Predigt von Bischof Dr. Feige beim Requiem für + Pfr. L. Kemming

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Predigt zum Requiem von Pfarrer i.R. Ludger Kemming

 

am 24. April 2019 in Hamersleben

 

(Kol 3,1-4; Joh 12,23-26)

 

 

  1. Was ist der Mensch?

 

Was ist der Mensch? Diese Frage treibt Menschen schon seit Jahrtausenden um und wird immer wieder sehr unterschiedlich zu beantworten versucht: Ein genetisches Zufallsprodukt – oder ein bewusst hervorgebrachtes Geschöpf? Eine gesichtslose Nummer – oder ein unverwechselbares Original? Das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse – oder ein selbst bestimmtes Individuum? Vielleicht aber einfach auch nur sich selbst ein Rätsel?

 

Eingebunden in einen natürlichen Kreislauf von Werden und Vergehen sind wir der Vergänglichkeit unterworfen. Wir werden geboren, wachsen heran, entwickeln uns, altern und sterben. Das sind normalerweise die Bedingungen, die wir Menschen mit allem Lebendigen teilen. Und gleichzeitig ist in unserem Herzen eine unausrottbare Sehnsucht nach mehr, nach etwas Größerem, nach Sinn, nach Liebe, nach unbegrenzter Zukunft. Diese Sehnsucht lässt uns nicht zur Ruhe kommen. Elend und Größe, Macht und Ohnmacht sind die Pole, in denen sich diese Suche immer wieder bewegt.

 

Auch die Bibel sieht den Menschen ganz realistisch in einer solchen Spannung. Voller Staunen wird schon in einem der alten Psalmen gefragt: „Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du seiner dich annimmst?“ Und weiterhin heißt es da auf einen Schöpfer bezogen: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt“(Ps 8, 5). In anderen Psalmen ist aber auch ganz klar und nüchtern formuliert: „Wir sind nur Staub. Des Menschen Tage sind wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort, wo sie stand, weiß von ihr nichts mehr“(Ps 103, 14-16.) Oder:Nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde“ (Ps 104,29).

 

Das ist der Mensch in biblischer Sicht: fast Gott gleich, dessen Meisterwerk, ja sogar Ebenbild, auserwählt und begabt wie kein anderes Wesen, und doch auch vergänglicher Staub. Der Mensch: ein unauslotbares Geheimnis. Er gleicht einem funkelnden Eiskristall am Fenster: „Außergewöhnlich komplex und atemberaubend schön – im nächsten Moment jedoch bereits wieder aufgelöst ins ‚scheinbare’ Nichts“.[1] Das ist die Realität, der wir uns immer wieder stellen müssen.

 

 

  1. Ludger Kemming

 

In Ludger Kemming steht uns heute ein ganz konkreter Mensch mit seiner nur ihm eigenen Lebensgeschichte vor Augen. 1926 in Recklinghausen geboren wurde ihm nach dem Umzug der Eltern nach Altena das Sauerland zu seiner Heimat. Hier besuchte er auch die Schule, bis er noch als Gymnasiast 1943/44 als Flakhelfer ins Ruhrgebiet musste und schon bald als Soldat bei der Marine in U-Booten zum Einsatz kam. 1945 wurde er schließlich als Infanterist bei Dessau verwundet und konnte nach der Kapitulation wieder nachhause ins Sauerland gelangen. Nachdem er dort sein Abitur nachgeholt und eine Lehre zum Landwirt absolviert hatte, trat er ins Priesterseminar ein und wurde nach Studien in Paderborn und München 1954 in Paderborn zum Priester geweiht. Freiwillig stellte er sich zur Verfügung, um im Ostteil des Erzbistums, im sogenannten Bischöflichen Kommissariat Magdeburg, eingesetzt zu werden.

 

Die ersten acht Jahre seines priesterlichen Dienstes verbrachte er als Vikar in Weißenfels, dann Merseburg, als Hausgeistlicher im Magdeburger Marienstift und noch einmal als Vikar in Bernburg. 1962 ging er schließlich als Vikar mit dem Recht der Nachfolge nach Hamersleben und blieb hier 57 Jahre lang bis zum Ende seines Lebens. Von 1968 bis 2005 war er Pfarrer, und auch danach engagierte er sich noch weiterhin mit ganzem Herzen in der Feier von Gottesdiensten und in der seelsorglichen Begleitung. Höchste Anerkennung erwarb er sich darüber hinaus durch seinen unermüdlichen Einsatz für die Erhaltung der romanischen Basilika des ehemaligen Augustinerchorherrenstiftes St. Pankratius. Mit großer Freude konnte er 2012 auch die 900-Jahrfeier dieses beeindruckenden Gotteshauses mitbegehen. All die Jahre hindurch war es ihm ein Herzensanliegen, den Besuchern insbesondere die geistliche Dimension dieser besonderen Klosterkirche zu erschließen, ihren Verweis auf die Ordnung, die der ganzen Schöpfung zugrunde liegt, ja auf Gott selbst. Und nicht nur das, in immer neuen Facetten haben die Künstler der Romanik versucht, den Blick auf Jesus Christus zu lenken, in dem Gott Mensch geworden ist, und darzustellen, was zu den Grundlagen unseres Menschenbildes gehört: die unantastbare Würde jedes und jeder Einzelnen als Ebenbild Gottes. Zudem setzten sich die Augustinerchorherren besonders dafür ein, dass der Zugang zur Bildung für alle möglich sein sollte und dass Religion und Bildung zusammengehören. Offensichtlich gab es schon damals ein Gespür dafür, welche Folgen es haben kann, wenn sich eine Frömmigkeit nicht mit der Vernunft auseinandersetzt. Aus und mit dieser Tradition lebte Ludger Kemming, zugleich bis zuletzt geistig wach und überaus interessiert an den Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft. Und daneben hatten es ihm auch noch Papageien, Schafe und Hunde angetan. Obwohl er jahrzehntelang nur an einem Ort war, stand er doch in Kontakt mit vielen und hatte sogar internationale Beziehungen.

 

 

  1. „Ihr seid mit Christus auferweckt“

 

Sicher könnte man über unseren verstorbenen Mitbruder noch mehr berichten. Sie alle werden Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit ihm haben. Letztendlich bleibt er aber auch wie jeder Mensch ein unauslotbares Geheimnis: vergänglich und doch mit einer gottgleichen Würde ausgestattet, auf die konkrete Wirklichkeit ausgerichtet und zugleich von einer unausrottbaren Sehnsucht erfüllt.

 

„Ihr seid mit Christus auferweckt“ – so haben wir vorhin aus dem Brief an die Kolosser gehört – „darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“ Durch Jesus Christus ist unser Horizont weiter und unser Leben hoffnungsvoller geworden. So wie er den Tod bezwungen und in die Herrlichkeit Gottes vorausgegangen ist, sollen auch wir Anteil erhalten am ewigen Leben. Unser Schicksal ist nicht, im Nichts zu versinken; uns ist vielmehr eine himmlische Zukunft bereitet. Diese gläubige Gewissheit lässt uns schon jetzt Spuren des wahren Lebens entdecken und gibt uns Mut und Kraft, unsere Leiden zu ertragen.

 

 

Aus diesem Bewusstsein heraus hat unser verstorbener Mitbruder gelebt und sich frohen Herzens und tatkräftig für die Verbreitung des Evangeliums eingesetzt. Im Vertrauen auf das Himmlische hat er bestimmt auch manche Enttäuschungen durchstanden und immer wieder versucht, als „neuer Mensch“ zu leben.

 

Was aber bedeutet das? Im heutigen Evangelium heißt es dazu tiefsinnig: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Das erinnert zunächst an den ganz natürlichen Prozess von Aussaat und Ernte. Im Schicksal des Weizenkorns enthüllt sich uns aber zugleich der Sinn wahren Lebens und Sterbens. Es ist ein Wachstums- und Wandlungsprozess mit dem Ziel eines fruchtbaren neuen Lebens. Wer selbstsüchtig und krampfhaft an seinem Leben hängt und nicht bereit ist, es einzusetzen, vertut es, wer es aber selbstlos mit anderen in Freud und Leid teilt, kann viel gewinnen. In dem Maße, als wir in der Kirche auf diese Weise Christus nachfolgen, wird das Wirklichkeit. Und ein „Priester aus Leidenschaft“, ein guter Hirte und eifriger Seelsorger bringt dies in besonderer Weise zum Ausdruck. Aber erst in der Ewigkeit wird offenbar, wie fruchtbar unser Leben und unser Sterben für andere geworden ist.

 

Und so hoffen und vertrauen wir darauf, dass Gott liebevoll an Ludger Kemming vollendet, was er mit ihm begonnen hat. Möge er ihm alle seine Mühen vergelten, ihm Sünde und Schuld vergeben, sein Leiden in Freude wandeln und ihn zur Fülle des Lebens führen.

 

                                                                                                                      + Gerhard Feige

[1] D. Nauer, Christliches Menschenbild und Weihnachten, in: Anzeiger für die Seelsorge 12 (2009), 22.

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