Predigt zur Pfarreinführung vor 20 Jahren

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Pfarreinführung 15. Oktober 2006

Liebe Brüder und Schwestern! Die Anwesenheit so vieler aus der Gemeinde, meiner Verwandten und Mitbrüder und der anderen lieben Gäste ist mir ein Zeichen der Ermutigung. Diese Stärkung brauche ich, denn ich übernehme keine leichte Aufgabe. Es ist aber nicht so sehr die organisatorische Herausforderung, den zukünftigen Gemeindeverbund zu leiten, die mich bangen läßt, und es sind auch nicht die vielen Aufgaben,  die allein schon hier in Oschersleben auf mich zukommen. Vielmehr ist es die große Verantwortung eines Pfarrers, die mir mein Unvermögen bewußt macht und mich mein Versagen fürchten läßt. Einmal werde ich vor Gott Rechenschaft geben müssen für die mir anvertrauten Menschen, für ihre unsterblichen Seelen, um die ich mich zu sorgen habe. „Alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden“, so warnt mich heute der Hebräerbrief in der zweiten Lesung. Da bin ich froh, daß ich Halt finde in der großen Gemeinschaft der Kirche. Ich weiß, daß hier in Oschersleben und anderswo Menschen da sind, die ernsthaft für mich beten, was mir auch manche in diesen Tagen ausdrücklich gesagt oder geschrieben haben. Dafür möchte ich heute besonders danken.

„Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“. Mit dieser Frage an Jesus beginnt heute unser Evangelium. Es geht um das ewige Leben. Dafür ist ein Priester da, die Menschen zum ewigen Leben zu führen. Das ewige Leben aber ist nicht irgendein nebulöses Weiterexistieren nach dem Tod, sondern es ist das wahre, das volle Leben, es ist letztlich Gott selbst. ER ist das Leben und ER ist immer größer und schöner und wunderbarer, als wir uns IHN vorstellen oder auch nur erahnen können. Zu diesem GOTT möchte der Priester führen. Dafür tritt er an. Das ist seine Berufung. Ich glaube, für einen Priester gäbe es nichts Schlimmeres, als wenn ihn keiner mehr um Gott bitten würde. Und deshalb bitte ich heute meine Gemeinde: Bittet mich um Gott! Fragt nach dem ewigen Leben! Bitte laßt euren Pfarrer nicht nur den Verwalter eurer Gebäude, den Organisator eurer Aktivitäten und den Zeremonienmeister Eurer Feste sein! Fragt nach dem lebendigen Gott, denn – wie Jesus sagt – „niemand ist gut außer Gott“!

In unserem Evangelium beantwortet nun der Herr selbst diese Frage, die Frage nach der Erlangung des ewigen Lebens: „Du kennst doch die Gebote: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen, ehre deinen Vater und deine Mutter!“ Die Gebote Gottes, die Jesus hier exemplarisch zusammenfaßt, gelten zu jeder Zeit und an jedem Ort. Der Pfarrer hat die Pflicht, sich zuerst einmal im eigenen Leben um die Erfüllung der Gebote immer wieder zu bemühen. Darüber hinaus muß er sie auch seiner Gemeinde vor Augen stellen. Wir leben in einer Zeit, in der auch von Gläubigen die objektive Gültigkeit der Gebote Gottes und die Wahrheit der moralischen Lehre der Kirche oft nur schwer verstanden oder akzeptiert werden. Diese Gebote jedoch, so schwer sie uns manchmal erscheinen, sind in Wirklichkeit nicht Last, sondern Geschenk, denn sie zeigen uns den Weg zum Leben. Dieser Weg zum Leben ist oft eng und steil. Aber überall da, wo die Gebote gebrochen werden, schwindet das Leben, wie man deutlich sehen kann. Darum will ich als Pfarrer die Gebote Gottes und der Kirche nicht verschweigen und auch dann für sie eintreten, wenn ich auf Unverständnis stoße und vielleicht dafür Schwierigkeiten und Ablehnung von seiten der Menschen in kauf zu nehmen habe.

Doch, liebe Brüder und Schwestern, die Erfüllung der Gebote macht noch nicht die ganze Antwort Jesu aus. Der Dialog in unserem Evangelium geht weiter. Der Mann erklärt, die Gebote von Jugend an befolgt zu haben, und Jesus blickt ihn mit Liebe an. Auch wir dürfen diesen liebenden Blick des Herrn auf uns spüren. Sonst können wir auch das Folgende gar nicht verstehen. „Eines fehlt dir noch“, sagt Jesus: „Geh, verkaufe was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.“ Dieser Anruf ist mehr als Gebot, er ist Einladung, Versprechen, er ist Geschenk, Berufung. Viele Menschen denken ja, Christsein sei etwas Moralisches, es erschöpfe sich in dem Bemühen, Gebote zu halten. Und auch wir Gläubige selber laufen Gefahr, unser Glaubensleben darauf zu reduzieren, daß wir versuchen, eben ein wenig anständiger zu sein als die anderen. Dieses Mißverständnis ist tödlich und tötet die Freude, denn der Glaube ist unendlich mehr als Moral. Er ist das Abenteuer des Reiches Gottes, das Abenteuer der Nachfolge Jesu: „Komm und folge mir nach!“. „Der Mann aber war betrübt, als er das hörte, und ging traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sah Jesus seine Jünger an und sagte zu ihnen: Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen.“ Und als die Jünger über diese Worte bestürzt sind, wiederholt er noch einmal: „Meine Kinder, wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen! Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Ich habe in der letzten Zeit viel über diese Stelle nachgedacht und werde es wohl auch noch weiter tun und möchte auch konkrete Konsequenzen daraus ziehen. Wir merken ja, wie uns in unseren Gemeinden etwas hindert an der Freude des Reiches Gottes, wie der Glaube oft schwach und freudlos geworden ist, ohne Kraft und Ausstrahlung, schwer vermittelbar. Wir sind keine Millionäre, manche von uns sind sogar recht knapp bei Kasse, aber sind wir vielleicht doch zu reich geworden für das Reich Gottes? Der Reichtum, der uns am Reich Gottes hindert, ist ja nicht nur der materielle Reichtum. Es sind geistige Besitzhaltungen, die uns am kindlichen Empfangen der Geschenke Gottes hindern: Hochmut, Selbstgerechtigkeit, Ungehorsam, geistige Trägheit, das Eingehen auf allzu billige Angebote der Lebensgestaltung.

Es ist also nicht nur und auch nicht in erster Linie der materielle Besitz, der uns hindert am Reich Gottes. Aber es ist auch der materielle Besitz. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Ich glaube, es ist wichtig, daß wir auf dieses Wort wirklich hören und uns fragen, wo wir Dinge in den Händen halten, die uns hindern, Gottes Geschenke zu empfangen, und daß wir auch noch mutiger mit den Armen teilen und einfacher leben, daß wir nicht das Unmögliche versuchen, nämlich zwei Herren zu dienen, Gott und dem Mammon.

Im Sommer habe ich für ein paar Tage eine junge Ordensgemeinschaft besucht, die die Einladung Jesu zur Armut sehr konsequent annimmt. Die Armut um des Himmelreiches willen, die ich dort erlebt habe, ist eigentlich ein Reichtum, ein großer Reichtum, eine Freude, die man in den Gesichtern derer sehen kann, die alles verlassen haben, um Christus nachzufolgen. Wie schön wäre es, wenn auch wir hier mehr von diesem Reichtum empfangen und leben könnten, von diesem Reichtum einer Armut, die ganz auf GOTT vertraut!

Liebe Brüder und Schwestern! Wenn Jesus uns einlädt, ihm nachzufolgen, dann sieht das von außen oft nur aus wie Verzicht und Entbehrung. Ja, das ist Nachfolge Christi auch. Aber wer weggegeben, wer losgelassen hat, der hat die Hände frei, um zu empfangen. Und Gott läßt uns nicht leer ausgehen, sondern ER will uns beschenken. „Amen, ich sage euch“, sagt Jesus: „Jeder, der um meinetwillen und um des Evangeliums willen Haus oder Brüder, Schwestern, Mutter, Vater, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird das Hundertfache dafür empfangen: Jetzt in dieser Zeit wird er Häuser, Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder und Äcker erhalten, wenn auch unter Verfolgungen, und in der kommenden Welt das ewige Leben.“ Diese Erfahrung durfte und darf auch ich in meinem Leben machen, manchmal ganz buchstäblich. Häuser habe ich z.B. jetzt schon mehr als genug in dieser Pfarrei, wenigstens zur Verwaltung… und noch mehr Häuser dann im Gemeindeverbund. Äcker gibt es auch. Aber Jesus verspricht noch etwas Wichtigeres: die Brüder, Schwestern, Mütter, Kinder, also die Verwandten im Glauben. Auch die habe ich schon gefunden. Und es ist immer wieder eine große Freude, solche Menschen zu finden. Und ich möchte noch viel mehr von ihnen finden und dann mit ihnen allen das ewige Leben erhalten, so wie Jesus es verspricht. Amen