Gründonnerstag 2018 Predigt

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Brüder und Schwestern,

wir haben viele Traditionen, in unseren Familien, in unserer Pfarrgemeinde. Etwa, wann wir bestimmte Feste feiern, daß wir uns zum Geburtstag beschenken, daß wir am Zweiten Weihnachtstag immer Oma Gerda besuchen, zu Silvester Heringssalat machen, daß die Männer am Sonntag zum Frühschoppen zusammensitzen, daß wir zu Fronleichnam vier Altäre aufbauen, daß der Pfarrer schwarze Sachen anhat usw. Es gibt wichtige und unwichtige Traditionen. Manche sind auch irgendwann überlebt oder erweisen sich sogar als schlecht, wie etwa die Tradition der Witwenverbrennung bei den Hindus, um ein extremes Beispiel zu nennen. Ohne Traditionen würden wir nicht zurechtkommen, wir können nicht immer wieder unser Handeln völlig neu konzipieren. Wir brauchen Traditionen, sonst wird das Leben zu anstrengend. Auch daß wir heute abend hier zusammen die hl. Messe vom Letzten Abendmahl Jesu feiern, ist eine Tradition. Aber es ist nicht nur eine menschliche Tradition im Sinn einer Gewohnheit, sondern eine Tradition, von der schon der Apostel Paulus im Frühjahr des Jahres 54 von Ephesus aus an die Korinther schreibt: „Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe“. Die Feier der Allereiligsten Eucharistie, zu der wir Christen uns jeden Sonntag und mindestens an den großen Festen versammeln, ist eine Tradition, eine Überlieferung, die auf Jesus selbst zurückgeht. „Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde…“. Wir kennen diese unmittelbar der Wandlung vorausgehenden Worte aus jeder Hl. Messe. Paulus spricht von einer Überlieferung (lateinisch: traditio) und von einer Auslieferung, d.h. von einem Verrat (lateinisch auch: traditio). Tradition als Überlieferung oder Tradition als Verrat. Jesus wird von Judas verraten und denen, die Ihn töten wollen, ausgeliefert. Und Er wird uns überliefert. In der Hlgst. Eucharistie liefert Er sich uns aus. Der verstorbene Kardinal Meissner hat seinen Priestern öfter am Gründonnerstag die Gewissensfrage gestellt: Wenn ihr zu Beginn der Messe den Altar küßt, ist das ein Kuß der Liebe oder ein Judaskuß? Es ist unendlich staunenswert, wie sehr der Herr sich selbst uns ausliefert in dieser Tradition, in dieser Überlieferung der Hl. Messe.

In dem, was wir morgen in der Karfreitagsliturgie begehen, nämlich die Verhaftung, Verurteilung, Geißelung und Kreuzigung unseres Herrn, sieht Er äußerlich aus wie ein gewöhnliches Justizopfer. All das Unrecht geschieht an Ihm: Er wird verhaftet, wird gefesselt, Er wird geschlagen, wird bespuckt, Er wird mit dem Kreuz beladen, wird gekreuzigt, wird begraben. Er scheint ganz passiv. Aber mit den Augen des Glaubens entdecken wir, was der Herr schon vorher angekündigt hat: „Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin.“ (Joh 10, 17). All das, was an Ihm geschieht, die ganze Passion, ist von innen her eine Gabe. Er gibt Sein Leben aus freiem Willen hin. Wem aber gibt Er sich hin? Das ist eine wichtige Frage, von deren Beantwortung viel für unseren katholischen Glauben abhängt, weil wir sonst das Herzstück der Messe nicht verstehen. Wem gibt Er sich hin? In jeder Hl. Messe gibt Jesus sich dem Vater hin. Das Sterben Jesu, das im Abendmahlssaal vorweggenommen wird, ist eine Hingabe an den Vater. „Jesus wußte, daß seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“ (Joh 13, 1) Das wird in der Liturgie auch dadurch deutlich, daß das ganze Euch. Hochgebet ein Gebet an den Vater ist, an dessen Schluß der Priester betet: „Durch ihn und mit ihm und in ihm ist Dir, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre.“ Und wir alle sprechen unser zustimmendes „Amen“. Und es wird da noch deutlicher, wo Priester und Gemeinde noch oder wo sie wieder in eine gemeinsame Richtung schauen, um dem Vater das große Dank-, Sühn, Bitt- und Lobopfer darzubringen, das Christus selber ist. Wem gibt Jesus sich hin? Dem Vater! Für wen gibt Er sich hin? „Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet [an den Vater], brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch.“ Er gibt sich dem Vater hin für uns. Das geschieht heute abend. Das geschieht unter heiligen Zeichen, aber ganz real in jeder Hl. Messe.

In der Hl. Kommunion liefert Er sich uns aus. Er schenkt sich uns, macht sich uns zur Nahrung. Und geht so ganz bewußt das Risiko ein, daß wir Ihn nicht mit einem glaubenden, liebenden und gereinigten Herzen aufnehmen, sondern die Hostie als eine bloß menschliche Tradition in Empfang nehmen, ohne zu wissen, was Hostie bedeutet, was dieses Wort übersetzt heißt: Hostia – Opfer. Dann wird die Tradition zum Verrat. „Niemand ißt dieses Fleisch, ohne es vorher anzubeten; wir würden sündigen, wenn wir es nicht anbeteten“ (vgl. Enarr. in Ps 98,9; CCL XXXIX, 1385), so sagt der hl. Augustinus. Diese Anbetung wird sich auch in unseren leiblichen Gesten zeigen, indem wir womöglich das Knie beugen, indem wir uns den Leib des Herrn nicht unachtsam wie irgendein Objekt in den Mund stecken, sondern Ihn wirklich kindlich, ehrfurchts- und liebevoll als Brot der Engel empfangen. „Tu deinen Mund auf, ich will ihn füllen“, so heißt es schon im Psalm (81,11).

Die Christen der östlichen Tradition bereiten sich außer durch die Beichte tagelang durch Gebet, Fasten und gute Werke darauf vor. Als ich Kind war, gab es noch jedes Jahr die Bilder zur Erinnerung an die Osterkommunion. Viele haben sich nämlich, nachdem sie monatelang nicht mehr kommuniziert hatten, vor Ostern aufgemacht, endlich zu beichten und diese besondere Osterkommunion zu empfangen. Dazu bekam man dieses kleine Andenken. Unbedacht und unvorbereitet die hl. Kommunion zu empfangen, bringt uns keinen Segen. So betet der Priester in jeder hl. Messe still: „Herr Jesus Christus, der Empfang deines Leibes und Blutes bringe mir nicht Gericht und Verdammnis, sondern Segen und Heil.“ Aber es ist auch nicht gut, grundlos den Empfang des Herrn immer wieder aufzuschieben. Denn Er will sich uns ja geben. Er will ja mit uns vereint sein, Er will uns in sich verwandeln, uns zu Gliedern seines Leibes machen, will uns das ewige Leben schenken, uns stärken für alle Kämpfe auf dem Weg der Nachfolge. Es ist sein Wille, daß wir Ihn empfangen!

Brüder und Schwestern, es ist erstaunlich, daß zwar Matthäus, Markus, Lukas und auch Paulus von der Einsetzung der hl. Eucharistie am Gründonnerstag berichten, nicht aber Johannes. Johannes hat dafür die lange Brotrede im 6. Kapitel, wo Jesus sagt: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben“ (6, 54).  Und als sich nach dieser Rede viele von Ihm trennen, macht Er nicht die geringsten Abstriche, sondern fragt die Zwölf: „Wollt auch ihr gehen?“. Er kann als seine Priester nur die gebrauchen, die daran glauben, daß Er uns wirklich sein Fleisch und Blut zur Nahrung gibt. Heute wird häufig vom Priestermangel gesprochen und dies wird mit Statistiken verdeutlicht. Aber haben wir wirklich einen Priestermangel? Nur da, wo wir Jesusmangel verspüren, da haben wir Priestermangel. Der Priester ist da, um uns Jesus zu bringen. Wo wir Jesusmangel verspüren, da haben wir Priestermangel. Und wo wir wirklich Priestermangel haben und ihn betend vor Gott bringen, da wird der Vater uns auch Priester schicken und uns nicht verhungern lassen. Aber wo wir keine Sehnsucht nach Jesus mehr hätten, da wären wir geistig schon tot.

Matthäus, Markus, Lukas und Paulus berichten von der Einsetzung des Sakraments im Abendmahlssaal. Johannes aber berichtet, was die anderen verschweigen: daß Jesus seinen Jüngern die Füße wusch. Er gibt uns mit diesem Sklavendienst ein Bespiel und Gebot: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“.

Bitten wir den Herrn, in uns den Glauben an das große Geheimnis der Allerheiligsten Eucharistie zu stärken. Bitten wir Ihn, daß wir Ihn mit einem liebenden Herzen empfangen, besonders als Wegzehrung vor unserm Tod, und daß Er uns durch dieses große  Sakrament die Kraft gibt, Seinem Beispiel zu folgen und immer füreinander dazusein. Amen

(Pfr. Christoph Sperling)