine Domvikar Marx verstand es, den 25 Männern ins Herz zu greifen.

Wie in den Vorjahren so fand auch in diesem Jahr zum Schlusse des Schuljahres eine Schulentlassungsfeier statt. Schule und D.J.K. Abteilung teilten sich die Arbeit. Das sehr reichhaltige Programm fand im voll-besetzten Saale größten Beifall.

Anfangs November fanden sich zum ersten Male die Altexerzitanten zusammen. Die Zahl der erschienenen Männer, Jungmänner, Frauen u. Jungfrauen betrug 28. Der Pfarrer hielt im Vereinszimmer einen Vortrag mit anschl. Aussprache. Mit einem kurzen Besuche beim eucharistischen Heilande schloß das denkwürdige Treffen, die Fortsetzung einer tief-greifenden Erneuerung im Apostolischen Geiste Schönstatts. Allmonatlich wollte

 

[S. 84] wollte man sich am Herz-Jesu-Freitag-Abend zusammenfinden.

Am 1. Adventssonntage war Gemeinderatswahl.  Das gute Wahlergebnis

[126 Zentrumsstimmen mit 3 Stadtverordneten unserer Partei: Josef Schmidt, Fritz Senft u. Nikolaus Große] entsprach dem schönen Erfolge vom Wahljahre 1924.

In den Tagen vor dem 8. Dezember hielt der Pfarrer mehrere Abend-vorträge vor den Jungfrauen zwecks Vorbereitung auf die Ehe und zwecks feierlicher .E. Aufnahme der neuen Mitglieder in die Kongregation.

Am Stephanusfeste beging unser Läuter Heinrich Scheidl das große Fest der Goldenen Hochzeit. Während des Hochamtes nahm die ganze Gemeinde an der unvergeßlichen Jubelfeier teil.

1928 Die Fabrikkaserne wird von größtenteils evangel. Saison-arbeiterinnen aus Ostpreußen bezogen. Diese Damen sind bald ein starker Magnet für die männliche Jugend unserer Stadt, zumal sie sich durch schöne Kleider und ondolierten Bubikopf zu zieren wissen. Eine sehr ernste Gefahr für den Bestand unserer Gemeinde, weil diese andersgläubigen Arbeiterinnen  durchweg kirchlich abständig

 

[S. 85] sind.

Anfang September wurde der Katholikentag Deutschlands in Magdeburg für die ganze Mitteldeutsche Diaspora ein außergewöhnliches  Ereignis. Im Mittelpunkte der Besprechungen stand das Thema: „Katholische Aktion“: die organisierte Mithilfe der Laien im Gemeindeleben. In unserer Gemeinde wurde die monatliche Versammlung der Altexerzitanten nach dieser Richtung ausgebaut. „Monatskonferenz“ nannte sich von jetzt ab das Zusammentreffen der Vereinsvorstände zusammen mit den am Gemeindeleben besonders Interessierten. In diesen Conferenzen wurden wichtige Angelegenheiten so besprochen und durchberaten, daß sie in den einzelnen Vereinen ohne weiteres zum Beschluß erhoben werden konnten. Gleichzeitig wurden apostolische Aufgaben von diesem oder jenem über-nommen. Unter Anderem übernahm Johannes Bienias das Presse-apostolat, das die Abonnementsziffer von 23 auf 46 erhöhte. Das Sächsische Tageblatt [Berlin Germania] verwandelte sich in die Sächsische Zeitung (Paderborn). Sechs Männer, darunter der Vorstand des Männer-vereins fanden sich zweimal im Monat zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen. Eingehend durchgearbeitet wurden die Reichsverfassung, die Verfassung

[S. 86] des Freistaates Anhalt  und die Städteordnung. dto: das Invaliden- und Krankenversicherungsgesetz u. das Wesen der deutschen Wirtschaft zwecks Übung im wirtschaftl. Denken.

1929 Im Monat Januar setzte eine ungeheure Kälte ein, die bis in den März anhielt. Nach jedem neuen Schneefall wurde der Frost grimmiger. Die Kältetemperatur erreichte einige Male einen Tiefststand von 37° Celsius. Die Bestellung der Felder setzte erst spät ein. Bald förderte aber die warme Sonne das Wachstum derart, daß sich die Landwirte einer wider Erwarten sehr guten Ernte erfreuen durften. Ende Mai wurde Fräulein Freitag von der Mindener Regierung nach Hövelhof bei Paderborn abberufen. Ihr Nachfolger wurde Lehrer Albert Walling, ein gz. kleiner Herr, der sich an die Großalsleber Verhältnisse nicht gewöhnen konnte. Er wurde am 1. Juli durch Fräulein Antonia Rodemeier aus Vörden Krs. Höxter abgelöst. Auch Frl. Ro-

 

[S. 87] demeier zeigte sich anfangs bestürzt und gänzlich enttäuscht. Was sie hier vorfand, war mit ihren idyllischen Vorstellungen von einer Diasporaprivatschule unvereinbar. Aber bald fing sie an, in den saueren Apfel herzhaft zu beißen u. siehe da, die Großalsleber Kost mundete ihr vorzüglich. Weihbischof Hillebrand spendete hier im Juni das Hl. Sakrament der Firmung. Am 17. November feierte die Gemeinde unter sich das 25-jährige Bestehen ihres herrlichen Kirchleins. Großmutter Preuß gab die Versicherung ab, sie wolle bis an ihr Lebensende beten u. opfern, daß das liebe Gotteshaus niemals durch kommunistischen Gotteshaß zerstört werde. Am Morgen des Jubiläumstages fand sich die Gemeinde geschlossen am Tische des Herrn ein. Der Gemischte Chor gab in- und außerhalb der Kirche sein Bestes her. Die weltliche Feier [ohne Tanz] im Ratskeller war stimmungsvoll. Das Volksstück „Das Kirchlein auf Berg-monten(?)“

 

[S. 88] wurde glänzend gespielt. Das anläßlich des Jubiläums angefertigte Kollektivbild aller bisheriger Seelsorger der Gemeinde wurde von den Pfarrkindern dankbar entgegengenommen u. im Vereinszimmer aufgehängt. Es ist ein Geschenk der noch lebenden Priester, die in Großalsleben gewirkt haben.

1930 Das Jahr 1930 brachte einen weiteren äußeren Fortschritt des Gemeindelebens mit sich. Ob dieser Tatsache auch ein inneres Vorwärts zugrunde lag, das weiß der liebe Gott allein. Auf jeden Fall dürften die elenden Wohnungsverhältnisse in Kasernen und Fabrikstraße vorab ein sehr starkes Hindernis für eine sittliche Aufwärtsentwicklung in der kathol. Bevölkerung Großalslebens bleiben. Angesichts dieses Wohnungselends wurde die reguläre Hausseelsorge ein von allen Seelsorgern und in allen Jahren so auch in diesem Jahres des Herrn 1930 als erste und vor-

 

[S. 89] nehmste Pflicht erkannt und erfüllt. Zu Ostern ersuchte und bestand Maria Brüdern im Alter von 13 Jahren die Aufnahmeprüfung mit dem Prädikate „gut“ auf die Tertia der „Deutschen Oberschule“ in Köthen.

Da die Schülerin keine Privatstunden genommen hatte, durfte unsere Privatschule sich diesen Erfolg zur Ehre anrechnen. Während der Sommer-ferien legte die Firma Alfred Grüschow aus Halberstadt ein Niederdruck-dampfheizung in Kirche, Schule und Vereinszimmer an. Diese Anlage wurde nachträglich noch erweitert, um die vorhandenen Dampfkräfte restlos auszunutzen und damit die Unterhaltung der Heizung zu verbilligen.

[[Die Unterhaltungskosten verteilen sich, wie folgt: je 3 Zehntel entfallen auf Kirche und Schule, je 1 Zehntel auf Vereinszimmer und Lehrerwohnung und der Rest von 2 Zehnteln wird von dem „Pfarrer“ übernommen.]] Die Anlage erfolgte wohl ein Jahr zu früh. Die ausreichende Sammlung war noch nicht ge-

 

[S. 90] schehen. Wir konnten aber nicht länger warten, da der Schulofen gebrochen war und der Vereinszimmerofen im voraufgehenden Winter versagt hatte. Die Firma Ernst Giesecke half uns aus der Verlegenheit, indem sie uns 3000 M (dreitausend) „zinsenlos“ lieh. Während des Winters wurde das Vereinszimmer nach Kräften ausgenutzt. Wohl jeden Abend war darin etwas los. Unter anderem fand darin ein Fortbildungskursus statt. Der Pfarrvikar erteilte Unterricht in Aufsatz, Rechtschreibung und Raumlehre. Fräulein Rodemeier unterrichtete stramm im Rechnen. Ca. 8-10 Männer und Jungmänner nahmen teil. Am 6. Dezember fand eine herrliche Nikolausfeier im Stegmannschen überfüllten Saale statt. Im 3. Teile des Abends gaben Karl Müller, Albert Klein und Josef Bienias ein köstliches Spiel mit Kasperlepuppen zum Besten. An diesem Abende trat auch die Schülerabteilung der D.J.K. zum ersten Male in Aktion. Der Abteilungsleiter Hermann Polowy hatte

 

[S.91] die Jungens schneidig instruiert und einexerziert. In Gemeinschaft mit Johannes Bienias und Karl Müller hatte er es verstanden, die deutsche Jugendkraft auf eine gewisse Höhe zu bringen. Ihr weiteres Wachstum ermöglichte ein günstiger Umstand: Herr Ernst Giesecke gab seine Wiese als provisorischen Sportplatz  frei.

1931 In Großalsleben läuft der Seelsorger Gefahr, ein Pessimist zu werden. Um vor dieser Pest bewahrt zu bleiben, wird der Humor überall, selbst im Frauen- und Mütterverein gepflegt. Ist es nicht vornehmlich die Gattin und Mutter, die das Kreuz der Zeit am meisten zu spüren bekommt! Daher hat sie ein besonderes Anrecht auf wohlvorbereitete Vorträge, die ihr Mut machen und auf gesunden Humor, die ihre müde Seele erfrischt. Diese Zeitbedürfnisse brachten es mit sich, daß die Versammlungen des Frauen- und Müttervereins ausschließlich in das Vereinszimmer ver-

 

[S. 92] legt wurden. Die Vereinsmitgliedschaft stieg über 60. Die Kaffee-abende, der Weinabend, der Nikolausabend und die Tanzabende werden den Teilnehmerinnen gewiß unvergeßlich bleiben. Sie förderten den Gemeinschaftsgeist. Denn Christus, der die reine Freude will, war gewiß „unter uns“ als „das Haupt“.

Redemptoristenpater Pater Eickten(?) aus dem Kloster Heiligenstadt hielt vom 18.-25. Januar eine Hl. Mission ab. Die Hausseelsorge durch den Pfarr-vikar war voraufgegangen, so daß eine 99%tige Beteiligung erklärlich war. Die Mission war für die Gemeinde ein gewaltiges Erlebnis, der Herr Missionar war ganz in seinem Elemente. 75 Jungfrauen und Jungmänner nahmen an der Jugendfeier teil. Die Massensuggestion ließ nichts zu wünschen übrig und doch war der sittliche Erfolg der Mission – menschlich beurteilt – gleich Null! – Die Diskrepanz von Religion und Leben ist gegen-wärtig zu stark, so daß selbst die beste Mission keinen seelischen

 

[S. 93] Ausgleich zwischen beiden herbeizuführen imstande ist. Der nicht zu unterschätzende greifbare Erfolg war eine neue Konzentration der Kräfte, die bei der Gemeinderatswahl zum Ausdruck kam: 136 Zentrums-stimmen. Die Dampfheizung hatte sich in den kalten Tagen der Mission glänzend bewährt.

Eine Spielgruppe aus Gröningen brachte das Oberammergauer Passions-spiel im Ratskeller zur Aufführung. Die monatlichen Haussammlungen wurden im neuen Etatsjahre durch das Kirchgeld abgelöst einstweilen noch ohne die Zuhilfenahme des Finanzamtes. Die Weihnachtsfeier am 26. Dezember  im Ratskeller erfreute sich eines so starken Besuches, daß viele Leute wegen Überfüllung des Saales umzudrehen genötigt waren.

1932 Dieses Jahr des Herrn wurde für den Jungmänner- und D.J.K. Verband das sogenannte Sturmjahr. Ende März hatten die eifrigen Sportler Groß-alslebens den neuen Sportplatz

 

[S. 94] fertiggestellt, der dann feierlich seiner Bestimmung übergeben wurde. Unsere D.J.K. Abteilung weist einschl. der Schüler drei Handball-mannschaften auf, die manches gut disziplinierte Spiel durchführen. Am Reichstreffen in Dortmund nahmen von hier 7 Mann teil, denen der ehemalige Pfarrer Stolte für angenehmes Quartier z.T. im eigenen Hause gesorgt hatte. Der geistlichen Stärkung  der Jugend im Sturmjahr trug ein Einkehrtag am 27. November Rechnung, den Pfarrer Ignatius Benthans

aus Kleinoschersleben als dztg. Bezirkspräses abhielt.

30 Mitglieder vom D.J.K. u. Jungmännerverein nahmen daran teil. Zum offiziellen Kirchgeldsammler wurde das Pfarrkind Hermann Müller ernannt. Lehrerin Cäcilia Lins übernahm die Vertretung am 15/XI bis 15/XII.

1933 Das Jahr der Nationalen Erhebung , die mit dem überwältigenden Wahlsiege  der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei einsetzte. Am 5. März wurde Adolf Hitler der gefeierte Mann des Tages. Möge es ihm gelin-

 

[S. 95] gen, seine vielen richtigen Versprechen zu verwirklichen! Sonst wehe unserem Vaterlande! Die Zentrumspartei blieb sich unter der alt-bewährten Führung durch das Pfarrkind Josef Schmidt treu, indem sie von 143 auf 153 Stimmen erstarkte. Die zum freiwilligen Arbeitsdienste ausge-zogenen Jungmannen [nach Staumühle im Sennelager] kamen vorzeitig retour. Am längsten und auch durch die Kälteperiode hindurch hielt  Hermann Schmidt aus. Am 19. Februar leitete Pfarrvikar Holzem(?) aus Osterwieck den Einkehrtag der Jungfrauen. Zu Ostern wurden 2 Kinder aus der Schule entlassen u. 6 Kinder wurden neu aufgenommen. Die Zahl der Schulkinder beträgt 58.

1933 Am 24.4. erhielt ich die Nachricht von meiner Anstellung in Großalsleben. Obschon meine Heimat rund 250 km westlich von hier liegt, gelangte die Nachricht von meiner Ernennung durch eine Zeitungsnotiz vorschnell nach hier. Der Entsprechung der Zeitungsnotiz, die ein Fräulein aus der Gemeinde, die in Lippstadt in Stellung war, nach hier vermittelt hatte, opferte der Chor sogar ein Übungsstück.

 

[S. 96] Gleich zu Anfang konnte ich Zeuge sein der rührenden Anhänglich-keit der Pfarrkinder an meinen Vorgänger. Wenn die Schäfchen auch ihren Hirten nicht ziehen lassen wollten, so mußten sie sich doch bald um-gewöhnen. Nach einigen ruhigen ersten Wochen kam der unglückliche

  1. Juli, der unser Vereinsleben lahmzulegen drohte. In Anhalt war die Verordnung über Schließung der kath. Vereine auf dem Verwaltungswege erledigt, sodaß bei uns erst am 5. Juli diese Verordnung zur Anwendung gebracht wurde. Der Bürgermeister hatte wohl das Vermögen der Vereine (Jungmännerverein) beschlagnahmt. Es war aber alles am alten Platze geblieben. So wußte niemand, und der Bürgermeister erst recht nicht, was eigentlich beschlagnahmt war. Die verhängnisvollen Tage stellen unseren Vereinsmitgliedern ein herrliches Zeugnis aus. Denn obwohl die DT in unfeiner Weise unsere Sportler zu gewinnen suchte, ist keiner unserer Fahne untreu geworden. Die Geschlossenheit und Disziplin beweist wohl am besten die Tatsache, daß wir trotz aller Schwierigkeiten am 10. Sept. ein kreisoffenes Bezirkssportfest abhalten konnten. Die Beteiligung war gewaltig. Der Festzug zählte 300 Teilnehmer. Die Ansprache des hoch-würdigen Herrn Pfarrvikars Carl Peters von Langenweddingen zündete offenbar

 

[S. 97] in den Herzen der Jungen. Im Winter hielten wir unseren Pfarr-familienabend in der Schule und einmal im Gasthof Wenger ab. Sehr schönen Anklang fand auch die Schulentlassungsfeier, bei der die ganz kleinen Leute auf der Bühne wirkten und zugleich die DJK einige mit großem Beifall aufgenommene Proben ihres Könnens zeigten. Aus der

Schule entließen wir 8 Jungen, was einen herben Schlag für die Schule bedeutete. Die Zahl der abgehenden Kinder wurde durch die Neu-aufnahmen gedeckt, jedoch dürfte es noch lange Arbeit kosten, bis die Schule ihren früheren Stand erreicht hat.

 

[S. 98] Das Jahr 1934 wird der ganzen Gemeinde in treuer Erinnerung bleiben. Denn am 26.V., am 2. letzten Samstag vor Pfingsten weilte unser hochwürdigster Herr Erzbischof in unserer Mitte. Er hat 46 Firmlingen das hl. Sakrament gespendet. Mit großem Eifer nahm die ganze Gemeinde an den Vorbereitungen, und erst recht am Feste selbst teil. Es verdient auch Anerkennung, daß die Firma Giesecke allen Arbeitern für die Feier Urlaub gab und zudem uns mehrere Lorbeerbäume zum Schmuck des Gotteshauses von Oschersleben gratis holte und ebenso wieder fortschaffte. Möge der Heilige Geist, der auf das Gebet des Oberhirten auf uns herabkam, zum Segen der Gemeinde bei uns wirken können.

Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes ließ häufig viel zu wünschen, besonders übel stand es da mit den sogenannten Kartoffelsonntagen. Im November hielt uns Herr Pfarrvikar Schulte aus

 

[S. 99] Wanzleben eine religiöse Woche als Vorbereitung für die Sühne-anbetung in der Nacht vom 9. zum 10. November. Durch freundliche Mitwirkung des Vertreter in Meyendorf konnten wir die Feier mit  einem Levitenamt schließen. Der Besuch der religiösen Woche (es waren nicht ganz 8 Tage) konnte besser sein. Immerhin erhielt die Gemeinde neue Anregungen.

1935

Das Kernproblem der Seelsorge, die öftere hl. Kommunion, läßt sich in der Gemeinde auf dem Wege über unseren üblichen Termin nicht lösen. Es sind Jungen in der Jugendkraft jahrelang, die keine ihre Ostern halten.

Wir versuchten, diese Aufgabe von einer andern Seite her zu lösen. Im Februar gründeten wir unsere Marienschar. 17 schulpflichtige Mädchen ließen sich aufnehmen. Am Abend der Aufnahme fand eine Familienfeier statt. Die Kinder nahmen die Anregungen recht gut auf. Vor allem wurden  sie

 

[S. 100] immer wieder zur häufigen Kommunion angeleitet. Das Beispiel wirkte auch bei manchen Erwachsenen. Mögen diese Kinder auch nach der Schulentlassung ihren Idealen treu bleiben. Dann wäre viel gewonnen. Im Herbst fand eine religiöse Familienwoche statt. Sie dauerte von Sonntag abend bis zum nächsten Sonntag. In der letzten Nacht von Samstag auf Sonntag war wieder die Sühneanbetung. Die Predigten hielt der Franziskanerpater Linus aus Halberstadt. Wir zählten des Werktags 50-64 hl. Kommunionen. Im ganzen November waren es 906 Kommunionen. Sicher ein Ergebnis, das zufrieden stellen konnte. Am 2. Weihnachtstag hielten wir unsere Anbetung. Wegen des Feiertages konnte sie natürlich nicht so feierlich stattfinden als jene im November. Pfarrfamilienabende und Theaterveranstaltungen konnten wir von jetzt an in unserer Schule durchführen, da wir die Trennungswand zwischen Schule und Turnsaal durch eine doppelte, leicht entfernbare Holz-

 

[S. 101] wand ersetzt hatten.

1936    Die großen Hoffnungen, die wir auf unseren Vereinschor gesetzt hatten, haben sich leider nur in bescheidenem Maße erfüllt. Zumal die Mädchen, die der Schule entlassen sind, fallen zu leicht in religiöser Hinsicht der neuen Umgebung zum Opfer. Bittere Vorwürfe kann man in den meisten Fällen dem Elternhause nicht ersparen.

Ein Erlebnis, das hoffentlich noch recht lange nachwirkt, war für die Erzdiözese, aber auch für unsere Gemeinde das 1100 jährige Jubiläum des heiligen Liborius. Es beteiligten sich rund ein dutzend Gemeindemitglieder und etliche Saisonarbeiterinnen aus Crottorf an der Pilgerfahrt. Zur Ein-führung war den Teilnehmern ein Lichtbildvortrag über Paderborn gehalten, in dem sie auf so manche Sehenswürdigkeiten

 

[S. 102] aufmerksam gemacht wurden.

Die Mitglieder der Wallfahrt waren von diesem religiösen Massenerlebnis ganz begeistert.

Im Herbst hielt uns wieder ein Franziskanerpater eine religiöse Woche zur Vorbereitung für die Sühneanbetung. Die Beteiligung konnte bei den Predigten besser sein, die Anbetung nahm einen schönen Verlauf. Den Abschluß bildete wieder ein feierliches Levitenamt.

Das Jahr 1937 brachte uns den Wechsel der Lehrkraft. Da schon mehrere Lehrkräfte aus dem Jahrgang von Frl. Rodemeier eingerufen waren, hatte vorsorglich Frau Ida Senft begonnen, sich einige Kenntnisse und Fertigkeiten im Orgelspiel anzueignen. Nach Ostern hatten wir gerade eine Woche Schule gehalten, da wurde Fräulein Rodemeier am 18.IV. abgerufen zu einer Vertretung nach Paderborn.

 

[S. 103] Ich bin noch am selben Tage nach Paderborn gefahren, um eine Nachfolgerin zu besorgen. Durch Vermittlung des Bonifatiusvereins  konnte ich mit Frl. Gübel ein Übereinkommen treffen. Frl. Gübel war gerade an der Mittelschule in Brilon tätig. Die Schwestern gaben sie gütiger Weise sofort frei, sodaß sie bereits  nach 2 Tagen hier ankam. Es war das am Dienstag (20.IV.). Am Donnerstag fuhren wir beide zum Schulrat, um die Angelegenheit zu regeln. Die Sache war aber umständlicher als mancher gedacht hatte. Vor allem war eine Unterrichtserlaubnis ohne Nachweis der arischen Abstammung nicht möglich. Herr Schulrat Pfaffenberg bat mich,

2 Religionsstunden täglich zu geben und alsbald mit Dessau die Angelegen-heit zu regeln. Am Freitag rief ich den Regierungsrat an. Ich erklärte, am Montag würden alle Papiere in seiner Hand sein. Aber das reichte nicht.  Samstag dürfe ich unterrichten, am Montag mußten die Kinder die prot. Schule besuchen. Nun gelang es mir aber, alle fehlenden Papiere für Frl. Gübel bis Samstag zu besorgen, mein Nachbar aus Schwanebeck fuhr

 

[S. 104] uns nach Dessau zur Regierung. Um ¾ 12 legten wir dem Regierungsrat alle Papiere vor. Er war sehr überrascht und mußte dann die Erlaubnis zum Unterrichten geben. Am Sonntag erhielt ich dann vom evgl. Hauptlehrer Mitteilung, daß nach Anordnung der Schulaufsicht unsere Kinder am Montag die evangelische Schule zu besuchen hätten. Ich konnte ihm aber schon mitteilen, daß diese Anordnung durch Verfügung der Regierung überholt sei. Nun machte sich Frl. Gübel an die gewiß nicht leichte Aufgabe. Sie war eben Mittelschullehrerin und mußte nun eine 1klassige Schule übernehmen.

Ich kann diesen Abschnitt nicht schließen, ohne Frl. Rodemeier ein ganz herzliches Wort des Dankes zu widmen. Sie hat in 7jähriger treuer zäher Arbeit unsere Schule geleitet. Die Schule war erstklassig in ihren Leistungen. Freilich muß berücksichtigt werden, daß bei vielen Kindern der Versuch, ihnen Rechtschreibung beizubringen, einfach aussichtlos war.

 

[S. 105] Daß die Kinder, aber auch die Erwachsenen Frl. Rodemeier, die in Schulfragen unbedingt unnachgiebig und streng war, sehr zugetan waren, sah man, als Frl. Rodemeier Fronleichnam uns besuchte, um den Chor zu leiten. Zum religiösen Leben der Gemeinde ist zu sagen, daß wir die gemeinschaftliche Kommunion der Kinder auf den Herz Jesu Freitag legten. Es hat sich bewährt. Unsere Kirche ist ja dem Herzen Jesu geweiht. Der Besuch der Sonntagsmesse ließ viel zu wünschen. Es ist das viel Dummheit, Schwachheit und leider Gottes eine grobe Leichtfertigkeit. Eine der traurigen Folgen der Mischehe!

Unserer Sühneanbetungsnacht ging wieder eine religiöse Woche voraus. Die Beteiligung bei den Predigten konnte besser sein. Für die Beteiligung an der Nacht verdient die Gemeinde ein schönes Lob.

 

[S. 106] Das Jahr 1938 brachte gleich erste Anzeichen eines bevor-stehenden Schulkampfes. Im Januar 1938 schrieb der Schulrat: Da es kaum noch verantwortet werden kann, daß an Ostern mit ausgebauten staatlichen Systemen kleine Schulen bestehen, die mit den Leistungen der staatlichen Schulen kaum Schritt halten können, wünscht die Regierung festzustellen, ob die Oberstufe der dortigen Schule in die weiter ausgebaute Schule überführt werden kann. Es folgte dann noch eine Anweisung an die Lehrperson, daß sie wegen der bevorstehenden Änderung mit den Eltern und dem Leiter der staatlichen Gemeinschaftsschule zu verhandeln habe.  Während alle Schulen  in Anhalt Ostern 1938 schließen mußten, konnten wir, da in der prot. Schule kein Raum war, unsere Schule noch halten. Bei seinem Besuch im Januar erklärte der Schulrat den Kindern, daß sie die andere Schule besuchen könnten, wenn sie wollten. Gegen Ende des Jahres wurden die Anzeichen immer deutlicher, daß wir

 

[S. 107] Ostern 1939 unsere Schule schließen müßten. Für die religiöse Beeinflussung der Kinder war es von großer Wichtigkeit, daß wir unsere Schule in diesem Jahr halten konnten. Denn zum Unglück war der 8. Jahrgang im Besuch der Werktagsmesse und manchmal auch der Sonntagsmesse wenig vorbildlich. Die kommenden Jahrgänge sind durchweg besser. Die Kinder blieben ihrer Gewohnheit, am Herz Jesu Freitag zur Kommunion zu gehen, treu. Es scheint, daß hier und da die Mütter ihrem Beispiel folgen wollten. Für die religiöse Betreuung vor allem der Jugend zeigte sich mehr und mehr die zwingende Notwendigkeit, monatlich an einem besonderen Feste oder dergleichen anzuknüpfen, um so immer wieder die Kinder bei (der) Ehrgefühl zu packen. Es fehlt eben das Erbe einer jahrhundertalten Tradition. Mißerfolge bleiben nicht aus. Aber es gibt auch Lichtblicke, die beide zusammen

 

[S. 108] dem Priester mehr und mehr mit der Gemeinde verknüpfen.

            – Visitation –

Mit innigem Dank gegen den Herrgott gedenkt die Gemeinde des Gnaden-tages, daß unsere Jugend im Jahre 1939 durch Bischofs Hände zu Streitern Christi wurden. Heute noch erzählt die Gemeinde gern von der Firmung 1934 durch den hochwürdigsten Herrn Erzbischof. Da die hiesige Gemein-schaftsschule nur protestantische Lehrkräfte hatte, sah sich die Regierung 4 Wochen nach Schulbeginn dem Pfarrvikar die einstweilige Erteilung des Religionsunterrichtes zu übertragen. Das blieb so bis Oktober 1939, wo Frl. Biggen, eine kath. Lehrerin nach hier kam. Die Kinder erhielten zwar je Klasse 4 Stunden, hernach 2 Stunden Unterricht in der Schule und

2 Stunden pfarramtlichen Unterricht.

Das Jahr 1939 brachte den großen Krieg. Und mit dem Kriege viele Saar-rückwanderer nach Sachsen.

 

[S. 109] Auch Großalsleben war aufgefordert, Saarrückwanderer aufzunehmen. Es sind aber keine nach hier gekommen. Crottorf zählte rund 100 Saarkatholiken, Hordorf ebenfalls, in Kleinalsleben waren in der ganzen Zeit 2 Familien, die verwandt waren und 1 allein stehendes Fräulein. Für kurze Zeit waren 15 Personen dort. Es wurde von Trier für Crottorf und Hordorf zusammen ein Geistlicher geschickt mit dem Wohnsitz Oschersleben (Kath. Waisenhaus). Der erste Gottesdienst war am 13.X.39 in Crottorf in der evangelischen Kirche, in Hordorf in einem Wirtshaussaal. Die Kinder hatten frei Fronleichnam und Peter und Paul.

Im Winter brach eine seit Jahren nicht erlebte Kälte über uns herein. Das Erdreich war 1 m gefroren. Als Tauwetter eintrat, traten große Über-schwemmungen ein. In allen Kellern stand Grundwasser. Im Heizungs-keller war der Wasserstand 0,50 m und oft noch höher. Kein Leerpumpen half, am andern Tage war die alte Bescherung wieder da. Das Wasser von der Heizung war abgelassen, trotzdem

 

[S. 110] waren die Rohre an mehreren Stellen geplatzt. Weihnachten hatten wir noch eine warme Kirche, dann brach die Not herein.

            Das Jahr 1940 ließ monatelang noch die grimmige Kälte herrschen. Im Januar mußte ich zum Pfarrexamen , als ich zurückkam, war die Haus-heizung entzwei, der Kessel im Keller ebenfalls beschädigt. Am 15. Januar gab ich die Heizung in Reparatur, die Hausheizung war am 30.X. wieder gebrauchsfertig, die Kirchenheizung am 23.XII. Die Anbetungsnacht wurde in diesem Jahre etwas verändert. Pater Viktor bereitete 8 Tage lang die Gemeinde vor, die Anbetung selbst fand am 10.XI. (Sonntag) von 9-12 Uhr statt. Um 10 Uhr war Levitenamt.

Da unsere Truppen an allen Fronten siegreich waren, konnten die Saar-leute im Oktober zurückkehren. In Crottorf fand der letzte Gottesdienst am 6.X.40 statt, in Hordorf am 1.IX.40. Möge nunmehr bald Friede werden.

 

[S. 111] An kirchlichen Feiertagen gab es kein schulfrei mehr, wohl konnten alle Kinder die hl. Messe besuchen. Die äußere Fronleichnamsfeier fand am folgenden Sonntag statt, leider, es ging nicht anders, ohne Musik.

 

Das Jahr 1941 brachte der Erzdiözese einen überaus schmerzlichen Verlust. Am 26. Januar, mittags ½ 12 Uhr wurde unser unvergeßlicher Oberhirte, der hochwürdigste Herr Erzbischof Dr. Caspar Klein , von dem allmächtigen Gott in ein besseres Jenseits abberufen. Seit dem 30. April 1920 war ihm die Hirtensorge für die vielen Katholiken in der weiten Diözese des heiligen Liborius anvertraut. Am 26.V.1934 weilte der verstorbene Oberhirte in unserer Gemeinde, um das hl. Sakrament der Firmung zu spenden. Die Teilnahme der Gemeinde war über alles Erwarten groß. Der Erzbischof selbst bedankte sich nochmals am folgenden Tage, als ich ihn bei der Firmung in Kleinoschersleben wieder

 

[S. 112] traf, für die Feier in Großalsleben. Zur Erinnerung an diese Feier dienen die beigefügten Aufnahmen.

                   1   Ein Erwartung!                  2   Der Erzbischof ist gerade

                                                                                   eingetroffen!

                   3   Begrüßungsansprache an den Oberhirten!

 

[S. 113]          

            1       Begrüßungsansprache!    2       Der Erzbischof verläßt

                                                                       die Kirche nach d. Firmung!

            3 + 4      Nach rechts und links ein gutes Wort des Oberhirten!

[S. 114]           Unsere Kleinen führen die Prozession an!

[S. 115] Am 29. Mai wählte das Metropolitankapitel den Divisionspfarrer Lorenz Jaeger zum Erzbischof. Die Wahl wurde von Heiligen Stuhl bestätigt. Die Weihe fand statt am 19.X. durch den apostolischen Nuntius in Paderborn. Die Regierung übernahm der neue Erzbischof am 17.X.41. Der neue Erzbischof ist ein Kind der Diaspora. Er stammt aus Halle an der Saale. Seine frühe Jugendzeit und die erste hl. Kommunion erlebte er im nahen Oschersleben. Wir grüßen ihn aufs herzlichste. Ad multos annos!

 

[S. 116] Für unsere Gemeinde ist dann das Jahr 1941 von entscheidender Bedeutung. Die Gemeinde wurde durch Erlaß des Kapitularvikariats aus dem Dekanat Dessau entlassen und dem Dekanat Oschersleben zugewiesen. Ich danke an dieser Stelle bei unserem Scheiden nochmals dem Dechant von Dessau, Alois Kroll, für seine treue, allezeit einsatz-bereite Sorge für Großalsleben, das am weitesten vom Dechant entfernt lag. Ich weiß aber auch, daß die Gemeinde im neuen Verbande herzlich willkommen ist. Denn tatsächlich war der Anschluß an das Dekanat Oschersleben längst praktisch Wirklichkeit geworden. Was unverändert geblieben ist, das ist die Pflicht der Gemeinde Koethen das Gehalt des Pfarrvikars von Großalsleben zu zahlen.

 

[S. 117] Am 24. März 1942 wurde unsere größte Glocke im Gerüst von 10 Zentnern abgenommen. Sie trug folgende Inschrift:

            „Herz Jesu, du Hoffnung derer, die in dir

            sterben, erbarme dich unser.

            Gott verkünd ich die Ehre,

            den Lebenden den Frieden,

            den Toten die Ruhe.

                        1922

            Gott lohn’s dem edlen Spender Ernst

            Giesecke mitsamt den andern Wohltätern.“

Die kleinere Glocke im Gerüst von 6 Zentnern wurde uns zur weiteren Benutzung überlassen. Bei derselben Gelegenheit wurden in der evange-lischen Kirche 2 Glocken abgenommen. Die dort nun noch im Turm hängt, ist im Jahre 1463 gegossen, sie durfte eine der wenigen Erinnerungsstücke sein an die vorreformatorische Zeit in Großalsleben. Die jetzige evange-lische Kirche wurde 1885 erbaut dort, wo die wohl

 

[S. 118] baufällige ehemals katholische Kirche gestanden hatte. Unsere Sühneanbetung im November hielten wir nach alter Gewohnheit. Herr Pfarrer Kretschmar Oschersleben hielt uns die vorbereitenden Predigten. Die Anbetung selbst hielten wir am Sonntag, den 15.XI. von 7-12 Uhr.

Um 10 Uhr war feierliches Levitenamt. Im Winter fing ich an, jedesmal am 1. Sonntag im Monat die Frühmesse für die Soldaten der Gemeinde zu halten. Es hat sich das gut bewährt. Viele Leute waren in den letzten Jahren ernster geworden. Auch die Beteiligung an der Kommunion war in diesen Messen gut, jedenfalls für sächsische Verhältnisse.

 

1943

Das Jahr 1943 brachte mir die letzten Monate meiner Wirksamkeit in Groß-alsleben. Am 6. Januar hielten wir abends ½ 8 feierliches Hochamt. [Dasselbe gilt auch für die andern im Kriege aufgehobenen Feiertage.] Die Woche um Wiedervereinigung im Glauben fand wie alljährlich guten Anklang in der Gemeinde. In den ersten 4 Monaten zählten wir 2500 Kommunionen. Was Großalsleben braucht, ist ein Priester, der mit

 

[S. 119] viel Liebe und Geduld seine Schäflein betreut, der sich durch keinen Mißerfolg entmutigen läßt, der nicht im ersten Augenblick einen Erfolg erwartet, sondern auf lange Sicht zu arbeiten versteht, der um keinen Preis weder durch Wort noch Gebärde die Leute fühlen läßt, daß sie einfache Menschen sind, die durch ihrer Hände Arbeit sich das tägliche Brot verdienen müssen, der mit viel Optimismus an seine Arbeit geht und dessen Haushalt einer lebensfrohen Haushälterin anvertraut ist.

Heute, am 2. Mai 1943 habe ich mich von der Gemeinde verabschiedet. Der Abschied  fällt mir schwer. Aber ich weiß, daß die Gemeinde in den Händen meines Nachfolgers gut aufgehoben ist. Möge er in seiner Arbeit viel Freude erleben. Ihm und der Gemeinde ein herzliches Glückauf!

                                               Großalsleben, am 2. Mai 1943 H. Temme

 

[S. 120]           Bild: Modell zur neuen Herz Jesu Figur

Am Sonntag vom Guten Hirten wurde Herr Pfarrer Temme in sein neues Amt als Pfarrer in Adersleben eingeführt. Diese Feier, an der sich die Gemeinde sehr gut beteiligte, erlebte ich noch mit. Dann war meine ½ jährige Pfarrverweserzeit in Adersleben vorbei. Mit dem Vertrauen auf Gottes Hilfe fing ich darauf an der neuen Stelle an. Das neue Amt soll mir eine heilige Aufgabe sein. „Ministerium tuum imple,

                                               ques fac evangelistae!“

Ich war froh, daß ich die Verhältnisse der Diaspora schon etwas kennen gelernt hatte. Mehr als in rein kath. Umgebung muß man hier ja um den einzelnen besorgt sein. Es fehlt hier die „katholische Atmosphäre“. Um so tiefer muß der Glaube in der Seele verwurzelt sein, wenn er nicht verdorren soll.

Zu den Hauptaufgaben gehört die Unterweisung der Jugend in den Glaubenslehren. Da der Religionsunterricht in der Schule  für die Ober-klassen aber ganz ausgefallen ist, wurden viel Sonntagsstunden „gehalten“, daß jedes Kind 3 mal wöchentlich „Religion“ hatte.

 

[S. 121] Die 2 Wochenstunden in der Schule des Herrn Lehrer Ponmann(?) in Crottorf behielt ich bei. Die Kinder von Kleinalsleben kommen nach hier zum Unterricht.

Der Sommer war sehr regenarm. Die Kinder mußten klassenweise bei den Feldarbeiten helfen. Der Krieg machte sich in diesem Jahre auch für die Heimat schlimmer bemerkbar. Die Feindflieger griffen immer mehr deutsche Städte auch in Mitteldeutschland an. An einem schönen August-tag wurden auf die AGO-Werke in Oschersleben Bomben geworfen. Voll Angst warteten hier hunderte von Menschen auf ihre Angehörigen, die in der betroffenen Flugzeugfabrik arbeiteten. Ein evangelischer Mann aus Großalsleben war ein Opfer dieses Angriffes geworden. Bald darauf wurde eine Flak-Einheit nach hier verlegt. Ihre schweren Geschütze standen an der Straße nach Kleinalsleben in Feuerstellung. Die Leute bauten sich zum Teil, da Luftschutzkeller fehlen, Schutzgräben.

In unserem Turnsaal haben die Flaksoldaten eine Werkstatt eingerichtet. Nach nächtlichem Alarm mußte die hl. Messe einigemal auf den Abend verlegt werden. Auch das Hochamt wurde 2 mal gestört durch Alarm.

Im religiösen Leben der Gemeinde traten besonders hervor das Fronleichnamsfest und der Tag der Sühneanbetung im November. Die Fronleichnamsprozession ging wie gewöhnlich durch den Garten. Die zwei Altäre, die dort aufgebaut waren, wurden je zweimal benutzt. Der Weg und die Stationen

 

[S. 122] waren von Männern und Frauen der Gemeinde mit Eifer geschmückt. Auf den Sühnetag im November bereitete ein Franziskaner aus Halberstadt die Gemeinde durch Predigten vor. Das Ziel war, Christus als den Lehrer des Lebens den Gläubigen zu zeigen.

Zum Weihnachtstage wurde auch der Frühgottesdienst noch einmal feierlich eingeläutet. Dann wurde das für das übrige Reich schon längst gültige Verbot auch hier verkündigt. In der Zeit von 6 Uhr abends bis 8 Uhr morgens muß unsere Glocke nun schweigen. Möge der Herr aber durch den Ruf der Zeit, der stärker ist als Glockenklang, viele aus der Gleichgültig-keit zu sich in seinen Dienst, in sein Reich rufen.

                                                           Großalsleben, 31.12.1943

                                                           Brinkmöller, Pfarrvikar

 

 

 

Unter dem Bild:                                             Statistik.

Schul-Neulinge 1943                                      9 Taufen (5 davon

                                                                       Einheimische) 2 Kinder wurden                                                                   in Oschersl. getauft

Renate Jokel, Gisela Kanngiesser,                 1 Trauung

Helga Grosse, Gisela Grosse,                         9 Todesfälle (davon 4 Soldaten)

Willy Montag, Hubert Bornstein,                  5752 hl. Kommunionen

Günther Anhalt, Günther Prill

 

[S. 123] (lateinischer Text)

                                   + 1944 +

Wieder ein Kriegsjahr. Der Luftkrieg nimmt immer schlimmere Formen an. In manchen Wochen haben wir fast jeden Tag und jede Nacht Alarm. Die Werktagsmesse und an Sonntagen die Frühmesse wurden auf den Abend verlegt. Dadurch geht die Häufigkeit der hl. Kommunion zurück. Oschersleben hat 5 Luftangriffe auszuhalten. 11. Januar/20. Febr./

11.Apr./30.Mai/29.Juni

Zwei davon treffen z.T. das Stadtgebiet und richten schwere Verwüstungen an. Die übrigen haben nur das große Werkgelände zum Ziel. Weil die Arbeiter dieses rechtzeitig verlassen haben, ist die Zahl der Toten dabei sehr gering.

Wegen der Gefährdung wurden die Bewohner der Großstädte, soweit sie keine dienstlichen Verpflichtungen haben, evakuiert, d.h. auf dem Lande in Sicherheit gebracht.

Mitte Februar kommen nach Großalsleben viele Magdeburger Familien. Katholische sind allerdings kaum darunter. Auch im Pfarrhaus wird eine Familie untergebracht. (Im Empfangszimmer und dem anschließenden Schlafzimmer.)

 

[S. 124] Sieben Kinder, 3 Jungen und 4 Mädchen nehmen an der kirchlichen Feier der Schulentlassung teil.

Alle 14 Tage ist ein Heimabend für die schulentlassene Jugend. Es kommen allerdings nur die Jungen und Mädchen aus den Familie, die auch sonst eifrig sind.

Zur 1. hl. Kommunion gehen 10 Kinder, eine hohe Zahl  für unsere Gemeinde. Es sind auch 2 aus Kleinalsleben und 2 aus Crottorf dabei. Das kommt nicht alle Jahre vor.

Am 21. Mai kommt der hochwürdigste Herr Weihbischof Aug. Baumann zur Spendung der hl. Firmung. Trotz des häufigen Alarms ist die Firmungs-reise durch unser Dekanat ohne größere Störungen verlaufen.

Von Oschersleben kommend traf unser Weihbischof um 5 Uhr am Sonntag Nachmittag hier ein. Einige Frauen vom früheren Kirchenchor sangen von der Orgel das: „Ecce sacerdos“. 37 Firmlingen legte der Bischof die Hände auf, um sie zu stärken für den Kampf des Glaubens. Nachdem es bis Anfang Mai noch sehr kalt gewesen ist, herrscht jetzt schon eine sommerliche Wärme. Im Gewitterregen fährt der Weihbischof gegen ½ 8 Uhr nach Oschersleben zurück.

Nebenstehende Bilder mögen den Empfang des Hw. Herrn anschaulich

machen.

 

[S. 127] Der Monat Juni bringt sehr viel Gewitterregen. Zum Fronleich-namstage sind die Gartenwege so aufgeweicht, daß die Prozession nicht den gewohnten Weg ziehen kann. Deshalb bauen wir in der Kirche an der Tür zum Turnsaal einen Altar, und die Prozession spielt sich in der Kirche ab.

Den ganzen Sommer hindurch müssen die Religionsstunden oft wegen Fliegeralarm ausfallen.

Kurz nach Ostern sind die Flaksoldaten von hier zum Westen abgerückt. Im Turnsaal und dem Schulraum richtet die N.S. Volkswohlfahrt einen Kinder-garten ein. Im Mietvertrag  ist festgelegt, daß der Gottesdienst auf keinen Fall gestört werden darf.

Anfang Juni sind die Westmächte mit Truppen auf dem Festland gelandet. Anfang Oktober haben sie die deutsche Grenze erreicht. Es kommen zahl-reiche Flüchtlinge vom Niederrhein nach hier. In Crottorf wird für dieselben jeden Sonntag Nachmittag 4 Uhr eine hl. Messe gefeiert. Die evangelische Gemeinde hat ihre Kirche in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt.

 

[S. 128] Am 12. Nov. wird der Sühnetag begangen. Da im vorigen Jahr die Abendpredigten des Triduum schon durch Alarm gestört wurden und die Aussichten in diesem Jahr noch schlechter sind wird das Triduum nicht gehalten. Allerdings kommt ein Pater aus Halberstadt und hält die Sonntagspredigten. Er sprach von der Liebe und Treue, die wir Christus im allerheiligsten Altarssakrament entgegenbringen müssen.

Vor Weihnachten schon bricht winterliche Kälte ein. Das Thermometer sinkt auf -12°. Wir sind froh, daß wir an Sonn- und Feiertagen die Kirche noch heizen können. Ob es im nächsten Winter auch möglich ist, ist sehr fraglich. Bei der großen Kohlenknappheit müssen viele Kirchen kalt bleiben. Selbst Schulen haben z.T. geschlossen oder machen lange Winterferien.

Die Zahl der Gefallenen ist in diesen Jahren nicht so hoch wie im vorher(genden). Dafür sind es um so mehr die „vermißt“ sind. Manchmal bekommen die Angehörigen ein Lebenszeichen aus der Gefangenschaft. Oft bleibt ihnen aber auch nur ein banges Warten. Die Männer müssen noch mehr als früher arbeiten. Etliche müssen auch noch zu den Waffen. Fast alle die noch zu Hause bleiben, haben sonntags militärische Übung beim „Volkssturm“.

 

[S. 129] Möge der Herr nach all den Leiden des Krieges der Welt den Frieden wiederschenken. Mögen vor allem aber jetzt schon alle Menschen den wahren Frieden mit Gott suchen und finden.

                                                           Großalsleben, 31.12.1944

                                                                       Brinkmöller, Pfarrvikar

 

                                   + 1945 +

Zum Jahresbeginn lasten die Kriegsereignisse schwer auf den Gemütern. Fast jeden Tag und jede Nacht sind deutsche Städte und Industrie-Anlagen das Ziel feindlicher Luftangriffe. In der Nacht zum 16.1. wird die Innenstadt von Magdeburg in Trümmer gelegt. Der Feuerschein erleuchtet weithin das Land. Ein abgeschossenes Flugzeug stürzt nahe der Hordorfer Bodebrücke brennend zu Boden. Im Westen toben die Kämpfe schon im Rheinland zwischen Aachen und Köln. Ein Vorstoß der Deutschen aus der Eifel in belgisches Gebiet hinein war nur ein Augenblickserfolg, das retardierende

Moment vor der Endkatastrophe.

Noch räumt man große Städte von der Zivilbevölkerung. Hier kommen Leute aus Duisburg-Hamborn an. Sie werden in einzelnen Zimmern unter-gebracht. Es ist nicht viel was sie mitbringen konnten. Immerhin aber haben sie Wäsche und Hausrat mitbringen können.

Im Osten dringt der Russe mächtig vor. Jetzt

 

[S. 130] im Januar wird schon in Ost- und Westpreußen gekämpft. Unauf-haltsam scheint die Offensive. Der deutschen Gegenwehr gelingt es an einigen Stellen sie doch zu hemmen. Aber das ist immer nur für ein paar Wochen.

Schlimm ist in dieser Zeit das Flüchtlingselend. Bei grausiger Kälte (10-15 minus) machen sich die Menschen der kriegsbedrohten Gebiete auf den Weg zum Westen. Der Tod ist der Begleiter dieser Trecks. An Hunger, Kälte und Erschöpfung gehen viele zugrunde.

Manche sind nicht geflüchtet. Aber auch für sie brachte der Einbruch fremder Truppenmassen bitteres Leid (Erschießung, Deportierung, Vergewaltigung). In unserer Gemeinde blieben nur vereinzelte Flüchtlings-familien.

Im März überschreiten die Amerikaner den Rhein, die Russen stehen fast überall an der Oder. Ostern hört man durchs Radio von Kämpfen um Paderborn und Warburg.

Unser Erzbischof hat für den Fall, daß ein Teil der Diözese von der Verbindung mit der Hauptstadt abgeschnitten wird, dem Kommissariat Magdeburg Selbständigkeit in der Verwaltung gegeben.

Werden wir den Weißensonntag noch ungestört feiern können? Das ist eine bange Frage. Aber trotzdem bereiten sich die Kinder mit Eifer vor. Und der Herrgott fügt es so, daß alles gut geht. Wegen der Alarmgefahr beginnt

 

[S. 131] die Erstkommunionmesse allerdings schon um 8 Uhr.

                                   Foto

Rainer von Leuven (aus Emmerich)

            Kurt Bockler, Karl Senft, Karlfritz Kohtz,

                                                           Georg Hundshagen

Lydia Freyberger (aus d. Saa[r]gebiet)

            Irmgard Wanders (aus Kleve)

                        Kurt Miseri (aus Leverkusen)

Ursula Blase, Irene Werner, Ursula Bruckhaus.

                        + Dieter Blase, tödlich  verunglückt 1945

Gegen Mittag des Weißensonntages erbebt hier die Erde von dem Angriff auf Halberstadt. Etliche hundert Bombenflugzeuge haben ihre Todeslast abgeworfen. Die Stadt geht in Rauch und Flammen auf. [08. April]

An den nächsten Tagen hörte man schon die Front von Westen her näher kommen. Alles ist in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollen.

Panzersperren werden überall an den Eingängen der Orte gebaut. Es heißt, der Volkssturm solle sie verteidigen. In den Nächten hört man immerfort Flugzeuge in der Luft. Am Dienstag Abend lassen gewaltige Explosionen die Häuser erbeben. Es sollen Sprengungen sein, die das zurückflutende deutsche Heer vornimmt. Oder besser gesagt nur kümmerliche

 

[S. 132] Reste eines Heeres sieht man hier. So kommt der Gegner schnell voran. Am 11. April ½ 2 Uhr heißt es, er steht schon nahe vor dem Ort. Ich öffne zum Schutz gegen Luftdruckschäden alle Fenster an Haus und Kirche. Dann zünde ich eine Kerze vor dem Bild der immerwährenden Hilfe an und empfehle der Gottesmutter unser Gotteshaus und die Gemeinde. Dann halte ich mich im Garten auf. Gegen 2 Uhr schwebt ein Aufklärungs-flugzeug langsam kreisend über dem Ort und schon hört man die schweren Panzer der Angriffsspitze(n) durch die Straßen rollen. Eigentliche Kämpfe gibt es hier nicht. Wohl fallen hier und da Schüsse. An der Straße nach Gröningen wurde ein Auto durch eine Panzergranate zerfetzt. Zwei deutsche Soldaten wurden getötet.

Ein Mann aus unserer Gemeinde, Herr Ziegenfuß, kam gerade mit dem Lastauto von Oschersleben. Der Wagen wurde ihm zerschossen. Er aber konnte sich durch Sprung in den Straßengraben retten.

Jeder ist froh, daß die Gefahr glücklich vorüber ist. Allerdings ist damit zu rechnen, daß die Nachkriegszeit auch noch manches Leid bringen wird.

Am ersten Abend müssen die Bewohner der Domäne  und des „Neubaus“ ihre Wohnungen räumen, weil amerikanische Soldaten darin Quartier nehmen.

Noch einige Wochen dauern die Kämpfe um den Harz und an der Elbe. Anfang Mai endlich kapituliert das deutsche Heer, nachdem Hitler spurlos verschwunden ist. Hätte man ein Jahr früher, als der Kampf für uns doch auch schon aussichtslos war, die Waffen gestreckt, so wäre dem deutschen Vaterlande und andern Ländern

 

[S. 133] viel Leid erspart geblieben. 

In der ersten Zeit nach dem Einmarsch der Alliierten haben wir Ausgeh-verbot von abends 8 bis morgens 7 Uhr. Allmählich wird es aber gelockert.

Post- und Eisenbahnverkehr sind nun für lange Zeit unterbrochen. Denn überall hat die deutsche Truppe Brücken gesprengt, Brücken die dem Leben des Volkes dienten.

Fast alle  Gemeinden unserer Diaspora bekamen die Hostien immer aus dem Westen geschickt. Das hört nun auf. Deshalb mache ich mit Erlaubnis des Kommandanten ein(e) Reise nach Paderborn. Auf ein Empfehlungs-schreiben hin wurde ich in amerikanischen Militärfahrzeugen bereitwillig mitgenommen. Unsere schöne Bischofsstadt an der Pader ist kaum wieder-zuerkennen. Von den Stadträndern abgesehen, sieht man kaum ein Haus, das unbeschädigt ist. Wie entstellt ist der Dom und das Priesterseminar.

Bei den Vinzentinerinnen in Paderborn und den Schwestern von der ewigen Anbetung in Driburg bekomme ich soviel Hostien, daß unser Dekanat für eine Zeit lang versorgt ist. Derweil wird in Oschersleben ein eigenes Backeisen mit elektrischer Heizung gebaut und in Betrieb genommen.

Während des Krieges ist die Zahl der ausländischen Zwangsarbeiter in Deutschland auf 12 Mill. angewachsen. Den Einmarsch der Alliierten begrüßten diese als ihre Befreiung. Sie brauchen nicht mehr zu arbeiten und erhalten doppelte Lebensmittelrationen. Manche von ihnen plündern einzeln oder in Banden. Hauptsächlich reißen

 

[S. 134] sie Fahrräder an sich. Hier am Ort benahmen sich die meisten allerdings ordentlich. Für die Polen ist jetzt jeden Sonntag ein(e) besondere hl. Messe. Jetzt dürfen sie auch wieder ihre Kirchenlieder in gewohnter Sprache singen, was ihnen jahrelang verboten war. Auch das Heiraten war ihnen während des Krieges verboten. Deshalb im Juni die vielen polnischen Trauungen auch in unserer Kirche. Für eine größere Zahl kranker Ausländer ist in den Räumen der evangelischen Schule ein Lazarett eingerichtet. Mancher wurde hier auf dem Friedhof bestattet. In den meisten Fällen war die Anschrift der Angehörigen unbekannt. So werden diese wohl nie Nachricht bekommen.

Zu Fronleichnam haben wir wieder regnerische Tage. Die Gartenwege sind völlig aufgeweicht. Deshalb sind wir gezwungen, die Prozession in der Kirche zu halten.

Den ganzen Sommer über wird keine Schule gehalten. Die Kinder haben deshalb Sonntags Christenlehre und Werktags eine Religionsstunde im Anschluß an die hl. Messe.

Die amerikanische Besatzung wurde gegen Ende Mai von englischer abgelöst. Nun bleibt auch diese nicht. Gott sei Dank, gingen die schlimmen Befürchtungen die man nach den Berichten der Ostflüchtlinge haben konnte, nicht in Erfüllung.

 

[S. 135] Den ganzen Sommer über muß die Bevölkerung auf der Domäne arbeiten. Auch an Sonntagen werden die Leute durch das Signalhorn zusammengerufen.

Ende September beginnt wieder der Schulunterricht. Dadurch ist auch die planmäßige Erteilung der Religionsstunden erleichtert.

Im Spätsommer treffen zahlreiche Ausgewiesene ein, da die Gebiete östlich von Oder und Neiße und das Sudetenland von Polen bzw. Tschechen beansprucht und die Deutschen dort ausgewiesen werden.

Die West-Evakuierten fahren auf eigene Faust oder später auch in Transportzügen in ihre Heimat zurück. Die Heimat aber liegt zum größten Teil in Trümmern.

Der Sühnetag am 9. November wird durch 2 Abendpredigten vorbereitet, die Herr Pater Ansgar aus Halberstadt hält.

Durch eine Verfügung der sächsischen Regierung wird die Erteilung der Religionsstunden in den Schulen untersagt. Hier am Ort hatte ich diese Stunden ja ohnehin schon in einem kircheneigenen Raum. In Kleinalsleben bekomme ich Sonder-Erlaubnis zur Benutzung der Schule. In Crottorf aber bleibt mir nichts anderes übrig, als mit den Kindern in die evangelische Kirche zu gehen.

[S. 136]                                   + 1946 +

Zu Mariae Lichtmeß führt die Bode Hochwasser. Die Straße nach Oschers-leben ist tagelang überflutet. Wochenlang steht das Wasser zu beiden Seiten der Straße. Es kommt einem fast vor als wenn man(n) über einen Damm geht, der durchs Wattenmeer führt. Im Heizungskeller haben wir noch kurz vor Ostern Grundwasser.

Die Erstkommunion ist am Weißensonntag. 13 Kinder gehen zum Tisch des Herrn. Ostern ist die kirchliche Feier der Schulentlassung. Die Entlassenen werden gleich zum Besuch der Jugendstunden eingeladen. Dann können die Heimabende der Jugend jetzt regelmäßig gehalten werden.

Zu Fronleichnam macht uns das regnerische Wetter wieder Sorge.

Aber am Vorabend wird Sand in die aufgeweichten Gartenwege geschafft. So kann die Prozession doch gehen, wenn man das  Wetter auch nicht gerade als schön bezeichnen kann. Aber so ist es doch besser, als wenn man in der Kirche bleibt. Am Nachmittag ist eine gesellige Feier im Meyer’schen Saale. Das große Gut ist aufgeteilt. Die früheren landwirt-schaftlichen Arbeiter sind zumeist „Neubauern“ geworden.

 

[S. 137] Aber es ist ein schwerer Anfang. Es fehlt an Vieh, an Stallungen, an Geräten und oft auch an bäuerlicher Erfahrung. Die sogenannte „Boden-reform“ ist ein schwieriges Problem.

Vor allem wird übersehen, daß auch religiöse Grundlagen da sein müssen, wenn man einen gesunden Bauernstand begründen will. Sonst ist das Ende allgemeine Verelendung.

Die Sonntagsarbeit nimmt nicht ab, sondern zu, da mehrer(e) Neubauern zusammen nur 1 Pferd haben und die Zugkraft an jedem Tage ausnützen müssen.

Während des Jahres 1946 kommen immer neue Ausgewiesene aus den deutschen Ostgebieten. Zum Schluß des Jahres sind es in Großalsleben über 800.

Die Not der Nachkriegszeit ist immer mehr zu spüren. Es fehlt an Schuhen und Kleidern, an Fleisch und Fett, vor allem auch an Heizung. Zudem kommt der Einbruch des Winters sehr früh. Anfang Dezember sinkt das Quecksilber schon unter 20°-.

Manchen Leuten erfrieren die Kartoffeln, die sie in ihrem einzigen Zimmer

[S. 138]

aufbewahren müssen. Erfrierungen und Krankheiten bleiben nicht aus. Zu Weihnachten können wir die Kirche noch einmal heizen. Dann ist der letzte Koks verbraucht.

Unsere Pfarrjugend und die Kinder veranstalten im Saale Meyer eine Weihnachtsfeier mit den Theaterspielen „In Sturmesnot“ und „Am Felsenkreuz“. Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt.

 

                                               + 1947 +

Die Kälte will nicht nachlassen. Die Temperaturen von – 15° – 23° halten lange an. Das setzt den Menschen arg zu. Der Kirchenbesuch läßt sehr nach. Bei manchem ist es Opferscheu. Viele sind aber wirklich entschuldigt wegen mangelnder Kleidung und Nahrung. Ich sah Wohnungen in denen nicht nur an den Fenstern, sondern auch unter der Decke und an den Wänden Eisblumen prangten.

So müssen viele den größten Teil des Tages im Bett verbringen.

 

[S. 139] Der März ist schon da. Aber immer noch strenger Winter. Da endlich am 10. März strömen wärmere Luftmassen ein. Jetzt richtet das Schmelzwasser, da es nicht in den gefrorenen Boden eindringen kann, viel Schaden auf  den Feldern an.

Die Unbilden des Winters sind vorbei. Da kommen zu einem sehr günstigen Zeitpunkt, noch ehe die Arbeit in den Gärten beginnt, die Gnadentage einer                                            Volksmission. 19. -31. März

Sie wurde gehalten von den H.H. Patres Görlich und Kampmann, Redemptoristen aus Heiligenstadt. Die Beteiligung betrug wohl 70-80 %.

Leider war die Mission durch Hausbesuche nicht genügend vorbereitet. Zudem war der Kirchenbesuch an den vorhergehenden Sonntagen wegen der langen Kälteperiode noch gering.

Aber durch die Arbeit der Missionare und die Mithilfe der Kinder stieg die Zahl der Kirchenbesucher schnell. Am 2. Sonntag war die Zahl der Kommunionen hier und in Crottorf zusammen 330. Dank dem Entgegen-kommen der ev. Gemeinde in Crottorf konnten auch dort in der Kirche regelmäßig Predigten gehalten werden.  Es war

 

[S. 140] die erste Mission an einem Orte, der keine kath. Kirche hat.

Die Freude der Einheimischen und der Flüchtlinge war recht groß.

Möge der Herr, der vielen in der Mission die Gnade eines neuen Anfangs schenkte auch vielen helfen zum Durchhalten in ihren guten Vorsätzen.

 

                                     Visitation Bischof Laurentius

 

Der Sommer 1947 brachte eine große Dürre. Die Lebensmittelknappheit brachte große Not.

 

[S. 141]                         1948

Die Fastenzeit haben wir als Erneuerung der Mission aufgefaßt. Im Herbst des Jahres wurde die Neuerrichtung der Gemeinde Großalsleben mit eigener Vermögensverwaltung vorbereitet. Im Dezember wurde sie von H.H. Erzbischof bestätigt.

Zum ersten Mal feierte ich in diesem Winter auch in der ev. Kirche zu Kleinalsleben die hl. Messe, und zwar am Sonnabend, abends 8 Uhr.

Im Sommer (Juni) zeigte uns die Währungsreform (90% Abwertung) wie arm unser Volk durch den Krieg und seine Folgen geworden ist.

 

                                     1949

Ostern fand die Wahl unseres ersten Kirchenvorstandes statt, der aus 10 Mitgl. besteht. Wir versuchten eine bessere Abfindung durch Köthen zu erreichen. Aber es blieb bei den 60 Morgen, was 1800 M Einkommen jährlich bedeutet, während Köthen früher das ganze Gehalt zahlte.

 

[S. 142] Im Juli war hier Firmu(n)g durch den H.H. Erzbischof.

94 Firmlinge ist eine Zahl, die hier wohl noch nicht an einem Tage gefirmt wurde.

Herr Berlinghoff begründete einen Kirchenchor.

 

                                               1950

Am 25. Oktober verläßt Pfarrvikar Brinkmöller Großalsleben, um seine neue Stelle in Beetzendorf anzutreten. Ich wünsche der Gemeinde Gottes Segen. Am Abend des 24. hielten wir noch eine Herz Jesu Andacht, um die Weihe an das hl. Herz Jesu zu erneuern.

[S. 143] Mit dem Wegzug von Pfarrvikar Brinkmöller blieb Groß-alsleben verwaist bis zum 1. Oktober 1951. In dieser Zeit wurde die Pfarrvikarie von Oschersleben aus durch Pfarrvikar Bernhard Diescher pastoriert. Am 1. Oktober 1951 erfolgte die Einführung eines neuen Seelsorgers, Pfarrer Walther Bednara, der aus seiner schlesischen Heimat vertrieben, in der Erzdiözese Paderborn liebe-volle Aufnahme fand. Er wurde durch Pfarrer Kretschmar, Oschers-leben, in sein neues Amt feierlich eingeführt und gelobte, sein Amt nach besten Kräften treu und gewissenhaft zu verwalten. Da er durch schwere Kriegsverletzungen aus dem 1. Weltkrieg nicht voll einsatzfähig ist, wurde er von der Seelsorge für Krottorf  u. Hordorf, die bisher auch von Großalsleben wahrgenommen wurde, ent-bunden.  Zur Pfarrvikarie gehören also nur noch Großalsleben und Kleinalsleben.

Bald gewann ich guten Kontakt mit der Pfarrgemeinde, indem ich alle Pfarrkinder besuchte, erst die Auswärtigen, dann nach u. nach die Großalslebener. Die Schuljugend erfaßte ich wöchentlich im Unterricht. Mit der Schulbehörde vereinbarte ich, daß der Unterrichtsplan in den Schulen so gelegt wurde, daß ich alle Klassen an den Nachmittagen zum Religionsunterricht bekam entweder vor oder nach ihrem Schulunterricht. Damit erreichte ich, daß die Schulkinder fast 100% am Religionsunterricht teilnahmen.  Für die Grundschuljahre gebe ich 2 Religionsstunden wöchentlich, dazu Beicht- und Kommunionunterricht, für das 6.-8. Schuljahr ist wöchentlich nur 1 Std. Religionsunterricht. Im Winterhalbjahr kommt für das 8. Schuljahr Entlaßunterricht hinzu. Schulmesse wird 2 mal in der Woche: Dienstag und Freitag gehalten.

 

[S. 144] Unsere Pfarrjugend kommt wöchentlich zu den Heim-abenden zusammen, in denen die Glaubensstunde abgehalten wird. Bei den Jungen finde ich dafür mehr Interesse als bei den Mädchen. Die männliche Jugend ist an ihren Arbeitsplätzen mehr den Gefahren Andersgesinnter ausgesetzt und hat es oft recht schwer, sich im Lebenskampf zu behaupten. Aber ich habe prächtige Burschen darunter, die stets ihren Mann stellen. Zum Glück sind unsere „katholischen“ Familien innerlich noch gesund. So war es in Großalsleben bisher nicht möglich, eine F.D.J. aufzubauen. Ein anfänglicher Versuch dafür mußte aufgegeben werden.  Es fehlte an Mitgliedern. Möge Gott unsere Familien beschützen, daß dieser Geist anhält. An den Heimabenden nehmen durchschnittlich 12-17 Jungen u. 18-23 Mädchen teil. In den Sommermonaten läßt der Besuch der Heimabende ein wenig nach. Die Jungen arbeiten auswärts u. unsere Mädchen, die fast ausnahmslos in der Land-wirtschaft tätig sind, kommen abends spät u. müde von der Feld-arbeit heim, sind dann abgespannt u. haben dann wenig Lust, noch auszugehen. Aber bei der Monatskommunion, bei Wallfahrten u. besonderen Anläßen wie Glaubensbekenntnis, Fronleichnam u.s.w. sind sie fast alle zur Stelle. Der Besuch der Jugendmesse in der Woche könnte besser sein. Es kommen fast immer dieselben Getreuen. An der Monatskommunion der Jugend u. der Schulkinder halten wir stets Betsingmesse. Sie findet auch bei den Erwachsenen guten Anklang. Die gemeinschaftliche Männerkommunion ist gering.  Manchmal möchte man fast verzweifeln. 7,8 Männer bei der Gemeinschaftskommunion anfangs. Jetzt hat sich die Zahl ver-doppelt. Der Mann ist u. bleibt halt schwerfällig. Er will sich nicht „kommandieren“ lassen.

 

[S. 145] Und  die Frauengemeinschaftskommunion? Bis zu 60 Frauen folgen an ihrem Tage dem Rufe ihres Seelsorgers. Aber es fehlen die „jungen“ Ehefrauen. In manchen Familien sieht es böse aus. Schuld daran trägt der Krieg, der Zeitgeist, die Propaganda. Solche Familien stehen auch dem Gottesdienst am Sonn- u. Feiertag fern, arbeiten Sonntags auf den Feldern, gehen selten oder auch nie zu den hl. Sakramenten. Man merkt es gleich an den Kindern im Religionsunterricht. Einige können, wenn sie zur Schule kommen kein Gebet, beten auch nicht zu Hause. Gott sei Dank sind es nur einige wenige. Zur Behebung der religiösen Not ließ ich November 1951 als Vorbereitung für Weihnachten durch Franziskaner ein Triduum abhalten. Der Besuch war überaus gut. 356 Kommunionen wurden am letzten Tage des Triduums ausgeteilt.

Für 1952 waren für alle Stände Einkehrtage vorgesehen. Es begannen damit die Männer in den ersten Maitagen. 63 Männer und Jugendliche ab 18 Jahren nahmen daran teil. Abgehalten hatte sie P. Sander S.J. Schon im Dezember 1951 hatte er die Männer durch einen sozialen Vortrag für sich begeistert. Im Juni hatten die Schulentlassenen ihren Einkehrtag; ebenfalls die Jugend. Für sie hatte P. Markwart O.F.M. aus Halberstadt gesprochen, der Jungen u. Mädel sehr für die Ideale einer schönen, reinen u. glücklichen Jugend zu begeistern wußte. Im Oktober 1952 sprach P. Schulte S.J. zu unseren Frauen und Müttern. 78 Frauen nahmen am Einkehrtag teil. Noch lange schwärmten sie von den schönen Stunden de Stille u. Einkehr, die sie erlebt hatten. Viele von den Frauen machten solche Einkehrtage zum 1. Male mit. Erstkommunion, Fronleich-nam, Sühnetage wurden im Jahre 1952 mit aller Feierlichkeit begangen.

Erstkommunikanten waren 1952  5 Jungen und 14 Mädchen.

 

[S. 146] Zum Fronleichnamsfest waren zum 1. Mal 4 Altäre im Freien aufgebaut. Die ganze Pfarrgemeinde wetteiferte, das Fest recht feierlich zu gestalten. Frauen u. Mädchen schmückten das Gotteshaus u. die Altäre festlich mit Blumen u. Kränzen. Die Jugend säumte den Festweg des eucharistischen Heilands mit Girlanden u. Fahnen. Eine Musikkapelle sollte zur Festesfreude beitragen, versagte aber jämmerlich.

Der Opfersinn der Gemeinde zeigte schöne Blüten bei der Caritas-sammlung im Frühjahr u. Herbst des Jahres. Pro Kopf der Pfarr-gemeinde wurde über 1. DM für die Not der Diaspora zur Caritas-sammlung beigesteuert. 10 Caritassammlerinnen stellten sich zur Verfügung, um in den in Bezirke eingeteilten Ort die Caritas-sammlung vorzunehmen.

Ein Freudentag für das Magdeburger Kommissariat u. für jede Pfarr-gemeinde war die Ernennung eines neuen Weihbischofs für Magdeburg. Sr. Exzellenz Weihbischof Weskamm war als residierender Bischof nach Berlin berufen. In mühevoller Arbeit hatte er nach dem Zusammenbruch des Reiches im Jahre 1945 das Kommissariat aufgebaut. Die Zahl der Gottesdienststationen war seit 1945 im Kommissariat von 178 auf 1085 gestiegen.  Am 18. Dezember 1951 ernannte der Heilige Vater den Generalvikar, Prälat Dr. Friedrich Maria Rintelen zum Weihbischof von Paderborn mit dem Sitz in Magdeburg. Am 24.I.1952 fand die Bischofsweihe in Magdeburg unter der Beteiligung des gesamten Klerus des Kommissariates statt. Gott schütze u. segne unseren neuen Weih-bischof. Freudigen Herzens und mit Dankbarkeit gegen Gott rufen wir ihm zu: ad multos annos!

                                                           – Visistation –

[S. 147] Am 8. Juni 1953 starb unser alter Glöckner, Herr Thomas Bienias. Seit 1932 hatte er der Kirche treu gedient. Er ruhe in Frieden.

Am 9. Januar 1953 kam unser Hochwürdigster Herr Weihbischof aus Magdeburg Dr. Friedrich Maria Rintelen zur Firmung nach Groß-alsleben. 56 Kinder wurden gefirmt, darunter waren 9 Kinder (5 Knaben, 2 Mädchen) die kurz zuvor am Dreifaltigkeitsfest (31.5.) zur 1. Hl. Kommunion gegangen waren.

Für den 2. Juli rief das Kommissariat unsere Frauen u. Mütter zum 1. Mal zur Wallfahrt zur Mutter Gottes auf dem Huy auf. 56 Frauen nahmen an der Wallfahrt teil. An Exerzitien im Jahre 1953 beteiligten sich 4 Frauen,  4 Männer.

Ab 1. Dez. 1953 hatte der Kirchenvorstand den Schulraum in der kath. Schule an den Rat der Gemeinde verpachtet. Die Pacht beträgt monatlich 56,- DM. (s. das Aktenstück Miet- u. Pacht-verträge).

1954 brachte der Gemeinde das goldene Jubiläum des Kirchbaus. Wir begingen es sehr festlich wie nur möglich in der schweren Zeit. Dem Fest voraus ging eine Missionserneuerung, die von P.P. Franziskanern aus Halberstadt gehalten wurde. Der Festtag selbst wurde am Vortage durch Festgeläut u. eine Abendandacht eingeleitet. Sämtliche geistliche Herren u. kathol. Lehrer, die hier einst wirkten, waren zur Jubelfeier geladen. Auch alle Herren des Oscherslebener Dekanates u. der Umgebung. Am Festtag selbst erwarteten wir den Hochwürdigsten Herrn Weihbischof aus Magdeburg, der ein feierliches Pontifikalamt mit Assistenz hielt. Auch die Festpredigt hatte der Hochwürdigste Herr in liebens-würdiger Weise übernommen. Der Nachmittag (verbrachte) die

 

[S. 148] Gemeinde im Freien zum gemütlichen Beisammensein mit allen Seelsorgern, die jemals in Großalsleben wirkten. Nicht kommen konnte Pfarrer (?) wegen seines Alters u. Pfarrvikar Brink-möller aus Seelsorgsgründen. Der Abend wurde beschlossen mit einer religiösen Dankfeier in der Kirche, der Weihe der Gemeinde an die Gottesmutter im marianischen Jahr u. der Erteilung des päpstlichen Segens. (Und damit war ein Requiem für die aus der Gemeinde … Priester u. Laien.)

Das marianische Jubiläumsjahr wurde von der Gemeinde mit großer Anteilnahme begangen. An sämtlichen Marienfeiertagen des Jahres, an allen Samstagen wurde die vom Hl. Vater erlaubte Hl. Messe vom 8. Dezb. zelebriert. Ein großer Teil der Gemeinde kam regelmäßig zu diesen Andachten. Im Mai- u. Oktobermonat wurde an allen Tagen abends Mai- bzw. Rosenkranzandacht gehalten. Die weibliche Pfarrjugend legte sich ein neues Marienbanner bei, das in einer Jugendandacht seine kirchliche Weihe erhielt u. zum 1. Mal beim Bekenntnistag  der kathol. Jugend in Hadmersleben mitgeführt wurde. Es soll das schönste Banner im Dekanat sein.

Als Frucht des Hl. Marianischen Jahres verpflichtete sich die Gemeinde, jeden Morgen vor der hl. Messe ein Gesätz des Rosenkranzes zu Ehren der Gottesmutter zu beten.

1954 gingen 5 Knaben u. 7 Mädchen zur 1. Hl. Kommunion.

 

[S. 149]             1955

Unsere Fronleichnamsaltäre im Freien:        4 Bilder

Lehrer August Drost,                                                 Herr Lehrer Drost stand

früher Lehrer an der kathol.                                     in reger Verbindung mit

Schule in Großalsleben 1896-                                  Großalsleben. Ihm ver-

1900 gestorben zu Wolfsburg am                           danke ich für die Chronik

  1. Juni 1955 im Alter von 82 Jahren so manche Angabe aus R.i.p.                                                                           früheren Zeiten. R.i.p.  

 

 

[S. 150] Begrüßung unseres                                      des 50 jährigen

              hochwürdigsten Herrn                                 Bestehens unseres

            Herrn Weihbischof                  (Bild)              Gotteshauses am

           bei seinem Kommen zur                                14. November 1954

           Jubelfeier

 

                                                        1956.

Am 8. März starb unser alter Küster, Lehrer Richard Grabink, der 1945 als Flüchtling aus Schlesien nach Großalsleben kam u. 10 Jahre hindurch das Amt des Küsters in unserer Kirche versah. Kurze Zeit war er an der hiesigen Gemeinschaftsschule als Lehrer tätig. R.i.p.

Unser Gotteshaus machte uns 1956 viel Sorgen. Der Sturm hatte das Dach arg mitgenommen. Trotz dreimaliger Reparatur konnten nur die schlimmsten Schäden beseitigt werden, da es an Material in der D.D.R. fehlt.

Unsere Jugend, Männer und Frauen nahmen wiederholt an Einkehr-tagen teil. 10 Männer und 6 Frauen beteiligten sich an Exerzitien.

Von den Entlaßschülern- u. schülerinnen nahm keiner an der Jugendweihe teil trotz eifriger Werbung von Seiten der Schule.

Die alljährlichen Sühnetage im November hielt dies Jahr P. Markward O.F.M. aus Halberstadt.

 

[S. 151] Er verstand es die Gemeinde durch seine Predigten zu begeistern, so daß die Besucherzahl der Früh- und Abendpredigten von Tag zu Tag stieg. Die Kinder hatten ihre Nachmittagspredigten. Fast alle nahmen daran teil. Zur Erstkommunion wurden 1956 

7 Knaben u. 10 Mädchen an Christi Himmelfahrt geführt.

1956 wurden zwei Konvertiten in die kath. Kirche aufgenommen. Kirchenaustritte erfolgten 1956 keine.

 

                                   1957.

Am 2.  Juni hielt Vikar Beck aus Schönebeck einen Einkehrtag für unsere Jugend. 45 Jugendliche (18 Jungmänner 27 Jungmädchen) beteiligten sich daran.

Am 23. Juni gingen 5 Knaben u. 4 Mädchen zur 1. Hl. Kommunion. Tags darauf wurden sie gefirmt.

                                               – Visitation –

 

getauft: wurden 1957            9 Kinder

       davon   7 Knaben u. 2 Mädchen

                          5 von kathol. Eltern

                         1 mit kathol. Vater

                         3  mit kathol. Mutter

getraut:            5 Paare

     davon rein kathol. 3 Paare

      mit kath. Ehemann   1

      mit kath. Ehefrau      3                 

 

[S. 152]

beerdigt: wurden 1957          8 Personen

   davon 3 Männer

               5 Frauen

       alle Verstorbenen wurden mit den Hlg. Sterbesakramenten

       versehen

Erstbeichten waren 9   davon 5 Knaben; 4 Mädchen

Erstkommunionen  9    davon 5 Knaben  4 Mädchen

                         am 23.6.57

Firmung durch den Hochwürdigsten Herrn Weihbischof Rintelen aus Magdeburg am 24.6.57

               aus Großalsleben 14 Knaben; 17 Mädchen

               aus Kleinalsleben  – Knaben;    2 Mädchen

Krankenversehgänge im Jahre 135; davon 14 mal das Hlg. Sakrament der Ölung gespendet.

Kirchenaustritte keine im Jahre 1957

Konversionen         1  im Jahre 1957

Kommunionen im Jahre 1957

 

1958 brachte für das Dekanat einen kleinen Katholikentag in Oschersleben. Aus jeder Gemeinde nahmen daran teil 2 Männer;

2 Frauen; 2 jüngere Mütter; 2 Jungmänner u. 2 Jungmädchen. Er brachte für die Seelsorge neue Anregungen.

1959 Die ewige Anbetung wurde im Erzbischöfl. Kommissariat Magdeburg neu geregelt. Für Großalsleben ist der vorgesehene Termin der 26.XII. von 8-12 Uhr.

Vom 5.-15. November hielt Pater Bentevolius Möhring aus Dingelstädt, ein Franziskanerpater die Mission in Großalsleben ab. Früh, nachmittags u. abends fanden Predigten statt. Die Kirche

 

[S. 153] war in den Abendpredigten fast zu klein, alle Gläubigen zu fassen. Der Erfolg der Mission: mancher Abständige fand den Weg zur Kirche zurück. Ehen wurden in Ordnung gebracht. Die Zahl der täglichen Kirchenbesucher wuchs von Tag zu Tag u. hielt an. Am 9. November, jenem Tage, da in Großalsleben der große Sakraments-frevel 1920 geschah, fand eine ergreifende Sühneandacht statt. Der Hochaltar, an dem das Sacratissimum zur Anbetung exponiert war trug herrlichen Blumenschmuck von weißen Chrysanthemen u. roten Alpenveilchen. Über 100 Kerzen brannten an ihm. Mädchen in weißen Kleidern umstanden ihn u. beteten für die ganze Gemeinde aus unschuldigen Kinderherzen die Sühnegebete u. Ehrenersatzleistung. Ergreifend waren auch tags darauf die Totenfeier mit der Segnung aller Gräber u. am Abend die Kreuzfeier, die feierliche Einsegnung u. Errichtung des Missionskreuzes am 13.11.

Sonnabend abends fand eine Marienfeier statt mit der Weihe der ganzen Gemeinde an das unbefleckte Herz Mariens.  Am Sonntag schloß die Mission mit Generalkommunion der ganzen Gemeinde.

72 % nahmen daran teil. Nachmittags in der Schlußfeier wurde die feierliche Erneuerung des Taufgelübdes vorgenommen vor dem Missionskreuz u. der entzündeten Taufkerze, dann der päpstliche Segen erteilt. Te deum u. sakramentaler Segen beschlossen die Missionstage, die der Gemeinde unvergeßlich bleiben werden.

Am 18. Novb. war wieder ein kleiner Katholikentag für das Dekanat wie im Vorjahr.

 

[S. 154] 1960 wurde eine große Kirchenrenovation vorgenommen.

Kirchdach und Glockenturm wurden neu gedeckt. Das Kirchdach erhielt neue Zinkdachrinnen; das Pfarrhaus neue Dachrinnen aus Vindimer(?). In Kirche, Pfarrsaal, Unterrichtsraum u. Pfarrei wurde die geplante Lichtleitung unter Putz gelegt. So mancher unserer Gläubigen stellte sich unentgeltlich zur Verfügung, an der Renovation der Kirche mitzuarbeiten. So leisteten unentgeltliche Stemmarbeiten die Brüder Karl u. Gerhard Wypior, Herr Karl Schweiger, die Brüder Wolfgang u. Bernhard Müller, die Brüder Lothar u. Wolfgang Rum, Herr Tischler Kanngießer und Sohn zimmerten Kanzel u. Marienaltar zurecht. Frauen stellten sich zur Verfügung um die Kirche täglich nach den Renovationsarbeiten zu waschen u. reinigen.

Ende September war die Kirche von Malermeister Kömmel aus Oschersleben fertig gemalt. Mit der letzten Malerei unter Pfarrvikar Zapfle im Jahre 1922 war an der Kirche nichts mehr gemacht worden.

1922 hatte der Kirchenmaler  Schmaus u. Pfister aus Fulda die Kirche gemalt gehabt.

1922 waren auch Kanzel u. Kommunionbank in unsere Kirche gekommen. Die Kanzel lieferte damals Firma Regle aus Düsseldorf; ebenso die Kommunionbank.

1924 kam die Orgel für unser Gotteshaus. Sie lieferte Firma Feyle aus Paderborn.

Jugend u. Kinder waren über die neugemalte Kirche hoch erfreut. Ein Teil der alten Leute trauerte der alten bunten Malerei der Kirche nach. Bald aber gewöhnten auch diese sich ans feierlich-saubere Gotteshaus im neuen Gewande.

Die bisher braungestrichenen Altäre, Kanzel, Bänke, Chorbrüstung u. Orgel erhielten einen hellen grau-grünen Anstrich, ebenso der Beichtstuhl.

 

[S. 155]             1961

Vom 19.-25. Juni 1961 beging die Stadt Großalsleben ihre 1000-Jahrfeier.

Nach alten Urkunden wird Großalsleben 961 erstmalig erwähnt; im Jahre 1703 zum Marktflecken u. 1852 zur Stadt erhoben.

Markgraf Gero gründete am Ostrand des Harzes ein Nonnenkloster.

Für diese Stiftung, nach ihm Gernrode benannt, sicherte sich Gero die Zustimmung seines einzigen noch lebenden Sohnes Siegfried.

961 ließ er dann diese Stiftung durch König Otto II. mit einer in der Königspfalz Wallhausen ausgestellten Urkunde bestätigen. In dieser Urkunde werden 8 Orte genannt, die mit ihrer Feldmark dem Kloster Gernrode geschenkt worden waren. Unter diesen befinden sich Alsleben, das heutige Großalsleben u. Nian-Alslern, das heutige Kleinalsleben. (Nian-Alslern = Neu Alsleben). In einer nur 3 Jahre späteren Urkunde wird dann erstmalig die Bezeichnung Groß- u. Kleinalsleben gebraucht.

(1. Festschrift zum 1000jährigen Bestehen von Großalsleben).

1227                 bestätigt Papst Gregor IX. in einem Schutzbrief dem                          Kloster Gernrode 12 Hufe Land in Großalsleben als                          Abteibesitz.

1311                 wird die erste Windmühle im Ort erwähnt

1353                 wird zum 1. Mal ein Amtmann namentlich erwähnt:

                         Friedrich Bode von Eisleben

1563                 wird im Protokoll über eine Kirchenvisitation erst- malig vom Bestehen einer Schule in Großalsleben        berichtet

1610                 eignen sich die Fürsten von Anhalt durch Säkulari-

                         sation den Besitz des Stiftes Gernode an. Damit

                         beginnt die Zeit der anhaltinischen Herrschaft auch

                         für Großalsleben.

1703                 erhält der Ort die Bezeichnung „Marktflecken“ u. damit einen Gemeinderat (Bürgermeister,           Kämmerer u. Ratsmann) u. ein Wappen (schräg-            gestellter goldener Schlüssel auf rotem Grund.)

 

[S. 156]

1714                 zerstört ein furchtbarer Brand alle Gebäude des    Ortes bis auf das Amt u. die Kirche

1818                 besteht Großalsleben aus 124 Häusern, in denen 804 EinwohnerÄusernHäuss leben. Neben der Landwirtschaft           stellt besonders das Weberhandwerk einen          wichtigen Erwerbszweig dar.

1833                 gibt es 60 Webermeister im Ort.

1833                 vernichtet ein Großfeuer  16 Gehöfte völlig u. die

                         Wirtschaftsgebäude von 7 weiteren Gehöften.

1852                 erhält Großalsleben nach der neuen Gemeinde-   ordnung von Anhalt die Bezeichnung  „Stadt“

1862                 entsteht am Ortsausgang nach Oschersleben eine

                         Zuckerfabrik. Der Anbau von Zuckerrüben verdrängt        den Flachsanbau. Das  Weberhandwerk verschwindet.

1875                 beträgt die Einwohnerzahl von Großalsleben 1815                          Personen.

1910                 beträgt die Einwohnerzahl nur noch 1261 Personen.

1913                 wird die Zuckerfabrik in Großalsleben still gelegt.

1914-1918        Im 1. Weltkrieg hat Großalsleben 52 Tote u. 3       Vermißte zu beklagen.

1939-1945        Im 2. Weltkrieg betragen die Zahlen für      Großalsleben: 45 Tote, 18 Vermißte,

                         81 Verwundete, davon 9 Bein- oder Armamputierte.

1945                 am 11. April rücken Amerikaner in Großalsleben ein.

1945                 am 1. Juli werden Amerikaner durch Verbände der                          Roten Armee aus Sowjet-Rußland abgelöst.

 

[S. 157]

1946                 Ab 1. Februar 1946 gehört Großalsleben zum Kreis                          Oschersleben u. nicht mehr zum Kreis Ballenstadt.

                         Durch die Bodenreform werden 400 Hektar           Ackerland der früheren Domäne u. der Grundbesitz    der ehemaligen Zuckerfabrik (Herr Giesecke) an 69          Neubauern; 20 landarmen Bauern u. 149    Kleinsiedler aufgeteilt. 26 Hektar verbleiben bei der

                         Stadtverwaltung.

1947                 Am 1. Mai wird das Gutshaus der ehemaligen       Domäne Sitz der Stadtverwaltung.

1953                 In Großalsleben entsteht die erste L.P.G. (Land-                         wirtschaftliche Produktions Genossenschaft) mit

                         83 Mitgliedern.

1958                 Eine Produktionsgenossenschaft des Tischler- u.

                         Polsterhandwerks wird in Großalsleben gegründet.

                         19 Personen treten ihr bei. (P.G.H.= Produktions-

                         genossenschaft des Handwerks).

 1961                Vom 19.-25. Juni Jahrtausendfeier des Bestehens von Großalsleben.

                         Der 3. Oktober 1961 war ein Freudenfest für unsere

                         Kirchgemeinde. Der Hochwürdigste Herr    Weihbischof aus Magdeburg, Friedrich Maria Rintelen spendete      Kindern das Hlg. Sakrament        der Firmung.

                                               – Visitation –

Zu Weihnachten bekamen wir vom Erzbischöfl. Kommissariat aus der Bonifatiushilfe einen neuen Kreuzweg u. neue Cocosläufer für die Kirche.

 

[S. 158] Am 9. Dezb. 1961 hat Papst Johannes XXIII. die mit Spannung erwartete neue Enzyklika „Aeterna Dei Sapientia“ verkündet, in der er für 1962 das II. Vatikanische Konzil einberufen wird. Der Beginn des Konzils wurde für den 11. Oktober 1962 fest-gesetzt. Im Moto proprio „Consilium“ schreibt der Hl. Vater:

„Wir haben dieses Datum deshalb gewählt, damit es sich mit der Erinnerung an das große Konzil von Ephesus verbinde, das in der Kirchengeschichte große Bedeutung hatte u. forderte um eifriges Beten für das Gelingen des Konzils auf. Bei uns wurde der Beginn des Konzils mit einer Novene eingeleitet.

Am 15. Februar 1962 starb der ehemalige Apostolische Nuntius in Deutschland Kardinal Aloysius Muench nach 10jähriger Tätigkeit in diesem Amt.

Vom 22.-26. August 62 dauerte der Katholikentag in Hannover. Die Ostzone konnte daran nicht teilnehmen. Es gab keine Passierscheine nach Westdeutschland.

Am 28. Juni 62 wurde der bisherige Leiter des Seelsorgeamtes in Magdeburg, Prälat Hugo Aufderbeck von Papst Johannes zum Titularbischof von Arca in Phönizien u. gleichzeitig zum Weihbischof von Fulda mit dem Sitz in Erfurt ernannt. Wir wünschen ihm ein „ad multos annos!“

In 7 Sitzungen der päpstlichen Zentralkommission wurden die Konzilsvorbereitungen abgeschlossen. In St. Peter in Rom sind die Arbeiten an der Konzilsaula beendet. Der Hlg. Vater hat ein besonderes Gebet „Fürbitten für das allgemeine Konzil“ heraus-gegeben. Wir beten es in der Gemeinde alle Tage. Auch die Wallfahrt der Familien nach dem Muttergottesheiligtum auf der Huysburg u. die Kinderwallfahrt dahin stand im Hinblick auf das kommende 21. Ökumenische Konzil.

Der gemeinsame Hirtenbrief der deutschen Bischöfe, die sich am Grabe des hl. Bonifatius versammelt hatten, „Metanolite“ rief die Gläubigen nochmals auf zu eifrigem Gebet für das beginnende Konzil. Nun konnte es beginnen.

 

[S. 159] Am 11. Oktober 1962, dem von Papst Pius XI. eingeführten Feste „Mariä Mutterschaft“, zogen unter Glockengeläut aller Kirchen u. Klöster der „Ewigen Stadt Rom“, die aus aller Welt herbeigeeilten Bischöfe der Welt, um den Hlg. Vater geschart, zur feierlichen Eröffnung des Konzils in den Petersdom ein.

Die Spitze des feierlichen , farbenprächtigen Zuges bildeten die religiösen Orden, die in ihren schlichten Ordensgewändern den Vertretern der Weltgeistlichkeit voranschritten, gefolgt vom Zug der 2800 Bischöfe aus Europa, Afrika, Asien, Amerika u. Ozeanien, um dem Hlg. Vater, dem Vertreter Gottes auf Erden, die Anliegen von 540 Millionen Gläubigen ans Herz zu legen. Hinter dem Zug der Bischöfe folgte die würdige, eindrucksvolle Gruppe der 88 Kardinäle.

Nach der Gruppe der Konzilsväter folgten die Mitglieder der Nobelgarde, welche die „Sedia Gestatoria“ [Anm. Tragsessel des Papstes] umgaben.

Mit der hohen, golddurchwirkten Mitra auf dem Haupt, im erhabenen Gewand des Vertreters Christi auf Erden, behielt Papst Johannes XXIII., hoch über dem unermeßlichen Menschenheer thronend, sein väterliches Lächeln, so, wie es Millionen auf dem ganzen Erdball kennen.

Kurz vor Beginn des Konzils, am 4. Okt. 62 hatte Papst Johannes zum 1. Mal seit 1870 wieder die Vatikanstadt verlassen, um in Loretto u. Assisi für das Gelingen des Konzils zu beten. Kurz vor Abfahrt des Zuges kamen Reporter herangerannt und baten den am Fenster seines Waggons stehenden Hl. Vater um seinen Segen. „Ihr braucht das nötig“, sagte der Papst lächelnd, „ich muß immer an euch denken.“ Die erste Sitzungsperiode des II. Vatikanischen Konzils wurde am 8. Dezember 1962 abgeschlossen. Der Hl. Vater hat den Beginn der 2. Sitzungsperiode für den 8. Sept. 1963 fest-gesetzt.

Am 24.6.62 hielten wir in der Gemeinde Erstkommunionfeier. 14 Kinder. Wegen der auftretenden Maul- u. Klauenseuche wurde unser Gotteshaus gerade zu Pfingsten geschlossen. Auch das Patronatsfest u. die Fronleichnamsprozession mußten deswegen ausfallen.

An Einkehrtagen nahmen unsere weiblichen Erwerbstätigen in Halberstadt am 19./20. Mai statt; ebenso unsere Entlaßschüler in Oschersleben.

Am Dekanatsfrauentag in Oschersleben beteiligten sich 12 Frauen aus Großalsleben u. den Filialen. Herr Pfarrer Menne hielt ihn am 13.6.62.

An der Erwachsenen Wallfahrt nach dem Huy am 31.V. (Christi Himmelfahrt) u. an der Kinderwallfahrt nahm die Gemeinde teil.

12 Männer u. Frauen ; 14 Kinder. Am 28.10. war unsere Jugend zu einem Treffen in Oschersleben. Begeistert kehrten sie heim. Am 8./9. Dez. war wieder ein Einkehrtag in Halberstadt für unsere weibliche Jugend bis 25 Jahre. Teilnahme von 6.

[S. 160]                       1963.

Am Ende der 1. Konzilsperiode (7.12.62) stand die Annahme des 1. Themas „Über die Hlg. Liturgie“. Von 2118 Konzilsvätern stimmten dafür 1922.

Unsere kath. Jugend nahm dies Jahr an der Faschingsfeier in Oschersleben als Gäste der dortigen Jugend  teil am 16.II.63.

Unsere Frohschar besuchte die Oscherslebener Frohschar zu einem Wettsingen u. Wettspielen am 31.III. Am Kreuzweg für die Jugend beteiligte sich unsere Jugend mit allen Jugendlichen Deutschlands am 13.IV. Bei der Standeskommunion beteiligten sich monatlich:

12 Männer, ca. 40 Frauen;19 Jugendliche u. alle Kinder.

Die Fronleichnamsprozession hielten wir am Fronleichnamstag selbst. Viele Erwachsene hatten sich dienstfrei genommen. Die Schulkinder waren alle da.

Der 3. Juni brachte uns den Tod des unvergeßlichen Papstes Johannes XXIII. Der Welt war ein Vater gestorben. Am Donnerstag Abend in der Pfingstwoche wurde Papst Johannes in privater Form bestattet. Die Kirche u. alle Gläubigen trauern tief um einen Ober-hirten, dem so schnell wie kaum einem zuvor in den wenigen Jahre(s) seines Pontifikates die Liebe aller zuflog. Die gesamte Christenheit ehrt in ihm Liebhaber ihrer Einheit, der sich dem neu geweckten ökumenischen Bewußtsein lebendig erschloß. Die ganze Welt aber verliert in ihm einen Freund aller Menschen u. tätigen Bewahrer des Friedens. Möge er die Liebe, die er gelebt hat, in ihrer Quelle nun selbst für immer verkosten.

Die in Rom versammelten Kardinäle haben am Nachmittag des Herz Jesu Festes, am 21. Juni 1963 den Erzbischof von Mailand Giovanni Battista Kardinal Montini zum Nachfolger Papst Johannes XXIII. gewählt. Der neue Papst hat den Namen

                                   Paul VI. angenommen.

Das an Stimmenzahl größte Konklave der bisherigen Kirchen-geschichte ist schon nach 1 ½ Tagen zu Ende gegangen.

Die Papstkrönung fand in aller Öffentlichkeit auf dem Platz vor dem Petersdom statt am 30 Juni 1963.

Bis zu Beginn des 2. Teils des Konzils, das Papst Paul VI. für den 29. September wieder einberufen hatte, fanden am 7.7. die Kinder-wallfahrt zur Huysburg u. an Mariä Himmelfahrt die Wallfahrt aller Familien zur Huysburg statt, bei denen dann für die Anliegen des Konzils gebetet wurde.

Am 18.8. nahmen einige Frauen an Exerzitien  in Halberstadt teil.

Am 8.9. war die Einsegnung unserer Schulanfänger.

 

[S. 161] Am gleichen Tage beteiligten sich einige Familien an der Wallfahrt zum Herrgottsheiligtum in Schwanebeck.

Die 2. Sitzungsperiode des II. Vatikanischen Konzils tagte vom 29.9.63 – zum 8.12.63. Sie brachte vor allem die Konstitution über die hlg. Liturgie.

                                   1964

verlief still. Am 14. Septb. begann die 3. Sitzungsperiode des Konzils, am 21. November wurde es für 1964 geschlossen.

3 Themas wurden auf dem Konzil verabschiedet. Die Auswirkung der Beschlüsse wird das neue Jahr bringen. Gegen Ende des Jahres erreichte die Pfarrvikarie die Nachricht, daß Geistl. Rat Josef Prenger, von 1907-1909 Pfarrvikar in Großalsleben am 28. Okt. 1964 in Herne Sodingen im Alter von 85 Jahren in die Ewigkeit abberufen wurde. Gott, der Herr vergelte seinem treuen, leid-geprüften Diener mit vollen Segenshänden, was er Gutes in Großalsleben u. seiner Heimatgemeinde getan hat. R.i.p.

Am 9. November hielt der derzeitige Pfarrvikar von Großalsleben ein Requiem  für den verstorbenen Confrater.

 

                                               1965

Unser Hochwürdigster Herr Erzbischof von Paderborn Dr. Lorenz Jaeger wurde von Sr.[Seiner] Heiligkeit Paul VI. 1m 22. Februar 1965 in das Kardinalskollegium berufen. Mit unserem Erzbischof freut sich die ganze Erzdiözese darüber. Gott erhalte uns unseren Herrn Kardinal. Am 11. Juni wurden 19 Firmlinge von unserem Hoch-würdigsten Herrn Weihbischof Dr. Friedrich Maria Rintelen gefirmt.

                                   – Visitation –

Zum 1.9.65 verlasse ich Großalsleben als Pensionär. Bei der Hl. Firmung im Juni hat der Hochwürdigste Herr Weihbischof mich in der Gemeinde öffentlich verabschiedet. Er dankte mir für die Tätigkeit in der Diaspora u. wünschte mir einen gesegneten, ruhigen Lebensabend. Ich scheide von der Gemeinde mit dem Bewußtsein, nach besten Kräften meinen Dienst getan zu haben.

Gott segne alle Großalslebener. Das ist mein Segenswunsch für alle.

                                                                       Pfr. Bednara

 

[S. 162]                       1965

Mit Wirkung vom 1. Juli 1965 wurde ich, Waldemar Karl, nach Großalsleben versetzt. Ich wurde geboren am 3.10.1927 in Mehlsack/Ostpreußen und wurde am 6. August 1953 als Priester der Diözese Ermland von Weihbischof Rintelen auf der Huysburg geweiht. Lüderitz 1953-1956 Eichbarleben 1956-1961 und Salzwedel 1961-65 waren meine bisherigen Arbeitsgebiete. Am

  1. September 1965 trat ich hier meine Stelle an. Mein Vorgänger hatte noch nicht die Genehmigung zur Ausreise. Am Tag meiner Ankunft hielt Herr Pfarrer Temme eine Beerdigung in Großalsleben, die Herr Pfr. Bednara verweigert hatte. – Die eigene Prägung dieser Gemeinde liegt für mich in dem starken Einfluß einheimischer Katholiken. Das kannte ich bisher nicht. – Dieses Jahr brachte den Abschluß des 2. Vatikanischen Konzils. Große Aufgaben liegen vor uns.

                                   – vidi 30.12.66 –  ……. (?)

                                               1966

Hordorf und Krottorf werden vom September 65 an von Groß-alsleben aus betreut. Ich fahre zum Unterricht mit meinem alten Motorrad, sonntags fährt mich Herr Dr. Petsch zum Gottesdienst.

Am 18. Januar hatte ich bei Glatteis nach dem Unterricht in Hordorf einen Unfall. Platzwunden an Unterlippe und Kinn mußten genäht werden.  5 Tage lag ich in Neindorf im Krankenhaus. Am 20. Februar hatte unsere Jugend eine Faschingsfeier zusammen mit jungen Familien aus Meyendorf im Heim. Am 18. März hatte ich deswegen eine „Aussprache“ bei der Kreispolizei in Oschersleben. Im Winter hatten wir wöchentlich Gemeindeabende mit Lichtbildvorträgen im Heim. Am 5. März ist Opa Schade 90 Jahre alt. Am 4. April erhält die Pfarrvikarie einen neuen Wagen Trabant 601 als Geschenk. Er erhält das nette Kennzeichen HH 16-60. Maiandachten und Rosen-kranzandachten sind am Montag (und Dienstag) in Hordorf, Dienstag und Freitag in Großalsleben und am Mittwoch in Krottorf. Viele Arbeit machen das schadhafte Kirchendach und der ziemlich verwilderte Garten. Am Palmsonntag ist die Prozession vom Garten in die Kirche. Am 9. Juni feiern wir Fronleichnam im Garten. Die Gemeinde gibt sich viel Mühe mit den Altären. Am 26. Juni werden 8 Kinder aus Großalsleben zur Erstkommunion geführt. Vom 25.-28. Juli hielten wir mit Fräulein Brosig eine religiöse Kinderwoche. Eine kleine Störung verursachte der Brand einer LPG-Scheune im Dorf am letzten Tag. Am 5. Juli fuhren wir mit Fahrrädern zur Kinder-wallfahrt zur Huysburg und am 4. September mit einem Bus zur allgemeinen Wallfahrt. Im September begannen wir mit dem wöchentlichen Kleinkindertag. Einrichtung und Spielmaterial dazu bekamen wir von Salzwedel und Halle –Dölau geschenkt. (Fräulein Brosig (Kindergärtnerin) hält ihn mit 15-18 Kindern, davon 6 aus Hordorf, 2 aus Krottorf, 1 aus Kleinalsleben. Wir beginnen jeweils um 8 Uhr und enden um 16 Uhr. Am 12. Oktober

 

[S. 163]

kam der Kreis-Jugend-Inspektor und schaute sich den Kindertag an. Die leidige Angelegenheit mit der Abwässerbeseitigung wurde beanstandet. Wir bauten deshalb eine Abwässerleitung vorläufig in die Grube des alten Schulklosetts. Im Frühjahr 1967 wollen wir noch einen Sickerschacht bauen.

Am 6. November war nach langer Zeit die erste Gräbersegnung auf dem Friedhof in Großalsleben. In Hordorf und Krottorf ist sie alte Gewohnheit. Am 17. Dezember verläßt uns Herr Zwerselke (?), der viel in der Gemeinde getan hat (Kollekten, Kirchensteuereinholer, Sammlung für das Priesterhilfswerk.) Kurz vor Weihnachten wird Pfarrvikar Kohle von Klein Oschersleben versetzt. Wir helfen über Weihnachten aus. Taufen hatten wir 9 (3 von Meyendorf gemeldet dazu); Trauungen 7 (1 aus Salzwedel, 2 Rekonsiliationen); Beerdigungen 5 (2 unversehen gestorben); 1 Beerdigung mußte ich verweigern.

 

(Bild fehlt)

Erstkommunion am 16. Juni 1966

  1. Reihe: (Christine Heinsel) Gabriele Nowitzki, Gerhard Anhalt Bärbel Nowitzki, Christel Bochler, (Monka Milde.) [vidi 20.9.68]
  2. Reihe: Michael Ashoff, Eugen Hühm, Pfvk.[Pfarrvikar] Karl, Gerhard Kohts, Lothar Nowitzki

                                   1967

Ende 1966 haben wir überraschend Dachschiefer bekommen. Das Dach muß unbedingt neu gedeckt werden. Trotz eifrigen Bemühens sind keine Kupfernägel zu bekommen. Da kein Dachdecker mehr auf das Dach geht, flickt der Pfarrvikar notdürftig selbst. Der Kindertag floriert, im Herbst verläßt uns Frl. Brosig, Frl. Ingeborg Hofer ist die Nachfolgerin (wöchentlich, mittwochs 15-18 Kinder ganztägig). Unsere Schola macht Fortschritte im Singen (das „Cantate Domino“ wird durch „Singende Gemeinde“ ersetzt. Wir feiern gemeinsam Fasching am Rosenmontag. Am 27.6.67 feiern

11 Kinder Erstkommunion.

 

[S. 164]            

Bild      1. Reihe: Michaela Böning, Christiane Wypior (+1969), Angelika Kreutzer (Hordorf), Heidrun Schubert, Rosi Kreutzer

  1. Reihe: Frank Krüger, Burkhard Kanngießer, Gerhard Titze (Krottorf), Wolfgang Hiller, Werner Müller

Die Beteiligung an den Wallfahrten zur Huysburg (10.7. Kinderwallfahrt, 17.9. Familien) ist gut. Ferienwochen halten wir     2 mal, Anfang August für das 5.-8. Schulj.(31.7.-5.8.) und für das 1.-4. Schulj. 10.7.-14.7. Da machen die Schulkinder gerne mit. Am 30. August vormittags brennt der Dachstuhl des angrenzenden Kuhstalls (LPG) nieder. Es gibt leidige Verhöre und Verdächti-gungen. Am 5. November stirbt Martin Schade nach 91 Jahren und 8 Monaten, die er ausschließlich in Großalsleben verbrachte, im November stirbt auch Rudolf Scheide 81jährig: langjähriges Mitglied des Kirchenvorstandes.

Taufen hatten wir 5 (2 von einem ungläubigen Elternteil, 2 mixta religio[?], 1 kath.) Trauungen gab es keine; Beerdigungen: 10; Kirchenbesucher durchschnittlich 200.

 

                                   1968

Die Erneuerungsbestrebungen in der Kirche seit dem 2. Vatika-nischen Konzil zeigen sich in diesem Jahr besonders in Konferenzen.

(1. Pfarrvikar als Patoralreferent und Jugendseelsorger; 2 Er-wachsene zur Erwachsenenbildung und in Dorfabenden; 3. Jugend zur Glaubenswoche in Großalsleben und Oschersleben). Vor allem der Pfarrvikar ist oft unterwegs. Die Kinder haben die Ferienwoche vom 15.7.-19.7. Mit der Jugend fahren wir nach Halberstadt zur Besichtigung des Domes und der Liebfrauenkirche. 7 Jugendliche fahren vom 24.8.-30.8. zur Ferienwoche nach Roßbach, 2 zum Mädchenseminar. Die Kinderwallfahrt am 5.7. macht uns allen Freude (mit Omnibus). In Krottorf und Hordorf halten wir Dorf-abende und sprechen über drängende Probleme. In diesem Jahr halten wir zum ersten Mal die große Kollekte „Not in der Welt“,

die bei uns nur 760,- M einbringt. Am 23.6. ist Erstkommunion für

8 Kinder. Am 8. September feiern wir in Magdeburg den 1000. Gründungstag des Erzbistums Magdeburg.

Wir hatten 5 Taufen, 6 Trauungen und nur 3 Beerdigungen. Der Kirchenbesuch läßt sehr zu wünschen übrig. Im Winter (von November ab) halten wir am Samstagabend 14tägig Sonntags-gottesdienst in Kleinalsleben. – Kupfernägel zu bekommen ist nahezu unmöglich. Unser Kirchendach leidet weiter. So konnten wir nur die Fenster streichen und immer wieder reparieren.  Mit dem Schuljahr 1967-68 mußten wir leider den Kindertag aufgeben. Die Kosten stiegen und die Kindergärtnerin wurde abgezogen. Wir bedauern das sehr.

                         – vidi: 3. Mai 1969     (Visitation)

                                   + Friedrich M. Rintelen –

[S. 165]                       1969

Dieses Jahr ist an Ereignissen reich: Im Januar bekommen wir plötzlich die Möglichkeit, eine Fertigteilgarage für unser Auto zu kaufen. Sie wird in der Nähe der Kirche aufgestellt. Im Januar sterben zwei altbekannte Glieder unserer Gemeinde: Ottilie Große und Maria Krieger, geb. Hundshagen. Im Februar erhält Pfarrvikar Karl die Versetzung nach Bismark. Sie erschien unumgänglich, damit Herr Pfr. Waldtmannshausen in das Sperrgebiet, nach Völpke versetzt werden könnte. Es ergab sich dann doch eine andere Lösung; die Versetzung wurde zurückgenommen. – Am 3. Mai kam Weihbischof Rintelen nach Großalsleben zur Firmung von 21 Firmlingen und zur kanonischen Visitation.

Pfarrgemeinderat, Pastoralreferent, Glaubensseminare sind Stich-worte der geplanten Erneuerung nach dem Konzil. Die Erfolge sind mäßig, die Anstrengungen im Dekanat ohne besonderen Elan.

Am 4.6. stirbt Christiane Wypior (1967 Erstkommunion) nach einem schweren Autounfall. Am 22.6. gehen 6 Kinder unserer Gemeinde zur Erstkommunion. Die Wallfahrten zur Huysburg am 4.7. (Kinder) und 7.9. (Familien) finden viel Anklang. In den Ferien halten wir wieder Ferienwochen. – Im August beginnen die Dachdecker endlich mit der Neudeckung des Kirchendaches. Bauausführung durch PGH „Grundstein“ Oschersleben. Klempnerarbeiten macht Firma Degenhardt in Oschersleben. Der kleine Turm an der Nord-ostecke der Kirche wird abgetragen, ebenfalls ein überflüssiger Schornstein. Die unnötigen Dacherker werden entfernt und die Dachrinne erneuert (keine Kastendachrinne mehr). Erst am 24. Oktober sind die Arbeiten beendet. Am 29. Dezember kommt Weihbischof Rintelen nach Großalsleben und bittet Pfarrvikar Karl das Amt des Regens auf der Huysburg anzunehmen.

 

                                   1970

Am 27. Januar 1970 beginnt das Sommersemester auf der Huysburg. Pfvk Karl ist zum Regens ernannt. In Großalsleben ist Vikar Hans Hofmann aus Calbe/Saale zum Vertreter ernannt.

Am 10. April ist die Bischofsweihe von Weihbischof Johannes Braun in Magdeburg. Gleich nach Abschluß des Semesters am 15. Juli kehrt Vikar Karl von der Huysburg zurück, nachdem er in den Ferien öfter nach dem Rechten gesehen hatte. Die Abwicklung der Arbeit als Regens zieht sich noch bis Anfang Oktober hin. Am 1. August feiern wir die Goldene Hochzeit von Fritz Senft (stellvertretender Leiter des Kirchenvorstandes, Frau Senft als jahrelange treue Amateur-Organistin in Großalsleben). Im November beginnen wir mit dem Ausbau eines Gemeinderaumes in Hordorf. Dabei fällt dem Pfarrvikar eine alte Treppe ins Kreuz; er muß 10 Tage das Bett hüten. Zu Weihnachten ist der Raum benutzbar.

 

                                   1971

Die Arbeiten an unserem neuen Gemeinderaum in Hordorf kommen zum Abschluß. Am 20. Juni halten wir feierliche Erstkommunion in Hordorf 6 Kinder aus Hordorf  1 Kind aus Krottorf. Da die Besucherzahl zu groß ist, können wir nicht im Gemeinderaum feiern. Wir gehen in die evangelische Kirche. Am Nachmittag halten wir die Andacht im Gemeinderaum. Alle sind froh und dankbar wegen des gelungenen

 

[S. 166] Werkes. Herr Josef Streit in Hordorf hat entschiedenen Anteil am Gelingen des Werkes. Die Fastenpredigten dieses Jahres waren gut besucht. Die Fragen des Glaubenszeugnisses in unserer heutigen Welt wurden als dringend aber schwierig empfunden. Unsere Schola hat nach jahrelangem Bemühen Selbstbewußtsein entwickelt. Die ganze Gemeinde singt mit Begeisterung deutsche Choralmelodien aus dem Gesangbuch „Singende Gemeinde“. Fronleichnam haben wir wieder, wie jedes Jahr am Donnerstag

(10. Juni) gefeiert. In diesem Jahr waren die Theologen von der Huysburg zu Besuch. Wir hatten nur 1 Altar im Garten. Das Wetter war leider sehr mäßig; aber wir gingen doch in den Garten. Die Theologen waren erstaunt über den Gesang und die Beteiligung in der Gemeinde. – Die Vorbereitung der Pastoralsynode in der DDR sind in unserer Gemeinde und im Dekanat fast nicht zu spüren.

Am 10. August verläßt Pfarrvikar Karl die Gemeinde in Großals-leben. Er wird Pfarrer in Osterburg. – Ich wünsche der Gemeinde von Herzen Segen, Freude und Frieden. Ich danke für alle gute Mitarbeit und viele Zeichen der Zuneigung.

                         Großalsleben, den10. August 1971

                                               Waldemar Karl, Pfarrvikar

 

Anfang Juli 1971 erhalte ich die Versetzung nach Großalsleben. Eigentlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt damit nicht gerechnet, zumal ein Umzug für eine Priestermutter, die noch in ihrem Alter (geboren 29.1.1898) den ganzen Haushalt besorgte, eine sehr große seelische und nervliche Belastung bedeutet. Am 15.8.1971 feiere ich mit der ganzen Gemeinde zum 1. Mal in Großalsleben das hl. Meßopfer. Man hatte sich vorgenommen, den Nachfolger zu ignorieren, doch hatte man es sich anders überlegt. Der Gottes-dienst war gut besucht (Sonntag 15 Uhr). Eigentlich lief alles gut an, der Übergang glückte reibungslos. Doch was an Arbeit auf uns wartete: 1. konnte bis Weihnachten im Pfarrhaus eine

 

[S. 167] Warmwasserheizung installiert werden (woher die Rohre, der Ofen, fehlende Heizkörper u.a.?). Da das Pfarrhaus sehr kalt ist, schon im Herbst, hatten wir uns zu dieser Arbeit entschlossen. Herr Josef Streit aus Hordorf half in diesen Tagen (16 Tage) täglich mit. Man kann gar nicht beschreiben, was dieser Mann geleistet hat. Meine Sorge war nur, ob meine liebe Mutter das verkraftet. Ich verstehe nicht, daß man nicht schon früher eine Heizung anlegte, zumal ein Teil Heizkörper von der alten Schule noch vorhanden waren. Für 1972 wurden dann weitere Arbeiten ins Auge gefaßt.

 

                                               1972

Im Frühjahr soll es mit der Arbeit weitergehen. Eine Woche nach Ostern erkrankt meine Mutter (Noch ahne ich nicht, daß meine Mutter am 30.12.1972 heimgerufen wird). Im Frühjahr nun beginnen wir mit dem Bau der fast 50 Meter langen Mauer. Es gelingt mir, Zement, Kalk u. vor allem die vielen Hohlblocksteine heranzuschaffen. Wir schaffen diese „Riesenarbeit“. Kaum ist diese Arbeit beendet, wird die nächste angepackt: Sickerschacht vor der Kirche zum Auffangen des Regenwassers vom Pfarrhausdach, weil vor der Kirche betoniert und mit Platten ausgelegt werden soll. Wir schaffen es. Ende Juni erkrankt meine Mutter schwer (Rippenfell-entzündung) und ich bringe sie in Begleitung von Dr. Josef Petsch ins Krankenhaus. Ihr Zustand ist sehr bedenklich. Doch bessert sich das allgemeine Befinden Anfang September, bis dann Ende

 

[S. 168] September ein Schlaganfall dazukommt. Bis zu ihrem Tode fahre ich fast täglich zu ihr. Für mich waren es sehr schwere Stunden, ja Wochen u. Monate. Über 20 Jahre gibt es keine Heizung in der Kirche. Im Herbst 1972 gelingt es uns, eine Stuwa(?)-Fußplattenheizung unter den Kirchenbänken anzubringen. Dabei hatten entscheidenden Anteil: Herr Adolph, Elektromeister, Herr Georg Kanngießer jun., Tischler.

                         – Visitation Bischof Braun –

 

1973-1977

Diese Jahre sind gekennzeichnet von dem starken Bemühen der Gemeinde, all die Arbeiten, die anstehen, in Angriff zu nehmen. Bewundernswert die Hilfsbereitschaft der jungen Menschen (Kinder u. Jugend). Zunächst die Kirche: Der Altarraum wird völlig um-gestaltet (Abriß des alten Altares, Altarraum wird um eine Stufe erhöht, die untere Stufe weiter nach vorn gezogen. (Platten: bulgarischer Mrazza[?]). Im Jahre 1976 fertigt Dr. Nawroth (Görlitz)mit seinem Sohn 3 neue Betonglasfenster an (4 Wochen beide im Pfarrhaus „einquartiert“ – das alles ohne Wirtschafterin). Die Gänge im Kirchenschiff erhal-

 

[S. 169] ten auch neue Fußbodenplatten. Magdeburg bezahlt alles. Der erste Schritt zur Renovierung der Kirche ist getan. Gemeinde macht frohen Herzens mit (einige Skeptiker). Wir lassen nicht locker. Es muß zügig weiter gehen. Vor der Kirche sieht es erbärmlich aus. Auch hier muß etwas geschehen. Wir entschließen uns, den Weg zur Kirche (einfache Ziegelsteine) mir Kunststein-platten zu versehen, in der Breite der Toreinfahrt Beton hineinzu-bringen (vorher Lehmboden, der nach Regen auf dem Weg zur Garage oder beim Schließen der Toreinfahrt den Schuhen besonders „hold gesinnt“ war. Man kann auch auf deutsch sagen: eine schöne Schweinerei. Als Untergrund wurden viele LKWs Kies herangeschafft: (als der Bagger nicht funktionierte, fuhren wir in die Kiesgrube (Seeburg), um mit der Hand aufzuladen. Die Jungen, die damals mitgeholfen haben, haben Großartiges geleistet. Die Meckerer wurden langsam still. Wir brauchten keine klugen Rat-schläge, sondern hilfreiche Hände. Ohne den Stoßtrupp Burkhard Ashoff, Gerdi Wypior, Holger Hartwich hätte es traurig ausgesehen.

 

[S. 170] Auch das Ausschachten des …zig Meter langen Grabens (angefangen am Eingang der Kirche, um die Kirche herum, alte Schule entlang, Pfarrhaus entlang (Gartenseite) bis zur hinteren Toreinfahrt haben die drei „Musketiere“ in wenigen Tagen geschafft, der für die neue Blitzschutzanlage ausgeworfen werden mußte. Die alte Blitzschutz- war völlig verrottet u. hätte einem ein-schlagenden Blitz Anlaß zu hellem, boshaften Gelächter gegeben. Doch hatte man klugerweise noch viel mehr Arbeit für mich übrig-gelassen: die Mauer zur Straße (ein herrlicher Anblick): Omas alter Hut mutet da noch modern an. Eines Tage flog er ihr vom Kopfe (in allem Ernst: die Mauer war zusammengestürzt. Vielleicht Traurigkeit bei Einigen: ein altes Kulturdenkmal war zusammen-gestürzt. O weh und das Alte war doch so schön. Nützt ja alles nichts, es mußte was Neues hin: rötliche Bossensteine, im Jahre 1976 geht diese Arbeit „über die Bühne“ (altes Fundament muß rausgerissen werden, Berge von

 

[S. 171] Schutt müssen beseitigt werden (so etwas wird leicht vergessen, für manche Leute ist das keine große Sache, höchstens eine kleine Episode, eine Lappalie, die man im Vorbeigehen erledigt. Große Sachen fangen erst beim Dachdecken an. Da wir in diesem Sinne auch mal ein großes Ding „drehen wollten“, gingen wir im Jahre 1977 daran, das Pfarrhausdach (Zusätzlich ehemaliges Küsterhaus u. dazugehörige Schuppen) „kopfmäßig“ rundzu-erneuern: fast 4 Wochen  Arbeit (Haupthandlanger: der Pfr. (Schutt im hohen Bogen auf Hänger runterwerfen, Dachziegeln auf Transportband legen (große Hilfe von Seiten der LPG), am Wochen-ende Großeinsatz der Männer (habe mich sehr darüber gefreut, da ich da vom Handlanger auf Pfr. umschalten konnte), es war eine große Entlastung für mich. Zwischen kleinen u. großen Dingen liegen die Mttelgroßen: hierzu rechne die Klärgrube mit Sicker-schacht. Harte Arbeit für alle Beteiligten. Herr Friedrich Senft u. Herr Wypior

 

[S. 172] geben  die letzte Kraft her, um die schweren Brunnenringe für den Sickerschacht an Ort u. Stelle zu bringen. Sie waren meinem Ruf gefolgt trotz Vermeldung und Bitte an alle Männer. Ich war glücklich, daß die Beiden gekommen waren. Nun ist der Pfarr-garten an der Reihe. Er wurde völlig auf den Kopf gestellt: kein Gemüse mehr, dafür Rasen u. feste Wege. Für die Wege zeichnen verantwortlich „die 3 Musketiere“ u. vor allem Herr Georg Kanngießer jun. Er hat großartiges geleistet. In der Wahl zum Kirchenvorstand (1977) hat die Gemeinde in Dankbarkeit ihm die meisten Stimmen gegeben.

                                   – Visitation 15.10.77

                                               + Braun, ep.

 

[S. 173] Im Sommer 1976 begann Herr Dr. Nawroth mit der Anferti-gung der Glasbetonfenster (3 Stück). Die Arbeit dauerte 5 Wochen. Sein Sohn aus Leipzig half ihm dabei. Im April 1980 wurden die drei Fenster in der Kirche neu verglast. Die Arbeit übernahm die Glaser-werkstatt in Quedlinburg (Ing. Hans Georg Losert). Den Entwurf lieferte Herr Propf aus Köthen. Die Fenster kosteten 6378,32 M.

Ende November 1977 begannen wir mit dem Ausmalen der Kirche. Viele fleißige Helfer waren zur Stelle (Männer und Jugendliche). Wir wählten als Farbe Ilmatin. Die Wände mußten einige Male abge-waschen werden, bevor wir daran gehen konnten, mit der Aus-malerei zu beginnen. Kurz vor Weihnachten wurden wir fertig.

Im Jahre 1978 war es endlich soweit, daß das Bad eingerichtet werden konnte. Nachdem der Anschluß an das Stadtwassernetz erfolgt war, konnte die Firma  Otto Degenhardt aus Oschersleben mit den Klempnerarbeiten beginnen. Es war eine harte Zeit für alle Beteiligten: Löcher durch die Decke zum Keller ausstemmen. Große Hilfe hatte ich von Clemens Böhm u. Guido Jahns. Die Badewanne stellte uns der Hochwürdigste Herr Weihbischof Theodor zur Ver-fügung . Zwei Duschkabinen wurden installiert, hier halfen besonders mit Herr Karl-Heinz Wöbbecke und sein Sohn Rainer (Wände mauern). Zwei Toiletten für die Gemeinde konnten auch fertiggestellt werden. Wir alle waren sehr glücklich, als wir mit den Arbeiten fertig waren. Der Fliesenleger aus  Olvenstedt

 

[S. 174] bei Magdeburg bot beste Qualitätsarbeit (Herr Bernhard Fricke). Die Elektroinstallation in Bad u. Küche übernahm Herr Gerhard Boenke aus Hadmersleben (200 m Kupferkabel wurden verlegt). Im Jahre 1978 (Juli) erhielten wir den neuen Tabernakel und den Taufstein. Die Freude war natürlich sehr groß. Für den Tabernakel allerdings zunächst eine Rechnung für Auslagen:

700,- M. Nach Verzögerungen war es dann soweit: an einem Samstag (24.3.1979) konnte die Tabernakelstele aufgestellt werden. Die fünf Sedilien [Sitze im Altarraum] wurden am 2.9.1980 geliefert. Sie sind sehr geschmackvoll. Taufstein, Tabernakel u. Sedilien sind von Herrn Propf (Köthen) entworfen worden.

Im Jahre 1979 begannen wir mit dem Bau der Doppelgarage. Beim Abladen der Hohlblocksteine fiel mir ein Hohlblockstein auf den linken Fuß. Am 13. September 1979 wurde ich in das Marienstift in Magdeburg eingeliefert: Verdacht auf Blutvergiftung. Vier Wochen konnte ich mich dort wirklich erholen, die Pflege  war bestens. Nach meiner Rückkehr nach Großalsleben wurde die Garage noch vor dem Winter fertiggestellt. Die meiste Arbeit leisteten Achim Müller u. sein Bruder Wolfgang aus Wolfen. Verputzt wurde die Garage innen von Herrn Karl-Heinz Wöbbecke u. seinem Sohn Rainer.

Am 21. Dezember 1980 feierte ich mein silbernes Priesterjubiläum.

[S. 175] Die Festpredigt hielt Pfr. Theo Schmidt aus Gröningen. Alle Priester des Dekanates Oschersleben waren gekommen, auch mein guter Freund Leo Nowak aus Magdeburg. Dekant Pfr. Krause stand mir in diesen Tagen der Vorbereitung sehr zur Seite. Seine Wirt-schafterin Frl. Jaster übernahm all die Arbeit, die das leibliche Wohl betrifft. Sie hat die viele Arbeit hervorragend bewältigt.

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